Kurden in Kobanê: keine Hilfe von türkischer Seite

06.10.2014

Die syrische Grenzstadt wehrt sich weiter gegen IS-Milizen; die Anti-IS-Koalition schaut zu

Am Donnerstag vergangener Woche erklärte der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu, dass die Türkei alles tun werde, was in ihren Möglichkeiten steht, um den Fall Kobanês zu verhindern. Es steht sehr schlecht um die syrische Grenzstadt und ihre mehrheitlich kurdischen Bewohner, die sich seit einigen Wochen schon gegen vorrückende IS-Milizen zur Wehr setzen. Hilfe seitens der türkischen Regierung gibt es nicht.

Stattdessen machen türkische Sicherheitskräfte durch den Einsatz von Tränengas von sich reden, die darauf abzielen, den Grenzübertritt von Unterstützern der Bewohner Kobanês zu verhindern - nachdem man an der türkisch-syrischen Grenze jahrelang sehr lax vorgegangen ist, wenn es um den Nachschub für die militanten Islamisten-Milizen ging, von der die ISIL profitierte sowie Gruppierungen, die jetzt mit dem IS wieder gemeinsame Sache machen.

So sollen sich syrische salafistische Oppositionsgruppen, die sich gegen Baschar al-Assad unter dem Namen Islamische Front vereinigt hatten und die Anfang des Jahres noch gegen ISIL kämpften, nun entschlossen haben, den Kampf gegen den IS einzustellen, bzw. sich den IS-Milizen anzuschließen.

Kobanê werde von mehreren Seiten beschossen, die IS-Kämpfer rücken immer näher - die Meldungen über die bedrohte Situation der Bewohner der Stadt und der umliegenden Dörfer gleichen sich seit Tagen.

Gestern konzentrierten sie sich auf eine Erhebung im Südosten der Stadt namens Maschtanur oder Mischtenur, die heftig umkämpft wird, weil es ein strategisch wichtiger Punkt ist, der "den Dschihadisten einen ungehinderten Einfall ermöglichen" würde. Berichtet wird auch von einer YPG-Kämpferin, die mit einem Kamikaze-Angriff eine Anzahl von Dschihadisten getötet haben soll.

Es werde schwer für die IS-Milizen, Kobanê im Straßenkampf zu erobern, prophezeit der Schweizer Journalist Kurt Pelda, der sich längere Zeit in Kobanê aufgehalten hat. Die Selbstmordaktion könnte man in diesem Licht, das auf die Kampfbereitschaft der Verteidiger des Ortes gerichtet ist, sehen, greller noch aber zeigt sich der Skandal: Warum lassen es die USA und die Türkei so weit kommen? War es nicht so, dass die USA in den Kampf gegen den IS "humanitär" begründet hat, mit der Bedrohung, die vom IS gegen die Bewohner der Region ausgeht?

Im Artikel der BBC, der von der Selbstmordverteidigungsattacke der YPG-Kämpferin berichtet, ist zu lesen, dass es Luftangriffe, die von den USA geleitet werden, auf ISA-Positionen in dem "Areal" (auch das Pentagon liefert hierzu keine präzisen Informationen) gegeben habe und die Angriffe "anscheinend" den Vormarsch der IS-Kämpfer gebremst hätten.

Von kurdischer Seite liest sich die Situation so: Man erwartet ein Massaker, falls die Verteidigungskräfte keine Unterstützung bekommen und die Luftangriffe seien bisher unzulänglich, um den Vormarsch zu stoppen:

Luftanschläge reichen nicht, um die IS-Milizen in Kobanê zu schlagen. Sie belagern die Stadt von drei Seiten und die Kampfjets können nicht jeden IS-Kämpfer treffen. (…) Jedesmal, wenn sich ein Kampfflieger nähert, verlassen sie ihre Positionen und verstecken sich im Gelände. Wir brauchen Unterstützung am Boden, schwere Waffen und Munition.

Idris Nassan, "Außenminister Kobanês"

Die Entschuldigung, die US-Vizepräsidenten Biden gegenüber dem türkischen Präsident Erdoğan öffentlich geleistet hat - wegen seiner Bemerkungen, wonach die Türkei mit ihrer Politik den Weg für das Aufkommen des IS gebahnt habe -, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr Washington daran gelegen ist, die Türkei als Partner im Anti-IS-Lager zu haben.

Der Preis dafür ist, dass die US-Führung allem Anschein nach die türkische Regierung die Kriegsziele im syrischen Teil des Kurdengebiets bestimmen läßt. Zumal sich Washington dem einem Ziel, das sich die Regierung Erdoğan ausbedingt, nicht verschließt: die Absetzung von Baschar al-Assad. Die USA haben sich mit den Angriffen auf syrisches Gebiet als direkt handelnder militärischer und parteiischer Akteur in einen Proxy-Krieg mit klaren politischen Machtinteressen begeben, versuchen aber weiterhin der Öffentlichkeit eine andere, politisch "neutrale" Rolle zu vermitteln.

Salih Muslim, dem Vizepräsident der PYD, der dieser Tage in Ankara zu Besuch war, um in der Sache Kobanê zu verhandeln, wurde von türkischer Seite beschieden, sich der FSA anzuschließen, "klar Front zu beziehen gegen die syrische Regierung".

Die Türkei wünscht sich einen "humanitären Korridor" nach Syrien, mit ganz eindeutigen politischen Absichten. Zu den Absichten Erdoğan passt nicht, was die syrischen Kurden in Kobanê und Rojava vormachen - ein demokratisches Modell, das in der Region seinesgleichen sucht -, noch dazu wenn die PKK daran beteiligt ist.

Für kurdische Vertreter ist offensichtlich: Die "Türkei und regionale und internationale Akteure" sind eher an einem Fall von Kobanê interessiert als an Hilfe. Aus der Wirklichkeit kommen keine dem widersprechenden Signale.

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