Gedanken zum Labor Day

01.09.2014

Im Ableben des Labor Day spiegelt sich der Niedergang der Vereinigten Staaten. Ein Gastbeitrag von Reagans ehemaligem stellvertretenden Finanzminister

Labor Day, der Tag der Arbeit, ist ein Feiertag, der seine Zeit überlebt hat. Wie Weihnachten, so ist auch der Tag der Arbeit zu einem Gedenktag avanciert, der seiner Zeit nicht mehr gerecht wird. Nachdem sich die Weihnachtszeit zu einer reinen Kauforgie entwickelt hat, so ist Labor Day - oder der Tag der Arbeit - nur noch zu einem der letzten Urlaubstage in den Sommermonaten verkommen.

Labor Day - oder der Tag der Arbeit - wurde im Jahr 1887 landesweit eingeführt, um dem großartigen Beitrag, den amerikanische Arbeiter zur Stärke und Prosperität der Vereinigten Staaten beigetragen hatten, zu gedenken und dieses Ereignis gebührend zu preisen. Der erste Montag im Monat September wurde durch den damaligen Präsidenten Grover Cleveland auserkoren, um eine ursprünglich geforderte Ansetzung des Feiertags im Monat Mai zu verhindern, wodurch die Erinnerung an das im Vorjahr begangene Haymarket Massaker immerfort aufrecht erhalten worden wäre.

Grover Cleveland (1903). Bild: Library of Congress

Im Angesicht dieses Massakers hielten amerikanische Arbeiter weitläufige Streiks zugunsten der Einführung eines 8-Stunden-Arbeitstags ab, in deren Zuge sie zu Opfern der Chicagoer Polizei wurden. Mit der Zeit avancierte die Betätigung in der Gewerkschaftsführung zu einer Karrierechance. Das ursprüngliche Ansinnen des Betreibens einer Bewegung aus einem völlig gerechtfertigem Grund und der damit verbundene Versuch, die Arbeitsbedingungen im Land zu verbessern, gerieten ins Hintertreffen.

Illustration des Haymarket Massakers (1886)

Im Gegensatz zu dieser Entwicklung waren die ursprünglichen Ziele der Arbeiterbewegung reformistischer Natur. Immerhin war der Umsetzung dieser Ziele eine Reihe von Erfolgen beschieden, so zum Beispiel ein sich allgemein verbesserndes und sichereres Arbeitsumfeld im Industrie- und Produktionssektor.

Beide Parteien denselben Herren tributpflichtig

Die sich neu formierenden Gewerkschaften bildeten fortan eine Gegenmacht zu den Industriellen und hielten die ausbeutende Macht des Kapitals in Schach. Mit der Aufnahme eines Jobs in der Industrie oder dem Produktionssektor ging die große Chance zum sozialen Aufstieg einher, was die amerikanische Gesellschaft und die Vereinigten Staaten zu einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten machte. Auch das sozialpolitische System wurde auf diese Weise durch das Entstehen einer breiten Mittelklasse gefördert.

Ein riesiger und florierender Industrie- und Produktionssektor stellte eine große Anzahl von Angestellten- und Büroarbeitsplätzen zur Verfügung, der Jobs für diese emporkommende Mittelklasse aus Managern, Ingenieuren, Wissenschaftlern und Designern schaffte. Und amerikanische Universitäten blühten ebenso auf wie deren Absolventen. Die aufkommenden Arbeitergewerkschaften verschafften der Demokratischen Partei eine finanzielle Basis im Arbeitersektor, die eine Gegenmacht zu den durch die Republikaner dominierten Sektoren des Industrie- und Finanzwesens bildeten.

Ob die Zerstörung der Gewerkschaften im Industrie- und Produktionssektor und die damit einhergehende Vernichtung der unabhängigen Finanzquellen der Demokratischen Partei nun ein gezielter Angriff oder eine unbeabsichtigte Folge aus der voranschreitenden Auslagerung von Arbeitsplätzen nach Übersee gewesen sein mag, sei einmal dahingestellt. Das Zwei-Parteien-System, das bis dahin eine ausgewogene und vernünftige Balance zwischen beiden politischen Lagern aufrecht erhielt, transformierte sich in ein Ein-Parteien-System, in dem beide Parteien von denselben Geld- und Finanzinteressen abhängig wurden. Logische Folge war, dass beide Parteien denselben Herren tributpflichtig wurden.

