Philosophen sollten mehr zweifeln

08.09.2014

Eine Replik auf das Interview mit Thomas Metzinger über Philosophie und Hirnforschung

Erkenntnisfortschritt, geistige Autonomie, Rationalismus - das sind humanistische Ideale, in deren Zeichen Metzinger Philosophie und Wissenschaft sieht. Gerade die auch von ihm vorangetriebene Neuroethik scheint hier aber in einem fragwürdigen Licht: Sie hat zu oft die Form von Öffentlichkeitsarbeit und Mittelbeschaffungsmaßnahme angenommen. Es braucht, wie Metzinger selbst vorlebt, keine Feindschaft zwischen Philosophie und Wissenschaft zu geben; beide Parteien sollten dabei aber nicht das vergessen, was sie am tiefsten miteinander verbindet, nämlich methodischen Zweifel. Die fehlgeleiteten Diskussionen zu Gehirndoping und Willensfreiheit machen dies deutlich.

Wissenschaftler wie Philosophen hätten zentrale Aspekte der Willensfreiheit missverstanden, Journalisten die Diskussion unnötig aufgebauscht, die Gesellschaft bisher die eigentliche Relevanz der Hirnforschung verkannt und die Unterzeichner des Memorandums für eine Reflexive Neurowissenschaft, zu denen ich gehöre, betrieben haltloses Neuro-Bashing: "Hirnforschung ist doof!", ist die Botschaft, die Thomas Metzinger von unserer Einladung zu einem interdisziplinären und kritischen Systemdenken mitgenommen hat ("Neuro-Bashing" als Nachfolger des "Veganer-Bashings").

Folgt man seiner Darstellung, dann liegt bei der Diskussion um die Hirnforschung einiges im Argen. In dieser Schlussfolgerung stimmen wir sogar überein, doch in der Lokalisation des Problems gehen unsere Meinungen weit auseinander: Ein Fokus auf die Dynamik der Wissenschaftskommunikation liefert meines Erachtens einen Schlüssel zum Verständnis.

Überholtes Kommunikationsmodell

Wir müssen uns von der naiven Sichtweise verabschieden, die den Forscher oder Philosophen auf der einen Seite als objektiven Repräsentanten der Wissenschaft aber die sogenannte interessierte Öffentlichkeit auf der anderen Seite als passive Zuhörer sieht. Gemäß diesem auch als Defizit-Modell bekannten Ansatz haben die einen, woran es den anderen mangelt, nämlich Wissen.1 Versorgten die Experten die Laien damit, dann wäre das Problem gelöst. Würde Wissenschaftskommunikation in der Praxis so funktionieren, dann gäbe es keine anhaltenden Missverständnisse zur Evolutionstheorie, Ursachen der Klimaveränderung oder eben den Entdeckungen der Hirnforschung.

Das Defizit-Modell gilt aber schon lange als überholt: Weder sind Wissenschaftler objektiv, das heißt sie stehen nicht über den Interessen, noch sind Laien passiv. Dank der fortschreitenden Organisation der Wissenschaft gemäß unternehmerischem Denken sind Forscher und Philosophen zunehmend Ich-AGs, die im Konkurrenzkampf um begrenzte Ressourcen ihre Ideen, Theorien und Forschungsprojekte verkaufen müssen, nämlich an Berufungskommissionen, Forschungsinstitutionen und nicht zuletzt die Öffentlichkeit, die als Steuerzahler wissenschaftliches Arbeiten finanziert.

Ökonomischer Anpassungsdruck von oben

Die Anpassungsfähigen sind diejenigen, die in diesem Kampf überleben. Thomas Metzingers einstiger Mentor, der frühere Professor an der FU-Berlin und für seine Romane wie "Nachzug nach Lissabon" bekannte Peter Bieri, hat den philosophischen Bleistift abgegeben, als ihm dieses Spiel zu bunt wurde. Er kritisierte, dass die Universitäten "zur Zeit durch die Perspektive der Unternehmensberatung kaputtgemacht werden. Wir bekommen ständig Fragebögen: Wie viele Gastprofessuren haben Sie wahrgenommen? Wie viele Drittmittel haben Sie eingeworben? Eine Diktatur der Geschäftigkeit. All diese Dinge haben mit der authentischen Motivation eines Wissenschaftlers gar nichts zu tun."2

Die an den Universitäten gebliebene alte und neue Professorengarde hingegen überbietet sich eifrig mit langen Publikationslisten und akkumulierten Fördersummen; sie hat sich an der unternehmerischen Universität eingerichtet und liefert das, was Hochschulräte und Wissenschaftsminister unter der Maxime "Sei exzellent!" von ihnen verlangen. Wissenschaft ist eine politische Arena geworden, in der sich Länder, Städte, Institute und schließlich einzelne Menschen permanent in Rankings vergleichen.

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