"Der Anständige": Spießer und Massenmörder privat

20.09.2014

"Immer hat man selbst alles richtig gemacht" - Ein umstrittener Film über Heinrich Himmler

Ein Spießer und Esoteriker, der zum Massenmörder wurde: Heinrich Himmler, der "Reichsführer SS", war einer der mächtigsten Führer des NS-Staats und verantwortlich für den Tod von Millionen Menschen. Als Chef von Waffen-SS, Gestapo und Polizei, war er der Organisator der fabrikmäßigen Vernichtung der europäischen Juden. Himmlers Briefe, Fotos und Notizen bilden die Grundlage des Films "Der Anständige".

"Alle bekommen Orden und Auszeichnungen, nur Papi nicht. Wenn er nicht wäre, dann wäre alles anders!" Er hat's nicht leicht gehabt, der Heinrich Himmler. Das wusste seine Tochter Gudrun schon als Kind. Bis heute steht sie im Bann des Verbrecher-Vaters, eine Unverbesserliche, die als Mitarbeiterin und Leitfigur der Organisation "Stille Hilfe", NS-Tätern juristisch und finanziell unter die Arme greift.

Bild: Realworks

Man weiß nicht genau, was, neben den Taten selbst, von denen hier die Rede ist, das Abstoßendste an dem ist, was dieser Film zeigt: Die Beiläufigkeit, mit der Himmler offenbar selbst seine Taten abtat, die sich in Sätzen wie diesem äußert: "Ich bin dieser Tage in Auschwitz und Lemberg, bin gespannt, wie es dort mit dem Telefonieren sein wird!"

Auf der Fahrt in die Mordfabriken kreisen Himmlers Gedanken wohl tatsächlich vor allem um die Möglichkeit lästiger Telefonprobleme. Auch das heißt "Banalität des Bösen" und es zeigt, dass man auch nicht zuviel in das Innere solcher Massenmörder hineingeheimnissen sollte, nicht zuviel psychologisieren, wo vielleicht weder Gewissensbisse noch ideologischer Wahn die Hauptrolle spielen, sondern Gleichgültigkeit.

Aggressiver Spießer privat

Himmer, so wie er in diesem Film erscheint, war ein aggressiver Spießer, nicht dumm, aber auch keinesfalls besonders intelligent. Eher ein von Komplexen angetriebener Sohn, der mit seinem bürgerlichen Vater Gebhard und dem katholisch-bayerischen Milieu seiner Herkunft nie zurecht kam und deswegen zum Verräter wird an dessen Wertern und dessen Klasse - zum Repräsentanten des antibürgerlichen Ressentiment der Kleinbürger. "Er war ein kleiner grauer Bürokrat, dem es an Selbstvertrauen mangelte. Hochintelligent und mit einem eisernem Willen ausgestattet, nach oben zu kommen," sagt Vanessa Lapa, Regisseurin des Films.

Bild: Realworks

Oder ist doch das Verhalten der Umwelt abstoßender - etwa die bewundernde Gläubigkeit von Frau und Tochter Heinrich Himmlers? Denn das Eingangszitat ist auch insofern ein typisches Beispiel, da es zeigt, dass es heimliche Unsicherheiten gibt, Ahnungen, dass das nicht von Dauer sein würde, Minderwertigkeitskomplexe. Immer, auch noch zu den Hochzeiten des NS-Staats, halten sich die Menschen für zu kurz gekommen, für beneidet und verfolgt - und verraten damit doch nur den eigenen Neid und die eigene Paranoia. Und viel Selbstgerechtigkeit: Immer hat man selbst alles richtig gemacht

Von den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern abgelehnt

Die Regisseurin Vanessa Lapa setzt in ihrem Dokumentarfilm historische Fotoaufnahmen mit privaten Aufzeichnungen aus Briefen und Tagebüchern zusammen. Die Texte werden von Schauspielern wie Sophie Rois und Tobias Moretti gelesen. Der Film wurde von den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern abgelehnt. Man kritisierte den Zugang, der den Privatmann ins Zentrum rückt, und ganz auf die Wirkung der Texte setzt, dafür keinen Historiker zu Wort kommen lässt.

Auch wenn man den Film kennt, bleiben große Unsicherheiten darüber, ob dies ein befriedigender Zugang ist. Denn der Film erklärt wenig und sagt gar nichts über das wie und warum. Lapa fragt auch zu wenig nach. Und manche der unausgesprochenen Fragen sind eher uninteressant. Zum Beispiel die, wie Massenmörder und Familienvater zusammengehen.

Lapa nimmt eine Schlüssellochperspektive ein - das befriedigt eher Voyeurismus, als dass es aufklärt. Es ist Zeigen um des Zeigens willen, Popularisierung ohne tieferen Sinn. Auch die Vertonungen von stummen Bildern - marschierende Füße, diffuse Stimmkulissen aus dem Off - kennt man zwar vom seichten Historienfernsehen aus Guido Knopps Geschichtsfastfoodküche, in einer seriösen Kinodokumentation hat dieses Stilmittel aber nichts zu suchen. Trotz solcher Abstriche und Einwände ist "Der Anständige" ein besonderer, durchaus sehenswerter Film.

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