Verlust von ehedem gut bezahlten Arbeitsplätzen

Unmittelbare Folge aus dieser Entwicklung war der unaufhörliche Niedergang der amerikanischen Mittelklasse und der gleichzeitige Aufstieg der so genannten "oberen 1%" der Gesellschaft. Heutzutage blicken die Vereinigten Staaten nicht nur auf das am stärksten ungleichmäßig verteilte Einkommens- und Vermögensgefälle unter allen Industrieländern, sondern einem der größten Gefälle dieser Art in der ganzen Welt. Außer den an der Spitze stehenden 1% der Gesellschaft haben nur wenige Amerikaner einen Anteil am ökonomischen und politischen System in den Vereinigten Staaten.

Das immense Ungleichgewicht in der Verteilung von Einkommen und Vermögen kann nicht durch das bestehende Steuersystem korrigiert werden. Denn dieses Ungleichgewicht ist hauptsächlich dem Verlust von ehedem gut bezahlten Arbeitsplätzen geschuldet, die einst das Rückgrat der wirtschaftlichen Basis der amerikanischen Mittelklasse bildeten. Um diese Fehlentwicklungen zu korrigieren, bedarf es nicht nur einem Rückzug aus der Globalisierung, sondern auch einer Rückkehr zu einem weitläufig autarken Wirtschaftssystem, welches die Vereinigten Staaten mit Blick auf deren glorreiche Dekaden auszeichnete.

Ich bin auf diesen Faktor bereits in einem zuvor publizierten Bericht mit dem Titel Die Deindustrialisierung Amerikas eingegangen. Darin hieß es unter anderem, dass US-Senator Charles Schumer und ich am 6. Januar 2004 einen gemeinsam verfassten Report in der Kolumnenrubrik der New York Times mit dem Titel "Reifliche Überlegungen zum Freihandel" veröffentlichten.

In diesem Bericht wiesen wir darauf hin, dass die USA in eine neue Wirtschaftsära eintreten würden, in deren Zuge sich die Arbeitnehmer des Landes "einem beinharten globalen Wettbewerb auf nahezu jeder Arbeitsplatz- und Auftragsebene ausgesetzt sehen würden - vom einfachen Maschinisten über den Softwareingenieur bis hin zum Analysten an der Wall Street.

Die große Herausforderung, die aus der ungewöhnlichen Zusammenarbeit eines ehedem stellvertretenden Finanzministers der USA unter Präsident Ronald Reagan und einem liberaldemokratischen Senator aus New York resultierte - und als "Freihandelsglobalismus" bezeichnet wurde - sorgte zum damaligen Zeitpunkt für eine Sensation. Der liberale und in Washington ansässige Think Tank Brookings Institution organisierte eine in Washington stattfindende Konferenz, um Charles Schumer und mir die eigene irrgläubige Position zu veranschaulichen - oder vielleicht sogar nur deshalb, um die eigene Position zu verteidigen. 

Arbeitslosenquote unter der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter ist in den vergangenen sechs Jahren um 91,8% geklettert

Zusätzlich hat die Auslagerung von ehedem gut bezahlten Arbeitsplätzen nach Übersee das Wachstum in der heimischen Konsumentennachfrage zerstört, von der die US-Wirtschaft wie kaum eine andere Ökonomie auf der Welt abhängig ist. Resultat ist, dass die US-Wirtschaft nicht mehr dazu in der Lage ist, ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen, um mit der beständig wachsenden Erwerbsbevölkerung Gleichschritt zu halten.

Zwischen Oktober 2008 und Juli 2014 legte die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter um 13,4 Millionen Personen zu, während die amerikanische Beschäftigungsquote allerdings nur um 1,1 Millionen Personen wuchs. Um es mit anderen Worten zu sagen, ist die Arbeitslosenquote unter der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter in den vergangenen sechs Jahren um 91,8% geklettert.

