Die Invasions-Ente

03.09.2014

Große Propagandalügen und k(l)eine Korrekturen

"Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie's lesen", notierte der Wiener Schriftsteller Karl Kraus, nachdem auf eine Falschmeldung der deutschen und österreichischen Presse über einen französischen Bombenabwurf auf Nürnberg Ende Juli 1914 unmittelbar die Kriegserklärung an Frankreich erfolgt war. Dieser fingierte Bericht war für ihn die Urlüge und das Paradebeispiel für die Manipulation der Massen in Kriegszeiten, die Kraus dazu führte, "den Journalismus und die intellektuelle Korruption, die von ihm ausgeht, mit ganzer Seelenkraft zu verabscheuen".

Als einer der Pioniere der Medienkritik hatte Kraus erkannt, dass die Medien die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern erzeugen, dass Meinungen und Stimmungen nicht einfach entstehen, sondern gemacht werden: "Ich habe erlebt, wie Krieg gemacht wird, wie Bomben auf Nürnberg, die nie geworfen wurden, nur dadurch, dass sie gemeldet wurden, zum Platzen kommen."

Das schrieb ich vor vier Wochen im Vorwort zu unserem Buch "Wir sind die Guten"- und zitierte den Medienkritiker Kraus auch in einem Telepolis-Artikel über die Lüge in Kriegszeiten (Lüge in Kriegszeiten). Genau 100 Jahre nach der Falschmeldung, die den Ersten Weltkrieg eskalieren ließ, scheint er aktueller denn je. Und es hört einfach nicht auf, das Lügen von "Diplomaten" und von Journalisten als ihren Stenographen und Lautsprechern.

Vergangene Woche orgelte diese Maschinerie in den Schlagzeilen die Nachricht von der "russischen Invasion" in der Ukraine durch alle Kanäle, in den Kommentare schraubte sich die Empörungswelle in schrille Höhen....: uuuuaaaah, die Russen kommen! Zwei Tage lang wurde die Botschaft rund um die Welt in der Wiederholungsschleife penetriert - dann twitterte das deutsche Leitmedium "Tagesschau" kleinlaut um 4 Uhr 42 morgens (Einf. d.Red: Der ungewöhnlich frühe Tageszeitpunkt 04:42 Uhr könnte sich durch eine von Twitter verwendete US-Zeitzone erklären, worauf im Forum hingewiesen wird):

Tja - ein Übersetzungsfehler. Kann ja mal passieren. Und wenn die weltbeste Zeitung "New York Times" und die weltgrößte Agentur "Reuters" etwas behaupten, wird's ja schon stimmen, und Übersetzungsfehler können mal vorkommen, klar. Was aber offenbar gar nicht mehr vorkommt im Journalismus unserer Tage, sind Recherche, Investigation und Nachforschungen. Geheimdienste, Politiker, PR-Agenturen belügen Journalisten und machen mit der medial erzeugten Realität Politik - nach der gefälschten Invasion werden dann "neue Sanktionen" beschlossen. Das kann nur gelingen, weil keiner nachfragt, nachforscht, nachhakt.

Wie schon bei dem Absturz der malaysischen MH-17, der Putin in die Schuhe geschoben wurde, dessen tatsächliche Aufklärung dann aber niemand mehr verlangt. Die Nachricht, dass die Untersuchungsergebnisse der Black Boxes erst im nächsten Jahr veröffentlicht werden sollen, ist dann allenfalls eine Kurznachricht wert (MH17: Noch immer kein Untersuchungsbericht, Verwirrspiel um den Bericht über den Absturz von MH17).

Die großen Agenturen und großen Zeitungen, die großen Konzernen gehören, orgeln ihre Propaganda in die Welt und bevor den Fake jemand bemerkt, sind schon wieder Millionen Gehirne mit der gewünschten Botschaft infiltriert. Und bevor sie im Kleingedruckten korrigiert und als Propagandalüge zum Thema wird, wird schon die nächste falsche Sau durchs Dorf getrieben. Dass einer der Autoren der NYT-Invasions-Story just derselbe ist, der einst mit Judy Miller der Welt ein paar Aluröhren als  Saddam Husseins "Massenvernichtungswaffen" verkaufte… Kann ja mal passieren, Übersetzungsfehler und so…

Die Nachrichtenagentur Reuters hält die Meldung mit der falsch übersetzten Behauptung Poroschenkos von einer "Invasion" im Übrigen nach wie vor - und unkorrigiert - abrufbereit.

Von Mathias Bröckers und Paul Schreyer ist gerade im Westend-Verlag das Buch: "Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren" (208 Seiten, EUR 16.99, als eBook EUR 12,99) erschienen. In Telepolis wurde bereits das Einleitungskapitel veröffentlicht: Die Guten und die Bösen).

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