Warum im Empire die Sonne niemals untergeht

09.09.2014

Ex-Mitarbeiter Ray McGovern, der einst die US-Präsidenten Reagan und Bush informierte, ist Regierungskritiker geworden und war Mitunterzeichner eines Offenen Briefs an Merkel

Die Galerie Sprechsaal liegt unweit des Bundestages in der Berliner Marienstraße. Trotzdem dürften hauptberufliche Politiker hier selten anzutreffen sein. Im Bücherangebot finden sich vor allem Dissidenten der internationalen Politik. Zuletzt lief hier eine Ausstellung zur Propaganda im Ukraine-Konflikt. An diesem Abend spricht hier ein ehemaliger CIA-Mann, einer von den Leuten, die Angela Merkel kürzlich vor der NATO-Propaganda gegenüber Russland warnten. Der Gast ist jedoch nicht irgendein Field-Officer. Ray McGovern instruierte jahrelang jeden Tag die Präsidenten der USA persönlich. Wie kommt dieser Mann vor ein Publikum aus Anti-Kriegsaktivisten in Berlin?

Ray McGovern in Berlin. Bild: M. Daniljuk

Ray McGovern stammt aus einer irischen Familie in New York. Er wuchs in den 1950er Jahren in der Bronx auf, ungefähr dort, wo Martin Scorsese den Krieg der Gangs als amerikanischen Gründungsmythos inszenierte. in einem Umfeld, das Brad Pitt anschaulich in dem Film Sleepers darstellte. Wenn Ray McGovern über internationale Politik spricht, verweist er gerne auf ein Erlebnis mit seinem Großvater. Der nahm ihn irgendwann zur Seite und fragte ihn: "Junge, weißt du, warum die Sonne im britischen Empire niemals untergeht?" Die ziemlich irische Erklärung lautet, selbst Gott hätte Angst davor, mit den Briten im Dunkeln allein zu sein.

Ray McGovern spricht schon sein ganzes Leben über internationale Politik. Und er kennt sich bestens aus mit dunklen Mächten. Bis zu der Zeit, als er seinen Dienst im amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA antrat, war es keineswegs selbstverständlich, dass ein katholischer Jugendlicher aus der Bronx in den höheren Dienst strebte. Die protestantische Elite der Ostküste hätte die Iren lieber weiterhin bei der Feuerwehr oder im Polizeidienst gesehen. Aber seit 1961 saß mit John F. Kennedy zum ersten und letzten Mal ein Paddy im Weißen Haus. Das erleichterte vielen der O'Donnells und McGoverns den Weg in Spitzenpositionen.

Wie eng Ray McGovern mit dieser Lebenswelt verbunden ist, zeigt auch seine zweite Lebensentscheidung. Seine Frau Rita stammt aus der Kennedy-Familie. Ins Weiße Haus gelangte der CIA-Analyst aber erst in den 1980er Jahren. Für Ronald Reagan und George Bush Senior präsentierte er täglich die Neuigkeiten aus der Welt der Geheimdienste. Diesen älteren Bush bezeichnet er bis heute als einen "engen Freund". Die Aktivitäten von dessen Sohn George hingegen führten dazu, dass Ray McGovern mit der Welt der Regierenden brach - nach fast 40 Jahren im Job. Es war die Zeit unmittelbar vor dem zweiten Irak-Krieg, als das Weiße Haus die CIA-Nonproliferation-Abteilung benutzte, um die Welt glauben zu machen, dass Saddam Hussein an einem Atomwaffen-Programm arbeitet.

Damals, irgendwann zwischen den Angriffen vom 11. September 2001 und einem Artikel in der Washington Post am 14. Juli 2003, traf Ray McGovern eine dritte Lebensentscheidung. An diesem Tag veröffentlichte Robert Novak den Klarnamen von Valerie Plame. Er outete sie als CIA-Agentin, weil ihr Mann Joseph Wilson, der ehemalige Botschafter in Niger, den Präsidenten öffentlich der Lüge bezichtigt hatte. Die Geschichte von angeblich in Niger gekauftem Uran, mit dem der Irak angeblich ein Atomwaffenprogramm betreibt, war die übliche Panikmache, mit der seit Jahrzehnten Vorwände für Interventionen geschaffen werden (Yellowcakegate).

Ray McGovern dürfte mit der Geschichte selbst kaum ein Problem gehabt haben. In seiner Amtszeit wurde mit der Brutkastenlüge Politik gemacht. Aber dass ein Vizepräsident Dick Cheney den Namen einer CIA-Analystin bekannt machen lässt, das stellte für viele innerhalb der Dienste den ultimativen Tabubruch dar. "Tag der Infamie" tauft Ray McGovern dieses Ereignis später.

Seit seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst widmet er sein Leben dem "Aktivismus". Der ehemalige Präsidentenberater wechselte auf die Seite der amerikanischen Dissidenten und verbringt sein Leben zwischen Versammlungen, Protest, Kritik und Aufklärung. "Der Aktivismus ist der Preis, mit dem wir unsere Daseinsberechtigung auf dieser Erde bezahlen", zitiert McGovern heute einen befreundeten Priester und Aktivisten. Einen, der Napalm in Regierungsgebäuden der USA deponierte, um gegen den Krieg zu protestieren.1: Ein weiter Weg für einen Präsidentenberater aus der CIA. Ein Weg, der vielen kaum nachvollziehbar scheint. Vielleicht, und das sollen zumindest seine biographischen Hinweise nahelegen, kehrte Ray McGovern zurück zu seinen Ursprüngen, der irischen Community in der Bronx während der 1950er Jahre, wo der über Jahrhunderte andauernde Widerstand gegen ein Imperium mit der Muttermilch aufgesogen wurde.

