"Kampf auf Leben und Tod"

23.09.2014

Can Cicek vom Kurdischen Zentrums für Öffentlichkeitsarbeit zur Lage in den kurdischen Autonomiegebieten Syriens und zur türkischen Unterstützung des IS

Can Cicek ist Mitarbeiter des Kurdischen Zentrums für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad. Das Interview wurde am 23. September telefonisch geführt.

Kurdische Flüchtlinge an der türkichen Grenze. Screenshot aus dem UNHCR-Video

Herr Cicek, Können Sie uns kurz die aktuelle militärische Lage in der von dem IS angegriffenen kurdischen Autonomieregion schildern. Konnte der Vormarsch der Islamisten auf die strategisch wichtige Stadt Kobane gestoppt werden?

Can Cicek: Zunächst muss festgehalten werden, dass derzeit die bislang größte Offensive des IS gegen die Region läuft. Ein Großteil der militärischen Kapazitäten des IS wurde vor Kobane gebündelt, und nun versuchen sie mit aller Macht, die Stadt einzunehmen. Aufgrund des Formarsches des IS wurden sicherheitshalber viele Dörfer in der nähe dieser Stadt evakuiert, und viele Menschen haben in Kobane Zuflucht gesucht. Dort wurde auch ein Großteil der Volksverteidigungseinheiten, der YPG, zusammengezogen. Mittlerweile ist es auch so, dass einige Dörfer, die kurzzeitig von dem IS besetzt wurden, wieder von der YPG zurückerobert werden konnten. Dennoch muss gesagt werden, dass IS-Streitkräfte, die über schwere eroberte Waffen verfügen, den YPG überlegen sind, die ja nur über leichte Waffen verfügen.

Kann also von einer Stabilisierung der militärischen Lage gesprochen werden, gehen die YPG zur Gegenoffensive über?

Can Cicek: Das kann man so noch nicht abschätzen, da die Gefechte mit unverminderter Härte andauern. Der IS greift von drei Seiten mit überlegener Militärtechnik an, und es ist schon fraglich, wie lange die YPG dem noch standhalten kann. Der IS setzt dort rund 50 Panzer ein und schwere Geschütze. Die Islamisten werden auch von verschiedenen Kräften logistisch und militärisch unterstützt. Letztendlich ist es ein asymmetrischer Krieg, der hier geführt wird.

Wie sieht die humanitäre Lage vor Ort aus? Gibt es Berichte über Massaker oder Gräuel des IS an der kurdischen Bevölkerung?

Can Cicek: Generell geht der IS bei seinen Angriffen mit größter Brutalität und Unmenschlichkeit vor, um Angst und Schrecken zu verbreiten. So war es auch in den ersten Tagen der neuen Offensive, dass dabei Menschen enthauptet und Frauen vergewaltigt wurden. Wir haben auch von Entführungen minderjähriger Mädchen gehört, die in die Hände des IS geraten sind.

Deswegen wurden nach dem Angriff die Volksverteidigungseinheiten die besagten Evakuierungen von Dörfern organisiert, woraufhin viele Menschen in die Türkei flüchteten. Dort wurden dann zeitweise acht Grenzübergänge geöffnet. Es muss aber betont werden, dass die Angaben zur Anzahl der Flüchtlinge, die von türkischen Stellen gemacht werden - auf die sich dann auch UNHCR bezieht - extrem übertrieben sind. Vor Ort war zusammen mit unseren Mitarbeitern unter anderem die Linkspartei-Bundestagsabgeordnete Heike Hänsel - und die berichten von weitaus weniger Flüchtlingen. Der Abgeordnete der HDP (linke kurdische Partei in der Türkei) berichtet von höchstens 8.000 bis 10.000 Flüchtlingen. Die Zahlen werden also gerade dramatisiert.

Die Türkei öffnet zwar offiziell die Grenzübergänge, aber zugleich werden die Flüchtlinge dort regelrecht eingekesselt. Hilfe, auch aus dem Ausland, kommt bei den Flüchtlingen kaum an, sie wird blockiert. Von der lokalen Verwaltung der HDP aufgebaute Zelte für die Flüchtlinge wurden vom türkischen Militär beschlagnahmt, Hilfsaktionen der lokalen kurdischen Bevölkerung für die syrischen Flüchtlinge unterbunden. Mitunter wurde dort Tränengas eingesetzt. Den Flüchtlingen fehlt es an allem: an Nahrung, Kleidung, Wasser, Unterkünften. Es ist eine sehr kritische Lage.

Türkei soll den Islamischen Staat auf viele Weisen unterstützen

Seitens der Kurden gibt es immer wieder Anschuldigungen, die Türkei würde den IS unterstützen. Können sie das etwas konkreter benennen? Wie soll die Unterstützung der Türkei für diese Islamisten aussehen?

Can Cicek: Diese Unterstützung der Türkei gestaltet sich vielfältig. Es werden Waffen und Munition an den IS geliefert, damit dieser die Menschen in Nordsyrien - allen voran die YPG - angreifen kann. Die Türkei stellt dem IS auch Trainingskamps zu Verfügung, wie etwa die israelische Zeitung Haaretz berichtete. Das ist ein offenes Geheimnis, und die Menschen aus der Region wissen das auch.

Die Kämpfer des IS können auch faktisch die Grenze zur Türkei frei passieren und Rekrutierungspropaganda in der Türkei betrieben. In den Dörfern und auch in den Metropolen wie Istanbul finden in aller Öffentlichkeit Rekrutierungen durch den IS statt, bei denen mitunter IS-Fahnen offen geschwenkt werden. Es werden Spendensammlungen für die Islamisten veranstaltet. Die IS-Kämpfer genießen medizinische Versorgung in der Türkei, sodass die Krankenhäuser in der Grenzregion mit Islamisten überfüllt sind.

