"Sie können es nicht!"

24.09.2014

Es ist Zeit, die Militärkomplexe zu entmythologisieren und ihnen die Verfügungsgewalt über die Geschicke der menschlichen Zivilisation zu entziehen. - Eine pazifistische Polemik

Das Heilsversprechen der politischen Kriegsapparate und ihrer Beherrschungswissenschaften lautet: "Yes, we can!" So genannte "Denkfabriken", deren Produktion schon an der Wurzel auf eine aberwitzige Kurzsichtigkeit programmiert ist, liefern - maßgeschneidert - die militärischen Problemanzeigen samt den dazu passenden militärischen Problemlösungen. Die Antworten erfolgen stets auf Fragen bzw. Problemstellungen, die das falsche Denken zuvor verursacht oder als relevant behauptet hat.

Im Zirkel dieser Vernebelung sorgen professionelle Dienstleister und eine schier endlose Hammelherde von Mitläufern dafür, dass nahezu auf allen Kanälen das gleiche Kriegsprogramm läuft. Einen ausgewogenen Mix aus Militärschlägen, Diplomatie und humanitärer Hilfe empfahl unlängst die Kommentatorin einer einstmals linken Zeitung.

Der Politikbetrieb bewegt sich keineswegs auf einem anderen Niveau als solche aus dem Kaffeestübchen geplauderten Rezepturen wider jene Gewaltexplosionen, die eine Welt-Kriegs-Unordnung hervorgebracht hat und immer weiter hervorbringen wird - sofern wir ihr nicht Einhalt gebieten.

Image statt Großhirnrinde

Flächenbombardements von Großstädten und die Atombomben-Wissenschaft haben den industriellen Massenmord der deutschen Faschisten nicht verhindert. Dies und die Flüchtlingspolitik "zivilisierter Staaten" während des Zweiten Weltkrieges sollte nicht unterschlagen, wer "The Best War Ever" als Zukunftsprogramm für alle Ewigkeit anpreist. Die ehrenwerte Mission, die Menschheit von der Barbarei zu befreien, mündete nach 1945 trotz UN-Charta alsbald in einen militärisch-industriellen Interessenskomplex, dessen Getriebe für klares Nachdenken keinen Atemraum mehr lässt.

"Problem-Löser" erfinden seither für diesen profitablen Komplex unentwegt neue Szenarien und Theorien. Wie rational es dabei zugeht, hat uns ein Jahrzehnt lang schon der US-amerikanische Vietnam-Krieg vor Augen geführt: mit mehr abgeworfenen Sprengstoff-Quantitäten als an allen Schauplätzen des letzten Weltkrieges zusammen, Kopfabschneider-Psychosen von GIs ("Apocalypse Now"!), Menschenbehandlung nach dem Vorbild von Insektenvertilgung, fast 60.000 gefüllten Leichensäcken auf US-Seite und Millionen Toten in Südostasien.

Der Biograph Alois Prinz zitiert zum Hintergrund dieses mit archaischen Blutphantasien einhergehenden Hightech-Massenmordes in Vietnam Ausführungen von Hannah Arendt. Der Philosophin zufolge können wir seit Bekanntwerden der "Pentagon Papers" (1971) wissen,

dass Amerika diesen ganzen Krieg um sein Image geführt hat - entweder wollte jemand die nächsten Präsidentenwahlen gewinnen (wer will schon der erste Präsident sein, der einen Krieg verliert?) oder aber es ging um das Image Amerikas in der Welt, um den Beweis, dass es wirklich die größte Macht der Welt ist. Doch damit nicht genug. Man wollte unbedingt, dass die Welt auch daranglaubt, dass Amerika das stärkste Land der Welt ist.

Hannah Arendt

Auch die Sowjetunion sollte nach der demütigenden Niederlage des weltweit stärksten Landes "ihr Vietnam" bekommen, weshalb die USA ab Mitte 1979 in Afghanistan verdeckt die Entwicklung eines islamistischen Gotteskriegertums beförderten. Die Lüge von Omnipotenz und globaler Mission kann die Supermacht sich selber und der Welt heute nicht mehr erzählen.

Was George Bush senior im Herbst 1990 ausrief, war mitnichten eine "New World Order". Zu keinem Zeitpunkt ist nach Ende des Kalten Krieges die Weichenstellung hin zu einem neuen, intelligenten Paradigma der Weltinnenpolitik erfolgt. Die "Problem-Löser" und "image-maker" sind vielmehr bis heute die gleichen geblieben. Unverdrossen dürfen sie ihrem Wahngebilde eine Billionen Dollar nach der anderen in den Rachen schieben, das Völkerrecht brechen, Folterkammern installieren, hunderttausendfache Massenmorde an Menschen anderer Kulturkreise vollbringen und bei alldem auch hinsichtlich der eigenen Heilsverheißungen unter Beweis stellen: "No, we can't!"

Übrigens hat noch niemand der weltweiten Christenheit abverlangt, dass sie sich kollektiv von den frommen Urhebern der genannten Verbrechen distanziert. Der Papst aus Deutschland präsentierte sich der Weltöffentlichkeit seinerzeit gar Seite an Seite mit dem Kriegsverbrecher George W. Bush junior.

