Von Hunne zu Hunne

07.09.2014

Ein Kommentar zu den NATO-Beschlüssen und der Rolle der britischen Regierung

Es ist schon seltsam genug. In dem einzigen Fernsehprogramm, in dem nicht von morgens bis abends Kochkurse, Tatort-Krimis oder Quotendiskussionen herunter genudelt werden, wird Rücksicht auf die deutsche Befindlichkeit genommen. "arte" gibt zwar britische Kampflieder gegen alles Deutsche aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges wieder. Übersetzt aber zum Schutz der heutigen Deutschen die Zeilen, in denen gegen die "Hunnen" Front gemacht wird, schamhaft mit Zeilen gegen die "Deutschen".

Der britische Regierungschef David Cameron mit US-Präsident Barack Obama und Nato-Generalsekretär Rasmussen NATO Summit Wales 2014. Bild: Paul Shaw/Crown copyright CC BY-NC-ND 2.0

Dabei sind wir gar nicht empfindlich, sind doch die Angelsachsen auf der Insel gleichsam unsere Vettern, denn anders kann man kaum erklären, warum die in Deutschland stationierten britischen Globalkrieger mentalitätsmäßig einen "Heimvorteil" genießen. Man kommt "von Hunne zu Hunne" eigentlich gut miteinander aus, selbst wenn man David Cameron nicht mehr vor den Augen sehen kann. Der einzige, der sich die englischen Kampflieder gegen uns gut anhören sollte, ist ein gewisser Präsident Putin im Moskauer Kreml.

Britische Propaganda kann einen schon fertig machen, wie wir Deutschen seit unserem verblichenen Kaiser Wilhelm feststellen können und jüngste Beispiele wie bei Milosevic, Saddam Hussein und Gaddafi mehr als deutlich machen. Wenn man begreifen will, warum Völker gegeneinander aufgehetzt werden, muss angelsächsische Propaganda zum Nennwert genommen werden. Hillary Clinton hat das jüngst wieder unter Beweis gestellt. Amerikanische Regierungsmitglieder stehen zwar seit langem bis zu den Knien in Blut, aber haben eine meisterhafte Fähigkeit, andere nach Den Haag zu bringen. Sie müssen offensichtlich einen Konflikt nach dem anderen lostreten und für sie siegreich zu Ende bringen, um selbst nicht dort zu landen.

Mal sehen, welche Songs in London nach dem schottischen Unabhängigkeitsvotum geträllert werden? Derzeit wird in London so getan, als wäre jedes Votum zugunsten der schottischen Unabhängigkeit eine Überraschung. Nichts ist falscher als diese Behauptung. Wie deutsche Diplomaten glaubhaft versichern, sind seit Mitte der neunziger Jahre bei allen Konflikten, an denen Großbritannien gewohnheitsmäßig auf dem Kontinent beteiligt gewesen ist, britische Unterhändler nur an einem interessiert gewesen: Welche Auswirkungen haben Verhandlungen zu kontinentalen Streitfragen auf die komplizierte Lage auf der britischen Insel? In einem Land, wo selbst die BBC mit horrenden Geldbeträgen aus dem britischen Staatshaushalt im außenpolitischen Interesse des Landes tätig ist, schreibt man jede Form von "intelligence" groß, so ganz anders als die "Hunnen-Vettern" vom Kontinent.

David Cameron will das mögliche Votum schottischer Wähler im letzten Augenblick zum Wohle der City of London beeinflussen. Oder sollte man seine beim NATO-Gipfel fulminant vorgetragenen Überlegungen zu einer globalen Eingreiftruppe der NATO anders werten? Um die Bundeswehr auf die koreanische Halbinsel oder in die indonesische Provinz Neuguinea zu bringen, sollen bis zu 3500 britische Soldaten diesem Kampfverband angehören. Vermutlich hat er dabei auf die Schotten geschielt, denn die ersten, die seit Jahrhunderten für England ihre Haut zu Markte tragen dürfen und für England ins Gras beißen, sind traditionell schottische Soldaten. Sie sind die tapfersten der Tapferen. In den Dienst dieser Tradition stellte am 4./5. September im walisischen Newport der britische Premierminister David Cameron seinen Vorschlag. Ob man das in Schottland als wohlige Perspektive verstanden hat?