Die jüngsten Waffenlieferungen fanden kurz vor der Offensive des IS nahe Kobane statt, sie wurden laut Augenzeugenberichten mit der Bahn organisiert. Zudem sollen fünf mit Munition beladene LKWs an den IS von türkischen Stellen geliefert worden sein.

Der IS verkauft ja auch das Erdöl, das aus den von ihm kontrollierten Ölquellen gefördert wird, über die Türkei weiter. Ankara führt auch Gespräche mit dem IS, die unter dem Vorwand der Geiselbefreiung legitimiert wurden. Doch zugleich erklärte etwa der damalige türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu Anfang August, dass es sich beim IS nicht um eine Terrororganisation handele, sondern um eine wütende, missverstandene Gemeinschaft. Davutoğlu ist seit kurzem Ministerpräsident der Türkei.

Wir wissen, dass die YPG den bedrängten irakischen Peschmerga und den Jesiden zur Hilfe eilte, als sie vom IS angegriffen wurden. Gibt es nun Hilfe für Kobane seitens der irakischen Kurden oder seitens des Irak?

Can Cicek: Außer rhetorischer Unterstützung gibt es da nicht viel. Es fehlt an allem. Dabei bestünden Möglichkeiten, der YPG zu helfen. Wir wissen, dass die Regierung der kurdischen Autonomieregionen im Nordirak über gute Beziehungen zur Türkei verfügt. Vor kurzen wurde eine Proklamation der PKK an alle Kurden veröffentlicht, die sie zum gemeinsamen Kampf gegen den IS aufrief. Es ist hier für Kobane ein Kampf auf Leben und Tod, das muss hier deutlich gesagt werden. Wir wehren uns gegen ein drohendes Massaker, gegen einen Genozid.

Wie schätzen die kurdischen Kräfte in Nordsyrien die Luftschläge der USA gegen den IS ein?

Can Cicek: Ich kann bei der Beantwortung dieser Frage auf Salih Muslim, dem Kovorsitzenden der nordsyrischen Partei der Demokratischen Einheit (PYD), verweisen. Dieser meinte kürzlich, dass die Menschen in Syrien Waffen bräuchten, um sich verteidigen zu können. Er erklärte auch, dass er angesichts der dramatischen Lage etwaigen Luftschlägen der Amerikaner oder Franzosen gegen den IS nicht ablehnend gegenüberstehen könne.

In Deutschland sind Waffenlieferungen an die PKK oder YPG auch innerhalb der Linken sehr umstritten. Wie ist die Haltung der syrischen Kurden in dieser Frage?

Can Cicek: Ich kann da ebenfalls Salih Muslim zitieren, Er sagte, dass im Kampf gegen schwere Waffen des IS auch schwere Waffen vorhanden sein müssen. Momentan ist es ein asymmetrischer Krieg, der da geführt wird. Wenn der IS mit 50 Panzern angreift, dann ist es sehr schwer, sich mit leichten Waffen dagegen zu verteidigen. Wie gesagt, es ist ein Kampf um Leben und Tod, um Bestehen oder nicht Bestehen.

Unabhängig von dieser Frage lässt sich eher fragen, warum jetzt Waffen an Kräfte geliefert werden, die nicht kämpfen wollen, während die YPG aktuell die einzige Kraft darstellt, die gegen den IS kämpft. Die Volksverteidigungseinheiten haben den Angriffen des IS seit zwei Jahren ununterbrochen standgehalten.

Die PYD strebt ein demokratisches und föderalistisches Syrien an

Welche Ziele verfolgen die Kurden in Nordsyrien? Es wird ja immer der Vorwurf des Separatismus gegen die PYD oder die PKK in der Türkei erhoben.

Can Cicek: Es gilt hier darauf hinzuweisen, dass die PKK in Syrien nicht agiert, es ist die PYD, die dort aktiv ist - aber sie steht der PKK durchaus ideologisch nahe. Die PYD hat schon mehrfach geäußert, dass sie gegen eine Abspaltung von Syrien ist. Sie tritt für ein Modell an, bei dem alle nationalen und religiösen Gruppen in einem demokratischen und föderalistischen Syrien zusammenleben sollen. Man spricht innerhalb der PYD von demokratischer Autonomie, von einer demokratischen Konföderation, in der alle ethnischen und religiösen Bevölkerungsteile und Minderheiten repräsentiert sein sollen. Dies hat die PYD auch in den autonomen kurdischen Regionen Nordsyriens zu verwirklichen angestrebt und teilweise auch verwirklicht. Die PYD versteht sich gerade als eine syrische Kraft, dies das Modell der Autonomie und Selbstverwaltung auf ganz Syrien ausgeweitet sehen will.

Wie schätzen Sie den Islamischen Staat ein? Kann man da schon von einer faschistischen, von einer klerikalfaschistischen Organisation sprechen, die ein genozidales Programm verfolgt, ähnlich dem Nazifaschismus?

Can Cicek: Definitiv. Der IS sagt es doch selbst, dass sie jeden Andersgläubigen oder Ungläubigen umbringen oder köpfen werden. Auch ihr konkretes Vorgehen kann so charakterisiert werden. Es werden Frauen entführt, sie werden vergewaltigt und versklavt. In Mosul wurden Märkte für Sex-Sklavinnen errichtet, wo Frauen für wenig Geld verkauft werden. Es werden Menschen auf offener Straße willkürlich ermordet, Massaker sind an der Tagesordnung. Dann kann man doch nur noch vom Faschismus sprechen.

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