Noch mehr "Raketenwerfer gegen das Böse"

Aus dem Golfkrieg 1990/91, dem NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien (1999), dem Afghanistan-Krieg (2001ff), dem Irak-Krieg (2003ff), der NATO-Intervention zugunsten von Regime-Change in Libyen (2011) samt anhaltender "Nachgeschichte", den Waffenlieferungen an syrische Bürgerkriegsparteien und dem "Islamischen Staat", jenem modernen Schreckensprodukt einer von den USA dirigierten Nahost-Kriegspolitik, sollen wir lernen, dass es immer so weiter gehen muss. Saudi-Arabien ist zwar Sponsoren-Zentrum einer fundamentalistischen Lesart des Islams, doch da dieses Königreich sich im Verein mit anderen Golfstaaten nunmehr selbst vom politischen Gewalt-Islamismus bedroht sieht, bleibt es wie gehabt "unser" Bündnispartner und Empfänger milliardenschwerer Rüstungslieferungen.

Die Losung: Wir brauchen noch mehr Rüstungsproduktion, noch höhere Militärausgaben, noch mehr Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, noch mehr Bombardements, noch mehr Aushöhlung des Völkerrechts, eine noch stärker militarisierte Massen- und Unterhaltungskultur (als Modell für allseitige Nachahmung auf dem Globus), noch mehr Kulturkampf, noch mehr Kriegswissenschaften an unseren Universitäten ... und am besten eine dauerhafte Gewalteskalation auch auf dem eurasischen Kontinent, wozu von interessierter Seite die Lunten ja gelegt sind.

Franz Josef Wagner, führender Intellektueller bei der Bild-Zeitung, weiß in diesen Wochen genau Bescheid. Unter der Überschrift "Liebe deutsche Pazifisten" hat er uns am 15. August 2014 darüber aufgeklärt, dass "ein Raketenwerfer gegen das Böse" wichtiger ist als eine Wasserflasche oder eine hygienische Toilette.

Pazifismus - ein ehrwürdiger Name für klares Denken

Die meisten aktuellen Attacken auf den Pazifismus fallen kaum geistreicher aus. Wie gut, dass man einen Übeltäter gefunden hat und also über Wesentliches nicht sprechen muss. Das Knäuel, in dem die Teufel und abermals neuen Teufel mit Beelzebub ausgetrieben werden, ist längst unentwirrbar. Waffenlieferungen, Luftbombardements oder Bodentruppen können die Gewaltexplosionen, die der Militärkomplex zuvor selbst entzündet hat, nicht beenden. Waffenlieferungen oder eigene Militärschläge, das sind die Verzweiflungsparolen der Ratlosen. Jeder halbwegs nachdenkliche Mensch kann heute sehen, dass die Krieger mit ihrem Latein wieder einmal am Ende sind. Sie geben noch immer vor, "Lösungen" parat zu haben und die von ihnen neu "geordnete" Welt irgendwie in den Griff zu bekommen. Doch es bleibt dabei: "Sie können es nicht!"

Mit dem Programm Krieg kann man ein Weltklima der Angst installieren, Schrecken und Tod verbreiten, Macht zementieren, der Freiheit den Garaus machen, Rüstungsprofite garantieren, kurzfristige Vorteile bei der Aneignung von Ressourcen erzielen, Gewaltkreisläufe ewig rotieren lassen und der Weltgesellschaft Mittel entziehen, die an anderer Stelle dringend benötigt werden. Hunger, Ebola oder Genozid bekämpfen, den Dialog der Kulturen, Weltanschauungen, Religionen und Konfessionen in Gang setzen, Gewalt vorbeugend verhindern, Konflikte schlichten bzw. mildern, Kooperationen zugunsten zukünftiger Generationen anbahnen oder irgendein bedeutsames Problem der menschlichen Zivilisation lösen, das alles kann der Krieg mit seinen Beherrschungswissenschaften nicht und das alles wollen die mächtigsten Akteure, soweit ihre eigenen Interessen unberührt bleiben, auch nicht.

Diese Feststellung basiert nicht auf einem moralischen Urteil, sondern auf Empirie. Sie wird auch dann nicht falsch, wenn einige Linke mit selektiven Antikriegspositionen neuerdings umfallen und sich dem militärischen Aberglauben verschreiben. Pazifismus ist ein ehrwürdiger Name für klares Denken. Pazifisten können auf eine ebenfalls ehrwürdige Ahnengalerie zurückschauen. Sie sollten dieser Tage nicht kleinlaut auftreten, wenn sie einen Ausstieg aus dem Programm Krieg und einen radikalen Neuanfang einfordern: mit Friedenswissenschaften und Friedensbudgets.

Solange eine Mehrheit der Bevölkerung mehr Verstand und Weitsichtigkeit an den Tag legt als etwa das sogenannte Staatsoberhaupt, besteht kein Grund, hierzulande den Mitläufern und Fatalisten das letzte Wort zu überlassen. Wenn jedoch in nicht allzu ferner Zukunft der Kaiser auch in der öffentlich vermittelten Wahrnehmung ganz nackt da steht und die Forderung "Raus aus der NATO!" selbst bei den Volksparteien mehrheitsfähig geworden ist, wird es zu den Aufgaben der Friedensbewegung zählen, einem populistischen Anti-US-Amerikanismus von rechts durch kulturelle Liebeserklärungen und transatlantische Menschenfreundschaften entgegenzutreten.

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