Die saudische Mauer gegen den Irak

09.09.2014

Schutz vor dem Islamischen Staat: Das erste, 900 km lange Teilstück der Hightech-Eingrenzung Saudi-Arabiens wurde in Betrieb genommen

Schon vor geraumer Zeit hatte Saudi-Arabien nach dem Vorbild der "gated nations" Israel und USA, aber auch der EU, beschlossen, das ganze Land durch einen realen und virtuellen Sicherheitszaun abzuschließen (Gated Nations: Rückzug hinter Mauern). Die islamistische Gefahr lauerte damals im Inneren und vor allem im Jemen. Allerdings sah sich Saudi-Arabien, das mit Iran als Regionalmacht konkurriert, nach dem Sturz von Hussein zunehmend durch die schiitische Dominanz im Irak bedroht. Jetzt wurde angesichts des auch von saudischen Kreisen geförderten Islamischen Staats, der sich im Irak ausgebreitet und damit gedroht hat, nach Mekka zu ziehen, das erste Teilstück des Grenzzauns von immerhin 900 km in Betrieb genommen, nachdem bereits Zehntausende von Soldaten an der Grenze zum Irak stationiert wurden.

Es ist schon kein Gespenst mehr, das umgeht, sondern ein ausgewachsener Trend. Während man in Zeiten des Kalten Kriegs versucht hatte, mit Mauern die Menschen am Verlassen zu hindern, werden nun mehr und mehr Mauern, Zäune und Hightech-Grenzen gerade um Länder und Staatenbündnisse gezogen, die sich als Speerspitze von Freiheit und Demokratie verstehen, um unerwünschte Eindringlinge von Terroristen über Migranten oder Kriminellen abzuhalten. Die Welt der Freizügigkeit, des freien Flusses der Menschen, Waren, Finanzen und Informationen, die der Liberalismus nach dem Ende des Kalten Kriegs propagiert hat, ist neuen nationalen Grenzregimen gewichen, die vor allem die Freizügigkeit der Bewegung der Menschen, die als Belastung und Gefahr, nicht als Gast betrachtet werden, rigoros kontrollieren wollen.

Es sind die jeweils reicheren Länder, die sich vor dem Zustrom von unerwünschten Menschen aus ärmeren Gegenden durch Mauern schützen wollen. Im Kleinen sind das die be- und mit Technik überwachten Villen und Gated Communities, im Großen die Gated Nations, die sich um ihre Sicherheit und um ihren Wohlstand sorgen. Die Macht wird zwar nicht durch wilde Reiterhorden bedroht, wie im alten China, sondern durch Flüchtlinge, Menschen, die ihr klägliches Leben verbessern wollen, wie das einst auch die Europäer gemacht haben, die gen Osten und nach Nord- und Südamerika ausgewandert sind, Kriminelle oder Terroristen. Mauern sind Ausdruck der Angst, eine Art nationales Immunsystem und Folge eines naiven Glaubens, dass sich vermeintliche Gefahren ohne andere Veränderungen fern halten lassen, wenn man nur den freien Fluss unterbricht.

In spanischen Enklaven wurden tödliche Grenzzäune gegen Migranten hochgezogen, in Griechenland wurde unlängst eine Mauer gebaut - und auch in der Ukraine setzen nun Teile der Regierung auf die Wirkung einer Mauer als Allheilmittel und Konjunkturspritze gegen das russische Reich des Bösen, während man sich dem Westen, was Handel, Investitionen und Finanzflüsse betrifft, öffnet.

Eigentlich geht der saudische Plan, einen Sicherheitszaun an der nördlichen Grenze zum Irak aufzubauen, auf den ersten Golfkrieg zurück, als Saddam Hussein in Kuwait eingefallen war. Dann wurde er weiter vorangetrieben, als al-Qaida auch zu einer Bedrohung des saudischen Königshauses geworden war (Die arabische Mauer). 2003 wurde mit dem Bau einer Betonmauer an der Grenze zum Jemen begonnen, dann aus politischen Gründen unterbrochen und 2008 wieder aufgenommen.

2006 starteten die ersten Arbeiten an dem deutlich ambitionierteren Grenzabschnitt im Norden, 2009 schließlich erhielt der deutsch-französische Rüstungskonzern EADS, jetzt Airbus, den milliardenschweren Zuschlag für den Bau des ersten Teilstücks der Hightech-Grenzsperre von 900 km an der Grenze zum Irak und einer Radarüberwachung für alle Landgrenzen zu Kuwait, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jordanien, Jemen und Oman. Es sollte die teuerste Grenzanlage der Welt werden, man ging von mindestens 10 Milliarden US-Dollar aus, womit man auch die US-Grenzanlagen zu Mexiko und Kanada übertreffen wollte.

Mehr als 3 Milliarden soll die Grenzanlage im Norden gekostet haben. Sie besteht aus drei Zäunen und zwei sieben Meter hohen Sandwällen sowie Bewegungsmeldern, Überwachungskameras, Radarsystemen und Überwachungstürmen, die mit Kommandozentralen verbunden sind. Letzten Freitag hat der saudische König King Abdullah bin Abdulaziz Al Saud in Anwesenheit des Königs von Bahrain in seinem Palast in der Hafenstadt Dschidda die "Phase 1 des Projekts für die Grenzsicherheit" mit einem "Fingertipp auf einem Bildschirm" gestartet, wie die saudische Nachrichtenagentur berichtete. Die beiden Monarchen, die auf Sicherung ihrer Macht mit allen Mitteln setzen und jede Opposition unterdrücken, sollen sich dann in Anwesenheit weiterer Prinzen und anderen wichtigen Personen einen Dokumentarfilm über das Grenzsystem angeschaut und vom saudischen Innenminister anhand eines Modells über das Projekt informiert haben.

Nach dem Bericht sind mit der Überwachung des 900 km langen Grenzzauns fast 3400 Personen und 60 Trainer beschäftigt. Es gibt 8 Kommandozentren, 32 schelle Eingreifzentren, 3 offenbar noch schnellere Interventionseinheiten, 38 Tore, 78 Überwachungstürme, 10 Überwachungsfahrzeuge, ein Glasfasernetz in der Länge von 14500 km und 50 Radarsysteme. Die Hightech-Grenze soll Eindringlinge, Drogen-, Waffen- und Viehschmuggler reduzieren - auf Null!

Das Fatale an einem solchen System, das jeden Einfluss von außen auszuschließen sucht, wozu in Saudi-Arabien auch Zensur und eine strenge Cybergrenze gehören, ist, dass das eigentlich ins Ausland projizierte Böse nun im Inneren zu wachsen beginnen wird. Die absolute Kontrolle der Grenze wird zur weiteren Kontrolle im Inneren führen. Gut möglich, dass die zur Machterhaltung bestimmter Schichten mauerbauenden Nationen ihren Zenith schon überschritten haben.

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