Andy Müller-Maguhn mit Ray McGovern. Bild: M. Daniljuk

"Den einen Grund gibt es nicht. Alle Gründe zusammengenommen führen zum Krieg"

Das Publikum, größtenteils Aktivisten und Journalisten, erlebt an diesem Abend in der Galerie Sprechsaal beide Rollen in einer Person: Den eloquenten und stilsicheren Spitzenbeamten, der in mehreren Sprachen differenzierte Auskünfte erteilt, sowie den Aktivisten, der sich mit einer proletarisch anmutenden moralischen Klarheit positioniert. Er schildert die Verhandlungen zwischen Außenminister James Baker und Michael Gorbatschow um die deutsche Einheit. Die Zusage, die NATO "keinen Inch" nach Osten zu erweitern, stellt in seinen Augen eine absolut feste und verbindliche Vereinbarung dar. Sie wäre genauso gebrochen worden, wenn sie schriftlich niedergelegt worden wäre, denn Russland fand sich in einer Position der Schwäche wieder.

Seine Empathie für die russische Kultur zeigt Ray McGovern mit Präsentationen in russischer Sprache. Die Übersetzerin kommt kurzzeitig aus dem Konzept. Was für eine Ausnahme er damit in den USA darstellt, unterstreicht er selber, wenn er darauf verweist, dass man Katjuscha dort für einen Raketenwerfer und nicht für ein Liebeslied halte. Und er erinnert an den Preis, den die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zahlte, daran dass Wladimir Putin in Leningrad aufwuchs, in der Stadt, die 900 Tage von der Wehrmacht belagert wurde. Die Deutschen ließen die Bevölkerung systematisch verhungern. Die Leningrader aßen ihre Hunde und Katzen auf, der ältere Bruder des heutigen Präsidenten kam ums Leben.

Als einer der Gäste versucht, ihn auf eine Ursache für den Ukraine-Konflikt festzulegen, erinnert Ray McGovern an die Diskussionen während des letzten Golfkriegs. "War es das Öl? Waren es strategische Interessen? War es Dummheit? Den einen Grund gibt es nicht. Alle Gründe zusammengenommen führen zum Krieg." Wer erwartet hatte, dass der ehemalige CIA-Mann öffentlich Interna ausplaudert, wird diese Veranstaltung enttäuscht verlassen haben. Hans Springstein vom Blog Nachrichtenmosaik fragt, welche Quellen die Veteranen aus den Nachrichtendiensten nutzten, als sie die deutsche Kanzlerin darauf hinweisen, dass die NATO-Erklärungen über eine angebliche russische Invasion nicht vertrauenswürdig seien (Offener Brief an Angela Merkel). Er erfährt eine freundliche Nicht-Antwort. An einem Punkt ist sich der ehemalige Präsidentenberater jedoch sicher: "Angela Merkel könnte sehr viel selbstbewusster auftreten, um deutsche oder europäische Interessen zu verteidigen."

Ray McGovern nutzt den Abend, um Spuren zu legen. Man müsse sich klarmachen, erläutert er, dass ein Zbigniew Brzeziński auch heute noch der wichtigste außenpolitische Ratgeber von Präsident Barack Obama ist. Er selbst habe noch niemals einen Menschen getroffen, der Russland mehr hasst, als es Brzeziński tut. Und so fallen an diesem Abend verschiedene Empfehlungen für dessen Werk aus den 1990er Jahren: "Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft".

Immer wieder lässt der Ex-CIA-Mann Hinweise auf WikiLeaks fallen. Was er belegen muss, zitiert er aus den Cables des Außenministeriums, die WikiLeaks veröffentlichte. Edward Snowden sei ein extrem wichtiges Beispiel für alle Mitarbeiter in US-Behörden, betont McGovern. Immerhin befindet er sich auf freiem Fuß, anders als Chelsea Manning oder Julian Assange. Er lobt WikiLeaks wegen der gelungenen Rettungsaktion für Edward Snowden und legt einen Werbeblock für die Stiftung Courage ein. Auch CCC-Mitbegründer Andy Müller-Maguhn, der inzwischen die Übersetzerin abgelöst hat, findet sich in der Liste der Vorstandsmitglieder, die Gelder einwerben, um Whistleblowern eine sichere Zukunft zu ermöglichen.

Dass Ray McGovern auch in seinem zweiten Leben, dem politischen Aktivismus, auf einer höheren Ebene agiert als die meisten im Raum, wird deutlich, wenn er sich für die Kürze des Aufenthalts in Berlin entschuldigt. Bis gestern sei er noch in Wales gewesen. Dort fand bekanntlich ein NATO-Gipfel statt, der über das zukünftige Verhältnis zwischen dem Militärbündnis und Russland entscheidet. Morgen früh fliegt Ray McGovern nach Moskau weiter, aktuell Aufenthaltsort des an diesem Abend häufig gelobten Edward Snowden. Er müsse dort an einem russisch-amerikanischen Forum teilnehmen, sagt der Ex-Geheimdienstler. Und er erzählt, dass er in einem geliehenen Hemd unterwegs ist. Eine Behörde, die für die "Sicherheit bei Transporten" zuständig ist, habe leider sein Fluggepäck verloren. Auch in der Welt der globalen Aktivisten geht die Sonne niemals unter.

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