Ökonomie des Teilens

12.10.2014

Neue Mobilitätskultur - Trends 2014

Dass das gemeinsame Nutzen von Gütern Kosten einsparen kann, lässt sich aus ökonomischer Sicht nicht von der Hand weisen. Dennoch hat es lange gedauert, bis die Losung Mein Haus, Mein Porsche, Mein Swimmingpool der Erkenntnis gewichen ist, dass Mein geteiltes Haus, Mein Car Sharing Auto, Mein geteiltes Freibad denjenigen, die zum Teilen bereit sind, viele Kosten einspart.

Besonders bei der sogenannten Elektromobilität, die als Vorreiter gelten kann, zeigt sich, dass in Kombination mit dem Internet völlig neue Geschäftsmodelle entstehen, um die Umwelt zu entlasten und urbane Zonen anders zu nutzen. Insbesondere die Kombination von E-Autos und E-Bikes, je nach Anforderungsprofil und Wetterlag, kann hier vieles zum Positiven verändern. So stehen beim Free Floating Konzept die Mietautos nicht mehr auf einem festen Platz, sondern sind auf die Stadt verteilt und können einfach per Smartphone anvisiert werden. Auch bei E-Bikes oder normalen Fahrrädern geht der Trend in die Richtung, dass sich jeder so viel Elektromobilität holt, wie er für seine Bewegung von A nach B benötigt.

Die neue Mobilitätskultur setzt auf Bewegung ohne riesige Investitionen für Neuwagen, die eh bei jedem Kauf schon mit der Unterschrift ein Drittel ihres Wertes verloren haben. Hierbei geht es darum, bewusste Entscheidungen zu treffen, die den Geldbeutel schonen. Das eigene Privatauto anderen Fahrwilligen zur Verfügung zu stellen, an Zeiten, wo man es selber nicht fährt, ist eine neue Form der Nachhaltigkeit im Bereich der Mobilität. In Berlin sieht man überall die Flotte der Carsharing-Anbieter wie Car2Go, DriveNow oder CiteeCar. Anbieter wie Tamyca, Nachbarschaftsauto oder Autonetzer treiben die Idee des geteilten Wagens noch eine Stufe weiter, indem sie Privatpersonen über ihre Portale die Möglichkeit geben, ihren Wagen stunden- oder tageweise an Nachbarn zu verleihen.

Die Netzwerke haben gegenüber klassischen Autovermietern den Vorteil, dass sie auf vorhandene Ressourcen zurückgreifen. Es muss keine Mietwagenflotte angeschafft werden, die Autos stehen ja sowieso auf der Straße herum. Mittlerweile werden selbst schon Privatwagen in Form von Luxusautos geteilt, da kaum einer 200.000 Euro für ein Luxusauto aufbringen kann.

Da das private Carsharing boomt, ist es kein Wunder, dass sich die klassischen Autovermieter in ihrer Existenz bedroht fühlen. Um die Ökonomie des Teilens nicht zu verpassen, hat Avis Budget Group Zipcar letztes Jahr für 500 Millionen USD erworben. Der Trend zur Sharing Economy ist nicht aufzuhalten und macht auch vor der eigenen Wohnung nicht halt.

Teilen, was rumsteht

Die Reduktion von Besitz bringt den Menschen mehr Zugang zu anderen Menschen, zu Erlebnissen und zu Dingen. Es ist abzusehen, dass die "Sharing Economy" mit ihren Wachstumsraten von über 25 % in einigen Jahren wohl mehr als 25 Milliarden USD weltweit umsetzen wird.

Das neue Konsumverhalten, dass Zugang zu geteilten Dingen wichtiger ist als deren Besitz oder deren alleinige Nutzung, eröffnet für viele Entrepreneure völlig neue Geschäftsmodelle. Viele Ferienwohnungen in den schönsten Gebieten der Welt sind mehr als 80 % pro Jahr leer und sind nicht bewohnt. Viele Luxusautos stehen die meiste Zeit in der Garage und werden nicht mehr als 5000 km pro Jahr bewegt. Viele Wohnungen sind sehr groß und haben viele Zimmer, die als kostengünstiges Hotelbett für Reisende dienen können. Viele Multimillionäre haben Privatflugzeuge, mit denen Sie von Punkt A nach Punkt B fliegen, die von der Sitzplatzkapazität nicht mehr als 10 % ausgelastet sind. Viele Privatjachten liegen in Häfen und werden nur ein paar Mal im Jahr genutzt, die als Wohnraum oder für die Vermietung genutzt werden können.

