Ich zerstöre, also bin ich

11.09.2014

Terror im Land Nimrods: Nachdenken über Abgründe und Sackgassen

Wie in diesen Tagen eines medial geschürten Nervenkitzels unzweifelhaft zu erleben, geht von den Ländern im Nahen und Mittleren Osten mit ihren geschichtlich tief reichenden Wurzeln eine schaurige, genuin radikale Kraft aus, mit der diese Region der restlichen Welt, ohne Zweifel am meisten Amerika, die Kehrseite fortschrittlicher Zivilisation vor Augen führt. Für das stolze Amerika, das in seiner eigenen religiösen (neuzeitlich gefärbten) Identität solcher chthonischen Wurzeln entbehrt, ist diese abgründige, unzivilisierte Kraft eine besondere Herausforderung. Sie weckt im Westen tief sitzende Ängste vor dem Chaos schlechthin.

"So hybrid der global gewordene Terror der Islamisten ist, er braucht doch einen sozialen und politischen Boden, um derart gefährlich zu werden", äußerte der iranisch-stämmige Orientalist Navid Kermani 2006 in einem Essay.1

Diesen Boden gibt es in der Tat, und offensichtlich ist er fruchtbar; seine irrwitzigsten Blüten treibt er gerade in Teilen des Irak, die auch als Land Nimrods bezeichnet wurden. Nimrod, der in der Bibel in 1. Mose 10:8 als Sohn von Kusch genannt wird und den alten Geschlechtsregistern zufolge selbst ohne Nachkommen blieb, war nach Aussage von Historikern und Archäologen Reichsgründer und Tyrann in der Frühzeit mesopotamischer Zivilisation und kann als Prototyp des blutigen Helden angesehen werden, dessen Gewaltaktionen - und das ist interessant - zugleich politischer und religiöser Natur waren.

Nimrod, der Tyrann

Der namhafte britische Archäologe Sir Charles Leonard Woolley (1880 bis 1960) machte in einem seiner Bücher2 darauf aufmerksam, dass die Herrscher in Chaldäa, im sumerischen Staatsgebilde, sich als irdische Pächter himmlischer Mächte sahen, deren Willen sie ausführten. Sie waren das Bindeglied zur Gottheit. Der menschliche Hauptakteur, "patesi" (= Priesterkönig), amtete als Stellvertreter Gottes, in dessen Namen er regierte und handelte. Die Religion war so zugleich politisches Machtmittel; der Staat repräsentierte die göttlich gewollte Ordnung.

Nimrod, drakonischer Urahn aller mesopotamischen Reichsherrscher, erlangte zu seiner Zeit Geltung als Kraftmensch, als Jäger und trotziger "Held". So beschrieb ihn der jüdische Historiker Flavius Josephus im 1. Jahrhundert in seinem Werk "Antiquitates Judaicae" (Jüdische Altertümer, Erstes Buch, Viertes Kapitel). Nimrods Pläne im Zusammenhang mit Babylons ehrgeizigen Zielen liefen darauf hinaus, die Macht über die Menschen auf e i n e n Ort zu konzentrieren. Der amerikanische Schriftsteller Alexander Marlowe (1859 bis 1936) gab in seinem Werk "The Book of Beginnings" (Das Buch der Anfänge)3 die Textpassage 1. Mose 10:8-10 denn auch wie folgt wieder:

Und Kusch zeugte Nimrod; der begann ein mächtiger Tyrann im Lande zu werden. Er war ein schrecklicher Unterjocher … Und der ursprüngliche Sitz seines Reiches war Babylon und Erek [Uruk] und Kalne im Lande Sinear.

"Sinear" (Schinear) ist lediglich eine andere Bezeichnung für das Land Sumer, wie die frühen Bewohner den südlichen Teil Mesopotamiens selber nannten.

Das Drama der Verlierer

Die Aggression und Autoaggression der modernen Nimrods - man könnte ihr archaisches Wüten in gewisser Hinsicht als verschleppten Suizid bezeichnen - sind begleitet von einem manischen Hang zur Publizität: "Ich zerstöre, also bin ich". Die cartesianische Definition des individuellen Seins, gewendet in die magische Formel einer prähistorischen Konfession, in deren Bestandteilen sich auf rätselhafte Weise Anarchie, Religion und Nihilismus spiegeln und fatal ergänzen.

Hans Magnus Enzensberger schrieb als einer der ersten über die "Schreckens Männer" und ihre Disposition, nannte seine Betrachtung einen "Versuch über den radikalen Verlierer" (…): "Seine [des Verlierers] Tat ermöglicht es ihm, über andere zu triumphieren, indem er sie vernichtet. Andererseits trägt er der Kehrseite dieses Machtgefühls, dem Verdacht, dass sein Dasein wertlos sein könnte, dadurch Rechnung, dass er ihm ein Ende macht."4 Wobei Enzensberger hier auf den islamischen Selbstmordattentäter als Modellfall abhebt.

Jedoch, schiebt man, wie der Westen es ja bereitwillig tut, den rabiaten Milizionären des Dschihad pauschal ein "wertloses Dasein" zu, so darf man den zitierten Passus auch auf sie anwenden. Enzensberger weiter: "Die Medien sorgen dafür, dass ihm [i.e. dem Attentäter] - und sei es nur für 24 Stunden - eine unerhörte Publizität zuteil wird." Gewalt garantiert Aufmerksamkeit.

Es scheint so: Was wir im Namen von Demokratie, Freiheitsrechten und Individualismus am gewalttätigen Islamismus beklagen - den offensichtlichen Mangel an Reflexion, die Abwesenheit gestaltender Kraft, die Negation von Fortschritt -, eben das ist seine Stärke, die ihren rohen Atavismus gegen die Hochziele der Moderne ins Feld führt, gegen Politik, Rechtstaatlichkeit, gegen den Triumph pluraler Werte und gegen den okzidentalen Intellektualismus; einen zutiefst verachteten Intellektualismus, bleibt zu ergänzen.

Das Bild des radikalen (und radikalisierten) Verlierers, hier am Beispiel des Attentäters, trifft aber nicht den ganzen Sachverhalt. Ein ins Maßlose gesteigertes Einfluss- und Kontrollerleben speist sich aus verschiedenen Quellen und benutzt ein Bündel von Orientierungen. Der Dschihadist ist eben auch ein Schizophrener: Um zu leben, muss er töten. Er inszeniert das Drama seiner Nicht-Existenz, indem er mit Gewalt aus der Passivität ausschert, aus der Art Passivität, wie sie auf den Hoffnungslosen und Zukurzgekommenen lastet. Sie fristen ein Schattendasein - es sind gerade die Jungen und Kräftigen im besten Mannesalter -, ein Dasein, das auch westliche Politik und westlicher Lebensstandard ihnen auflastet und aus dem eine theatralisch provozierte mediale Aufmerksamkeit für Momente erlöst und befreit.

Seite 1 von 3
Nächste Seite
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (91 Beiträge) mehr...
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Medienkritik

Zu den Verwerfungen im journalistischen Feld

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.