Wissenschaftsjournal Science will Open-Access-Zeitschrift gründen

25.09.2014

Zuerst wurde das Vertrauen in Open-Access-Journalse erschüttert, jetzt will Science einen lukrativen Frieden mit Open Access machen

Knapp ein Jahr ist es her, da publizierte das Wissenschaftsjournal Science einen Artikel, der das Vertrauen in die Qualitätssicherung von Open-Access-Journalen erschütterte. Sein Autor John Bohannon fragte "Who's afraid of Peer Review?" und gab gleich selbst die Antwort: Open Access fürchtet die wissenschaftliche Qualitätskontrolle in Form der Peer Review, der Prüfung durch wissenschaftliche Experten (Unzutreffend, aber schmerzhaft: Der Open-Access-Sting der Zeitschrift Science). Bohannon Ergebnis war präjudiziert, er untersuchte in seiner Beweisführung alleine Open-Access-Journale und nicht vergleichend die Qualitätskontrolle in Subskriptionsjournalen (oder: Closed-Access-Journalen). Nun aber scheint Science seinen lukrativen Frieden mit Open Access gemacht zu haben.

Bild: U. Herb/CC BY 4.0

304 Open-Access-Journalen, von denen überdies ein großer Teil (nämlich 121) bereits in einer öffentlich zugänglichen Liste als unseriös gekennzeichnet war, schickte Bohannon eine unsinnige Einreichung zu, die in 157 Fällen ungeprüft publiziert wurde und nahm dies als Anlass, Open-Access-Journalen per se eine zweifelhafte Qualität zu unterstellen. Der Autor untersuchte nach eigenen Angaben zudem nur solche Open-Access-Journale, die für die Publikation eingereichter Texte Artikelgebühren, die sogenannten Article Processing Charges oder APCs, einstreichen. Dies trifft aber nur auf 26 % der im Directory of Open Access Journals (DOAJ) geführten Zeitschriften zu.

Die Einschränkung auf APCs nutzende Journale ist zwar unlogisch, da sie ein nur bei einem Viertel der Zeitschriften vorhandenes Finanzierungsmodell auf schlichtweg alle Open-Access-Journale übertragt, zugleich aber zwingend für die Interpretation, die Bohannon dem Leser aufdrängt: Open Access finanziere sich über Publikationsgebühren, je mehr Artikel man veröffentlicht, desto mehr verdiene man folglich im Open Access, daher nehme man es mit der Qualitätssicherung nicht sehr genau. Dieses Modell führe zu einer Art Bulk Publishing, in dem eine Peer Review nur offiziell stattfindet und gegen Zahlung von APCs mehr oder weniger jeder Inhalt veröffentlicht werden kann.

Bohannons Studie wurde methodisch in Frage gestellt und als tendenziös bewertet. Teils wurde dem Autor ein suspekter Umgang mit Daten und Informationen unterstellt: Gunther Eysenbach etwa, Herausgeber des Journal of Medical Internet Research (JMIR), berichtet auch JMR sei Bohannons Text zugegangen und dort nicht publiziert worden - trotzdem fänden sich dazu keine Information in den Daten-Supplements zum Science-Artikel, umgekehrt tauchten dort aber mehrere Zeitschriften auf, die gar keine APCs erheben - während Bohannon behauptet, solche Zeitschriften gar nicht berücksichtigt zu haben.

Weiterhin, und das sei nur am Rande bemerkt, publizieren auch Closed-Access-Journale immer wieder dubiose oder wissenschaftlich falsche Texte. So konnte Anfang des Jahres der französische Informatiker Cyril Labbé über 120 computer-fabrizierte Nonsens-Artikel in Closed-Access-Zeitschriften und -Konferenzbänden der Verlage Springer und IEEE nachweisen (Wissenschaftszeitschriften lassen sich von computer-generierten Unsinns-Artikeln übertölpeln). Und auch Science selbst belegt im von Fang & Casadevall erstellten Retraction Index einen der unrühmlichen vorderen Plätze. Dieser Index berechnet sich aus dem Anteil zurückgezogener Artikel an der Gesamtheit aller Artikel eines Journals im Zeitraum 2001 bis 2010. Gründe für das als Retraction bezeichnete Zurückziehen bereits publizierter Texte sind in aller Regel z.B. schwerwiegende wissenschaftliche oder methodische Fehler, nachgewiesener Plagiarismus oder Datenfälschungen.

Was nicht in Sciene passt, soll lukratives Open-Access-Modell werden

Science gilt ungeachtet dessen für viele als seriöses Aushängeschild der Wissenschaft und "Who's afraid of Peer Review?" stellte die Vertrauenswürdigkeit von Open Access fundamental in Frage. Bohannons Artikel zeigte Wirkung und Open-Access-Journale standen urplötzlich als wissenschaftliche Dreckschleudern da, in denen zu publizieren für Wissenschaftler rufschädigend erschien: Der Spiegel etwa verkündete "Open-Access-Bewegung: Journale akzeptieren anstandslos gefälschte Forschungsergebnisse".

