Liegt es am Verblendungszusammenhang, wenn heute die Revolution ausbleibt?

22.09.2014

Medien und Neoliberalismus - Teil 3

Wenn die Medien mit ihren neoliberalen Inhalten eigentlich gegen die Interessen der lohnabhängigen Bürger - und damit der Mehrheit - gerichtet sind, warum werden sie dann - wie die Bildzeitung - von diesen Bürgern gekauft und gelesen?

Am 3. September schrieb Albrecht Müller in seiner Replik auf den SZ-Artikel von Byung-Chul Han "Warum heute keine Revolution möglich ist":

Der Autor erkennt sonderbarerweise die große Rolle der Medien für die Stabilisierung der neoliberalen Ideologie nicht. Die Revolution wird durch Meinungsmache verhindert. Diese Möglichkeit war klar erkannt. Darauf wurde hingearbeitet. Systematisch wurde die Kommerzialisierung der Medien ausgebaut. Systematisch wurde die Konzentration der Medien in wenigen Händen zugelassen und betrieben. Meinungsmache beherrscht das politische Geschehen und wichtige Teile von Wirtschaft und Gesellschaft.

Nun ist diese Argumentation nicht wirklich neu, Medienkritik war in den 1970er Jahren - als es noch kein Privatfernsehen gab und die Pressekonzentration noch nicht so fortgeschritten war - die Lieblingsbeschäftigung der Linken und die Medienwirkung wurde als das Hauptargument für das Ausbleiben der Revolution und die Beständigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse angesehen.

In der Folge der Studentenbewegung der 1960er Jahre und der damit einhergehenden Rezeption marxistischer Klassiker entwickelte sich damals eine "materialistische Medientheorie", die sich die Analyse des Zusammenhangs von ökonomischen Bedingungen und massenmedialen Phänomenen auf die Fahnen geschrieben hatte. Thematisiert wurde unter politökonomischer Perspektive die mediale Machtkonzentration von Medienkonzernen, der Beitrag von Massenkommunikation zur Aufrechterhaltung des Status quo und die Bedürfnislage der "abhängigen" Massen.

Wo der Mainstream der Medienforschung das Publikum gern als "freien Wirtschaftsbürger" in einer "offenen Gesellschaft" sah1, entdeckte die kritische Medienforschung Arbeiter und untere Angestellte als generell durch das kapitalistische System geknechtet und speziell durch das Mediensystem manipuliert und an der Bewusstwerdung von Verblendungszusammenhängen gehindert.

Die materialistische Medientheorie entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, für die exemplarisch die Kritik von Horkheimer und Adorno an der Kulturindustrie in der "Dialektik der Aufklärung" steht. "Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus"2 und "Die Abhängigkeit der mächtigsten Sendegesellschaft von der Elektroindustrie, oder die des Films von den Banken, charakterisiert die ganze Sphäre, deren einzelne Branchen wiederum untereinander ökonomisch verfilzt sind"3, das sind Aussagen, die auch zentral für eine materialistische Medientheorie werden sollten, wenngleich auch die Totalität eines Manipulationszusammenhanges ihre Kritik als Verkürzung der gesellschaftlichen Brüche innerhalb des Lebenszusammenhanges kapitalistisch organisierter Gesellschaften fand.4

Der später mit Berufsverbot belegte Münchner Medienwissenschaftler Horst Holzer unternahm 1973 mit seiner "Kommunikationssoziologie" den Versuch, Mediennutzung in Abhängigkeit von Lebensbedingungen zu benennen. Dabei unterschied er drei Gebrauchswertansprüche gegenüber den Medien, die aus den Lebensbedingungen des massenmedialen Publikums der Arbeiter und unteren Angestellten und Beamten resultieren: Zum einen das Verlangen nach Wissensvermittlung. Dieses resultiert aus der Notwendigkeit, "über die Weiterentwicklung der Produktivkräfte, die fortschreitende arbeitsteilige Differenzierung der Gesellschaftsprozesse und die entstehenden Möglichkeiten der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens entsprechend orientiert, das heißt: entscheidungskompetent und handlungsrelevant informiert zu sein."5

Zum anderen das Verlangen nach Sozialtherapie, das aus der Notwendigkeit resultiert, "für die Defizite, Zwänge und Anforderungen, die die eigene soziale Lage kennzeichnen, Entlastungs- und Kompensationsmöglichkeiten zu haben." Zum weiteren das Verlangen nach Legitimationshilfe, resultierend aus der Notwendigkeit, "die eigene Situation deuten und bewerten sowie die einem begegnenden Zustände, Ereignisse und Verhaltensweisen rechtfertigen oder gerechtfertigt kritisieren zu können."

Diese Gebrauchswertansprüche, allen voran der Wunsch nach Sozialtherapie, schlagen sich, so Holzer, im Interesse an bestimmten, empirisch festgestellten Sendungskategorien nieder (an erster Stelle Nachrichtensendungen, gefolgt von Kriminal- und Kinofilmen, an letzter Stelle politische Sendungen wie Magazine, Interviews und Diskussionen).

Da diese Gebrauchswertansprüche des Publikums von dessen "Klassen- und Schichtsituation abhängen"6 ist es notwendig, so Holzer, die Lebensbedingungen der unteren und mittleren Schichten der Klasse der Lohn- und Gehaltsabhängigen zu betrachten: Im Detail spricht er die Belastungen der Arbeitswelt, die Ausstattung mit ökonomischem und kulturellem Kapital, die Wohnbedingungen und das Verhältnis von Frei- und Arbeitszeit an.7 Auf die Beziehung zwischen diesen Lebensbedingungen und Medienkonsum eingehend, schränkt Holzer diesen Zusammenhang aber auf das Entstehen eines kritischen Bewusstseins ein: "Diese Frage wird allerdings im vorliegenden Zusammenhang auf den Punkt zugespitzt, ob und wie in das Wirklichkeitsbewußtsein der unteren und mittleren Schichten der lohnabhängigen Klasse eingeht, daß die Wirklichkeit erkennbar und veränderbar ist."8

Wie man sieht, ist die Argumentation, die Medien würden den Status quo stützen und eine "Revolution" verhindern, nicht neu, heute würde man allerdings eher von Verblödungszusammenhang als von Verblendungszusammenhang sprechen. Zu blenden gibt es nichts mehr. Seitdem der Kalte Krieg vom Westen gewonnen wurde, wird Tacheles geredet. Bundespräsident Gauck macht es vor. Dass die Medien aber dafür verantwortlich sind, dass der große Aufstand gegen den Neoliberalismus ausbleibt, ist als Analyse zu kurz gegriffen. Warum? Das ist Thema der letzten beiden Folgen.

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