Gewiss, der Vorschlag des britischen Premierministers zur globalen NATO-Eingreiftruppe bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als das Ende der Vereinten Nationen, weil die Substanz des Cameron-Vorschlages darin besteht, die NATO unter der Führung der USA und im Sinne des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und seines unsäglichen Vizepräsidenten Dick Cheney zum globalen Sicherheitsdienstleister und zum Ersatz der Vereinten Nationen zu machen. Die Reaktionen in anderen Teilen der Welt auf diese Vorschläge aus Wales sind durchaus interessant. Den Vereinten Nationen weint man zum Beispiel auf dem indischen Subkontinent kaum eine Träne nach, weil die Vereinten Nationen durchweg als amerikanisches Feigenblatt für die eigenen Kriegszüge angesehen werden.

Auch die Krieger der "IS" im Nahen und Mittleren Osten kommen dabei ins Spiel. Vielleicht ist die europäische Wahrnehmung dieser Mörderbanden begrenzter als sie sein sollte. In diesem Teil der Welt geht man selbstbewusst und gewiss im Rahmen einer Fehleinschätzung davon aus, diese NATO-Eingreiftruppe mit den eigenen IS-Kämpfern aufreiben zu können, sollte dieser NATO-Verband jemals im Verbreitungsgebiet von "IS" eingesetzt werden. All das hat David Cameron nicht davon abgehalten, seine Vorschläge zu unterbreiten, und die anderen haben in Wales mitgemacht, obwohl sie alle wissen, dass britischen Vorschläge nur das Ziel haben, den Verbleib Londons in der "Spezial-Liga" für Globalkonflikte festschreiben zu sollen. Als Nebeneffekt muss garantiert werden, dass deutsche Soldaten durch britische Befehlshaber kommandiert werden.

Man sollte sich auf dem Kontinent jede Zeit der Welt lassen, um die Ergebnisse des NATO-Gipfels zu prüfen. Nicht nur, weil diese Beschlüsse Deutschland und sein Regierungssystem auf den Kopf stellen würden. Die Bundeskanzlerin geht zwar mit der "Abrissbirne" an Grundüberzeugungen deutscher Politik heran, aber die Waliser Beschlüsse sind von grundlegender Bedeutung für das parlamentarische System in Deutschland. Das wird auch England bedacht haben, weil es sonst diese Vorschläge nicht gemacht haben würde. Ist es doch für Cameron lästig, auf sein eigenes Parlament und der dort vorhandenen temporären Abneigung gegen Militärabenteuer hören zu müssen. Wenn Deutschland seinen "Parlamentsvorbehalt" kippt, hat die NATO nichts mehr zu befürchten, im Inneren natürlich, zugunsten der Militärbefehlshaber.

Schottland geht uns dabei alle an. Im Kern ist die schottische Entscheidung von einer Qualität, die uns betrifft. Nicht nur in der Frage, ob Schottland und nicht England anschließend in der Europäischen Union verbleiben. Schottland steht für das soziale Europa während die "City of London" das Mekka derjenigen ist, die wie die deutsche Bundeskanzlerin unsere Demokratie "marktgerecht" umbauen wollen. Das Votum der schottischen Wähler ist ein Votum für oder gegen Europa.

Willy Wimmer ist CDU-Politiker. Er war zwischen den Jahren 1985 und 1992 verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU und Staatssekretär im Bundesministerium für Verteidigung. Wimmer war Stellvertretender Leiter der Delegation des Deutschen Bundestages bei der Parlamentarischen Versammlung der OSZE und war von Juli 1994 bis Juni 2000 Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

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