"Tötet sie, bespuckt sie, verachtet sie"

22.09.2014

Herkömmliche Anschlagsplanungen sind überflüssig: Der Sprecher des Islamischen Staates erteilt den Anhängern des Kalifats die Lizenz zum Töten in der ganzen Welt

Über 40 Minuten dauert die Rede (in Arabisch) des Sprechers des Islamischen Staates, Abū Muhammad al-‘Adnānī ash-Shāmī. Auch der transkibierte Redetext in Englisch, der vermutlich mit Kürzungen einhergeht, ist ausschweifend lang. Der Text ist eine Anrufung, voll typischer Elemente: Lobpreis des einzig wahren Gottes und seiner einzig wahren Anhänger, Grüßen, Segnen, Beschwören, Klagen, Verkündigen, Mahnen, Drohen, Verbannen und Verfluchen. Und es ist genau der Aufruf zu Gewalttaten an IS-Anhänger in aller Welt, den die internationale Öffentlichkeit seit Wochen erwartet. Neu ist das Spucken.

Namentlich angesprochen werden die muwahhidīn, d.h. die, die an den einzigen Gott glauben, die rechtgläubigen Monotheisten, "in Europa, Amerika, Australien und Kanada, in Marokko und Algerien, in Khorasan, im Kaukasus und in Iran", schließlich "überall auf der Erde". Wo immer sie sich aufhalten, jetzt sei es Zeit, den Islamischen Staat zu verteidigen: "So rise O muwahhid. Rise and defend your state from your place wherever you may be."

"Zerschmettere seinen Kopf mit einem Stein oder ersteche ihn mit einem Messer oder überfahr ihn mit einem Auto"

Nachdem al-‘Adnānī zuvor rhetorisch danach gefragt hatte, was die Rechtgläubigen für ihre Brüder tun könnten, liefert er wenige Sätze später konkrete Handlungsanweisungen:

Wenn dir weder ein IED-Sprengsatz zur Verfügung steht noch eine Kugel, dann suche dir einen ungläubigen Amerikaner oder Franzosen oder irgendeinen ihrer Verbündeten aus, zerschmettere seinen Kopf mit einem Stein oder ersteche ihn mit einem Messer oder überfahr ihn mit einem Auto, stoße ihn von einer Höhe herunter, ersticke oder erdrossle ihn, vergifte ihn. Versage nicht! Sei nicht verachtenswert. Dein Vorsatz soll sein: "Es könnte passieren, dass ich nicht verschont werde, wenn der Anhänger des Kreuzes und der Gesetze, die Menschen gemacht haben (taghūt), überlebt." Wenn du das Genannte nicht schaffst, dann zünde sein Haus oder seine Wohnung an, sein Auto oder sein Geschäft. Oder du zerstörst seine Ernte. Und wenn du das nicht schaffst, dann spuck ihm ins Gesicht.

Offensichtlich hat der Aufruf zur Gewalttaten nichts mehr mit dem "Modell Anschlagplanung" zu tun, mit dem die Geheimdienste die große Öffentlichkeit seit 2001 vor al-Qaida warnten; es werden keine Schläferzellen angesprochen, die auf Instruktionen warten oder die bereits instruiert sind, jeder Anhänger soll zu jeder Zeit an jedem Ort auf irgendeine Art zuschlagen, mit allem, was ihm auch immer zur Verfügung steht, bis zu letzten Spucke. Die Konsequenzen dieses Aufrufs, der alle, die nicht mit dem Islamischen Staat fanatisieren, zu weichen Zielen macht und das Überwachungsraster überfordert, sind nicht absehbar.

Der Kampf gegen Rom, die Juden, die Schiiten, die Alawiten, die Amerikaner, die Europäer...

Gleichgeblieben sind ein paar Grundelemente der von al-Qaida gewohnten Rethorik, hauptsächlich der Versuch, den Krieg gegen den Islamischen Staat als Krieg der Kreuzritter gegen Muslime darzustellen, al-‘Adnānī beruft sich auf den Kampf gegen das neue Rom, bzw. das neue Konstantinopel. Auch der Judenhass, die Judenverschwörung wie auch der Hass auf die Schiiten und deren Verschwörung sind aus früheren al-Qaida-Deklamationen bekannt. Als IS-spezifisches Element kommt der Hass auf die Nusairier, die Alawiten (also auf die Konfession, welcher der syrische Staatspräsident Baschar al-Assad angehört) dazu.

Auch Frankreich, dessen Präsident Hollande Ende vergangener Woche Luftschläge gegen den IS anordnete, wird bei der Lizenz zum Töten eigens erwähnt, was französischen Medien alarmiert:

Wenn du einen ungläubigen Amerikaner oder Europäer töten kannst - besonders einen gehässigen und schmutzigen Franzosen - oder einen Australier oder einen Kanadier oder irgendeinen der Bürger eines Landes, das sich der Koalition gegen den IS angesschlossen hat, dann verlass dich auf Allah, töte ihn auf irgendeine Art. Dazu brauchst du kein Urteil von irgendjemand. Töte den Ungläubigen, ob er Zivilist oder Soldat ist, es gilt die gleiche Regelung. Beide sind Ungläubige.

Auffällig ist, dass der Aufruf aus einer Art Defensive heraus geschrieben ist, auch wenn dies von den aggressiven Brutalo-Tiraden gegen alle, die nicht im eigenen Lager sind - die Aufzählungen der Feinde sind ermüdend lang und werden periodisch wiederholt, auf dass man sie nicht vergisst - überblendet wird, so legt al-‘Adnānī großen Wert darauf, den Islamischen Staat als Angegriffenen darzustellen, als Opfer einer Medienkampagne.

Das dürfte angesichts der gegenwärtigen Hellhörigkeit gegenüber Desinformationskampagnen bei einigen auf offene Ohren stoßen, insbesondere da die Juden als Ursprung allen Übels und Nutznießer sämtlicher "Kriegszüge gegen die Muslime" herausgestellt werden.

O Americans, and O Europeans, the Islamic State did not initiate a war against you, as your governments and media try to make you believe.

Futter für die psychologisch interessierten Deuter gibt das allgegenwärtige Motiv der Demütigung in der Rede al-‘Adnānīs. Die Feinde sollen "wie Schafe" abgeschlachtet und ihre Frauen entführt werden, weil man selbst Opfer zahlloser Demütigungen wurde, so Adnānī.

Americans watched with happiness the killing and destruction of 100,000s of dead and imprisoned Muslims.

Der psychoanalytisch geschulte Gegenwartsdiagnostiker Slavoj Žižek nannte die IS-Fundamentalisten kürzlich eine Schande für den Fundamentalismus (wobei er dazu anscheinend auf alte Texte aus seinem Fundus zurückgriff, was nicht gerade für eine akute Diagnose spricht). Dabei unterstellte er ihnen, dass sie sich im Geheimen unterlegen fühlen und jede Äußerung ihrer Gegner sie in diesem Gefühl bestärke und sie noch wütender machen würde. Spuckt gerade jemand?

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Oma wird nicht überfahren

Können Roboterautos ethische Entscheidungen treffen?

Cover

Der halbe Hegemon

Rückkehr der "deutschen Frage" und die Lage der EU

Kritik der vernetzten Vernunft Postmediale Wirklichkeiten Die verspielte Gesellschaft
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.