Wer aber nun dachte, Bohannons Attacke auf Open Access sei ein verdeckter Werbefeldzug für die Integrität von Closed-Access-Zeitschriften wie Science, sah sich mit einer überraschenden Wendung konfrontiert: Die für die Herausgabe von Science verantwortliche American Association for the Advancement of Science (AAAS) kündigte im Februar dieses Jahres an, eine Open-Access-Zeitschrift namens Science Advances zu gründen, das erste Heft wurde für Beginn 2015 in Aussicht gestellt. Die von Marcia McNutt (Editor-in-Chief des Journals Science) und Alan I. Leshner (Chief Executive Officer der AAAS und Executive Publisher von Science) verfasste Meldung enthielt auch einige bemerkenswerte Ausführungen zur Content-Gewinnung von Science Advances:

Papers favorably reviewed atScience,Science Translational Medicine, orScience Signaling but declined for lack of space can be considered automatically for publication inScience Advances. This can occur through a cascading process without further review or further effort on the part of the authors.

Diese etwas euphemistische Prosa kann auch so gedeutet werden: Artikel, die keine ausreichende Qualität hatten, um in Science einen Platz zu finden, werden zukünftig in Science Advances erscheinen. Für die Veröffentlichung in Science Advances fallen aber, wie McNutt und Leshner ausführten, APCs an: "[T]he new journal will be open access, with publication funded through author processing charges." Einreichungen, die nicht in Science erscheinen, brachten der AAAS bis dato keine Einkünfte aus Subskriptionen des Journals. Dank Science Advances ändert sich dies nun endlich, denn dort können diese Texte durch Zahlungen von Publikationsgebühren durch Autoren doch noch zu Geld gemacht werden.

Da die Peer Review und der weit überwiegende Teil der Bearbeitungsprozeduren bereits bei der Einreichung und Prüfung eines Artikels für Science erfolgt ist, hätte man hoffen können, dass die APCs für Science Advances moderat ausfallen. Allerdings unterschätze man dann denn Geschäftssinn der AAAS. Wie der NewStatesman kürzlich berichtete werden für Veröffentlichungen in Science Advances Gebühren von 3.000 US-Dollar fällig, die sich für Artikel von mehr als zehn Seiten Umfang um weitere 1.500 US-Dollar erhöhen.

Gegen nochmaligen Aufpreis von 1.000 US-Dollar dürfen Autoren ihre Publikationen unter eine liberale Creative-Commons-Lizenz stellen. Wissenschaftler werden aber zunehmend für Publikationen, die aus drittmittelfinanzierter Forschung hervorgehen, von ihren Geldgebern (z.B den Research Councils UK oder dem Wellcome Trust) zur Nutzung der äußerst liberalen CC-BY-Lizenz verpflichtet und so kommt die AAAS ohne weitere Umstände oder Aufwände zu zusätzlichen Einkünften, denn die Wahl der Lizenz erhöht die Produktionskosten eines Artikels nicht. Auch die Zuschläge für längere Publikationen waren in Zeiten der Druckveröffentlichungen vertretbar, schließlich bedeutete eine Überlänge Mehrkosten, im digitalen Publizieren erscheint es jedoch fadenscheinig, diese höher als kurze Veröffentlichungen zu bepreisen.

Das Geschäftsmodell des Open-Access-Journals der AAAS wird in der Wissenschaft sehr skeptisch bewertet, über 100 Wissenschaftler bekundeten ihren Protest darüber in einem offenen Brief an die Gesellschaft. Sie kritisieren vor allem den Aufschlag bei Wahl der CC-BY-Lizenz: "There is little evidence that non-commercial restrictions provide a benefit to the progress of scholarly research, yet they have significant negative impact, limiting the ability to reuse material for educational purposes and advocacy. For example, NC-encumbered materials cannot be used on Wikipedia. " Ähnliche Aufpreise für die Wahl der CC-BY-Lizenz kennen übrigens auch Journale der Nature Publishing Group (Geschäftemachen à la Nature).

Mit dem Abstand von zwölf Monaten könnte der Verdacht aufkommen, die Veröffentlichung von "Who's afraid of Peer Review?" sei der Auftakt einer durchdachten Fear, Uncertainty and Doubt Kampagne gewesen. Wissenschaftler wissen, dass Open Access ihnen Vorteile durch höhere Zitationszahlen beschert und sind um ihre Reputation bedacht. Nachdem Bohannons Artikel Open Access kompromittierte und Wissenschaftler, was den Ruf der Open-Access-Journale angeht, verunsicherte, tritt die AAAS als Deus ex machina auf und empfiehlt sich als vermeintlich seriösen und rechtschaffenen Open-Access-Publisher, wenn auch zu gleichermaßen fragwürdigen wie für den Verleger luxuriösen Konditionen - aber so die Botschaft: Vertrauen hat seinen Preis.

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