Viele Camper werden oftmals nur 1 mal pro Jahr für eine Urlaubsreise genutzt und stehen das restliche Jahr ungenutzt auf Sammelparkplätzen herum. Home Depot in den USA vermietet momentan sogar Güter aus seinen Lagern wie Bagger, Sägen oder Bohrer, damit diese nicht als Ladenhüter dienen. Da Mietwohnungen in Großstädten teuer sind, werden immer mehr Wohnungen von unterschiedlichen Mietern geteilt und so designt, dass es so genannte Gemeinschaftsräume und Privaträume gibt.

Es gibt Möglichkeiten noch und noch für neue Geschäftsmodelle, wie die Erfolgsgeschichte von AirBnB, einem Anbieter von mittlerweile 350.000 Privatunterkünften weltweit und Pionier der Sharing Economy, belegt. Was als Airbedandbreakfast.com begann, hatte 2011 schon mehr als 2 Millionen gebuchte Übernachtungen und Ende 2013 lag die Zahl bereits bei 6 Millionen. Seit Lancierung der Firma 2007 haben damit 10 Millionen Übernachtungsgäste die Plattform genutzt. Ende 2013 hatte das Unternehmen mehr als 550.000 gelistete Übernachtungsmöglichkeiten weltweit. Als Broker nimmt das Unternehmen 3 % vom Vermieter und je nach Örtlichkeit 6 bis 12 % vom Reisenden.

Kreative Zerstörung à la Schumpeter

Der Anteil von neuen Autos, die von jungen Amerikanern zwischen 18 und 34 gekauft wurden, ist von 16 % im Jahr 2007 auf knapp 12 % 2013 gefallen, Tendenz weiter fallend. Die junge Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, ist kulturell anders programmiert als die Generation der 60er Jahre. Das Leihen, Mieten und Teilen ist fest in ihrem Gedankengut verankert. Sie kaufen keine Zeitungen, sondern sie holen sich interessante Stories über Facebook und Twitter. Sie kaufen keine DVDs oder Musik-CDs mehr, sondern sie streamen alles aus dem Internet über Netflix, Spotify, Padora oder stehlen es in Form von Raubkopien.

Wie die Aktivitäten der jungen Generation und ihr Kaufverhalten bei einer derartigen Fraktalisierung noch gemessen werden soll, stellt auch die heutigen Ökonomen vor völlig neue Aufgaben. Kurzfristig können diese neue Verhaltensweisen in der Bau- oder Automobilindustrie Arbeitsplätze kosten, aber langfristig werden alle vom Trend der Ökonomie des Teilens profitieren. Menschen wollen mehr vom Leben haben und weniger kann mehr sein, weshalb auch immer mehr Menschen gutbezahlte Jobs aufgeben und ihre Lebensansprüche herunterfahren, um mehr Freizeit und mehr Zeit für die Familie zu haben.

Es ist abzusehen, dass der Trend zum Nutzen statt zu besitzen weiter an Fahrt gewinnen wird. Deshalb werden zukünftig vor allem Plattformen gewinnen, bei denen zentral viele Sharing-Anbieter gebucht bzw. verglichen werden können. Wenn heute schon Großkonzerne wie GM mit Relay Rides und Daimler mit Car2Go Peer-to-Peer-Konzepte nutzen, dann lässt sich erahnen, welche gesellschaftliche Dynamik die Ökonomie des Teilens in den nächsten Jahrzehnten entfalten kann. So wie YouTube die TV-Landschaft und die Blogger-Sphäre die Medien in den letzten Jahren verändert hat, wird das Konzept des Teilens immer mehr klassische Bereiche der Ökonomie in kreativer Weise transformieren. Das alte Modell, nach dem Firmen besitzen und Leute konsumieren, gilt nicht mehr, denn zukünftig kann jeder sowohl Konsument als auch Produzent sein.

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