Seit dem Jahr 2000 hat der Mangel an Arbeitsplätzen dazu geführt, dass die Erwerbsquote in den USA beständig gesunken ist. Und seitdem die finanzielle Lockerung (QE) im Jahr 2008 begann, hat sich dieser Abwärtstrend im Hinblick auf Entwicklung der Erwerbsquote noch weiter beschleunigt. Selbstverständlich lässt sich keineswegs von einer Wirtschaftserholung sprechen, wenn die Erwerbsquote kollabiert. Der folgende Chart verdeutlicht diese Ansicht:

Globalismus basiert auf einem Programm zur anhaltenden Verarmung der Arbeitnehmer in den Industrieländern. Gleichzeitig werden Macht und Einfluss aus den Händen Vieler in die Hände von nur Wenigen verteilt. Die Weltmeister der Globalisierung sind gleichzeitig auch die Weltmeister einer Vernichtung der amerikanischen Wirtschaft und der Strukturen des Landes.

Gewerkschaften wichtiger denn je

Heutzutage fahren die Republikaner damit fort, die Strukturen der Gewerkschaften im öffentlichen Sektor zu demolieren. Diese Arbeitsplätze lassen sich nicht nach Übersee verlagern, doch öffentliche Schulen lassen sich in halb staatlich und halb privat betriebene Schulen umwandeln. Gefängnisse lassen sich privatisieren und eine Vielzahl an öffentlichen Dienstleistungen lässt sich an Unternehmen aus dem privaten Wirtschaftssektor auslagern.  

Niemals zuvor in der Geschichte des Landes hatten Gewerkschaften im öffentlichen Sektor ein größeres Anrecht auf ihre Existenz, was auch für die Gewerkschaften im Industrie- und Produktionssektor des Landes gilt. Darüber hinaus konterkarierten Streiks unter der Polizei, Feuerwehrleuten, Lehrern und Mitarbeitern bei der Müllabfuhr die landesweite Unterstützung für die Gewerkschaften im öffentlichen Sektor. Ebenso trug eine Reihe von unangenehmen Erfahrungen im Bereich einer überbordenden Bürokratie unter Behörden auf kommunaler und bundesstaatlicher Ebene zu dieser erodierenden Unterstützung bei. Nichtsdestotrotz könnten handlungsfähige Gewerkschaften als ausgleichender Faktor mit Blick auf eine ambitionierte gesetzgeberische und exekutive Macht dienen.  

Egal, ob jemand eine wohlwollende oder ablehnende Meinung gegenüber Gewerkschaften vertritt, so bleibt festzuhalten, dass deren anhaltende Machterosion und deren Verschwinden gleichzeitig auch mit der Zerstörung eines ausgleichenden Machtfaktors verbunden ist. Ein System, in dem es keinen ausgleichenden Machtfaktor mehr gibt, transformiert sich in eine Tyrannei, die irgendwann nicht nur von Weisungen unabhängig, sondern auch niemandem mehr rechenschaftspflichtig ist. Die amerikanische Bevölkerung hat sich unterwerfen lassen, um sich in der Folge in eine Schafherde zu transformieren. Wird diese Bevölkerung jemals wieder um ihre verbrieften Rechte kämpfen, um sich gegen diese Art der Tyrannei zu erheben?

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Paul Craig Roberts und des in New York ansässigen Institute of Political Economy veröffentlicht. Dr. Paul Craig Roberts war in der Administration von Präsident Ronald Reagan stellvertretender Finanzminister der USA und in seinem Ressort zuständig für wirtschaftliche Leitlinien.

Im Laufe seines Lebens war er ebenfalls Mitherausgeber des The Wall Street Journal und wurde für seine herausragenden Leistungen zur Formulierung der Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten mit dem Meritorious Service Award des US-Finanzministeriums ausgezeichnet. 1987 zeichnete ihn die französische Regierung für seine Leistungen einer Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften und -strategien nach einem halben Jahrhundert des Staatsinterventionismus aus, woraufhin eine Aufnahme in die Ehrenlegion des Landes folgte.

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