Im "Land des Feuers"

19.10.2014

Obwohl Aserbaidschan in keiner Weise westliche Menschenrechtskriterien erfüllt pflegt die boomende Kaukasusrepublik wegen ihrer Ressourcen engste Beziehungen zum Westen

Baku, die aserbaidschanische Hauptstadt, hat sich zur Boomtown am Kaspischen Meer entwickelt. Die kaukasische Metropole wird zu einer eurasischen Hypermetropole umgestaltet und bietet Besuchern eine Vielzahl von Impressionen.

Die Flame Towers, ein aus drei markanten Türmen bestehender Hochhauskomplex, sind das neue Wahrzeichen von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Wie drei Flammen ragen die fast 200 Meter hohen Türme aus der Skyline der 2 Millionen Metropole hervor. "Der Effekt ist beabsichtigt", berichtet Katrin Bastert-Lamprichs. Die Archäologin arbeitet auch als Reiseleiterin für Unternehmen Studiosus aus München und bereist die Staaten des Südkaukasus seit vielen Jahren regelmäßig.

Flame-Towers

Aserbaidschan heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung "Das Land des Feuers". "Azar" lautet das alte persische Wort für Feuer: "Schon vor Jahrtausenden war Aserbaidschan mit einem Reichtum an Öl und Gas gesegnet, so dass an den Hügeln und Berghängen entlang des Kaspischen Meers Flammen loderten", so die Archäplogin.

In einem der drei Türme wurde im vergangenen Jahr das beste Haus am Platz eröffnet, das Fairmont Baku Flames Tower, welches über 318 Zimmer verfügt. Von der Lounge des Hotels bietet sich ein beeindruckender Blick über die Dächer der aufstrebenden Metropole am Kaspischen Meer. Der Blick fällt auf den Chrystal Palace, wo 2012 der Eurovision Song Contest stattfand. Etwas weiter entfernt ragt ein 160 Meter hoher Fahnenmast hervor, angeblich der höchste Fahnenmast der Welt, an dem die aserbaidschanische Nationalflagge - rotgrünblau - im Winde weht.

Francois M., ein graumelierter Investmentbanker aus New York City, hält sich gerade geschäftlich in der Stadt auf. "Baku heute ist wie Dubai vor einigen Jahren, nur viel besser", schwärmt er und blickt dabei auf den tief unten liegenden, 5 Kilometer langen Park, der sich als Boulevard am Ufer des Kaspischen Meeres entlang zieht. "Mich erinnert die Stadt auch ein wenig an Paris, aber auch an das alte Persien. Eine interessante Mischung aus Asien und Europa."

Zum Straßenbild gehört die Omnipräsenz des 2003 verstorbenen Präsidenten Haidar Alijyew, der von unzähligen Plakaten grüßt. Alijew, der Vater des heutigen Präsidenten Ilham Aliyew, gilt als Urheber dieses Personenkultes, auch gerade deshalb um die eigene Herrschaft zu legitimieren, die mit westlichen Demokratieverständnis nicht vereinbar ist.

Am Boulevard, der prachtvollen Uferpromenade am Kaspischen Meer

Der überzeugte Kommunist Haidar kannte sich in den Intrigen und Ränkespielen des sowjetischen Geheimdienstes bestens aus und gehörte sogar dem Politbüro in Moskau an. Während des Niedergangs des roten Vielvölker-Imperiums engagierte er sich mit Nachdruck für die Unabhängigkeit seiner Heimat, wobei er sich ideologisch vom Marxisten zum Nationalisten wandelte, wie nicht wenige seiner Amtskollegen in den zentralasiatischen Nachbarstaaten.

Sein Sohn Ilham führt den autokratischen Kurs des Vaters fort. Obwohl Aserbaidschan in keiner Weise westliche Menschenrechtskriterien erfüllt, die vom benachbarten Iran beispielweise angefordert werden, pflegt die Kaukasusrepublik engste Beziehungen zum Westen. In Baku befindet sich der einzige Zugang des Westens zu den unermesslichen Rohstoffquellen des Kaspischen Meeres, jenseits des Herrschaftsgebiets des Irans und Putins Russland.

Für Aserbaidschan sind diese Beziehungen scheinbar ein Garant für Stabilität, inmitten eines unruhigen geopolitischen Umfeldes. Nur wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze Bakus beginnt die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, auch als BTC-Pipeline oder als Transkaukasische Pipeline bekannt, die den Westen unabhängiger von dem Rohöl aus dem Persischen Golf machen soll. Ob dieses Unterfangen gelingt, bleibt fraglich, auf jeden Fall findet dort eine Neuauflage des Great Game statt, wie vor über 100 Jahren. Die Pipeline wird von amerikanischen Helikoptern bewacht, die am Himmel auftauchen, wie ein Fliegenschwarm.

Zum Nachbarland Armenien, dessen Truppen ca. 20% des aserbaidschanischen Territoriums besetzt halten, pflegt Baku keine Beziehungen. Die Beziehungen zwischen beiden Völkern sind historisch aufs Äußerste belastet. Mit dem Niedergang der UdSSR kam es in Aserbaidschan zu blutigen Progromen gegen Armenier, die schnell auf alle Städte übergriffen, in Baku aber ihren fürchterlichen Höhepunkt fanden. Daraufhin wurde auch die aserbaidschanische Minderheit in Armenien massakriert und vertrieben. Erst mit dem Einmarsch der Roten Armee 1991 wurde dem blutigen Treiben in Baku ein Ende gesetzt, was aber den Weg zur Unabhängigkeit beschleunigte.

Allee der Märtyrer

Unweit des Parlamentsgebäudes befindet sich die Allee der Märtyrer, eine Gedenkstätte für die Opfer des sowjetischen Einmarsches. Entlang des Weges befinden sich Grabsteine, auf dem die ermordeten Menschen, überwiegend junge beiderlei Geschlechts, abgebildet sind. "Das hat der bei Euch so beliebte Gorbatschow angerichtet", schimpft eine ältere Dame, die ein paar Blumen ablegt. "Dieser Name bleibt bei uns ewig ein Schimpfwort!"

Baku ist architektonisch eine dreigeteilte Stadt, bestehend aus der Altstadt, der Gründerzeitstadt und der sowjetischen Stadt, die allerdings immer mehr am Verschwinden ist. In der Altstadt, welche im Zentrum liegt und von einer Festungsmauer umgeben ist, verliert sich der Besucher in einem faszinierenden Labyrinth aus engen Gassen und offenen Plätzen. Seit 2000 gehört die Altstadt mit ihren persischen Palästen und Karawansereien zum UNESCO-Weltkulturerbe. Neben dem Schirwanshah- Palast, der durch seine edlen Proportionen beeindruckt, gehört der Jungfrauenturm , das alte Wahrzeichen Bakus, zu den Sehenswürdigkeiten.

Flame-Towers, Bilck von der Altstadt

Nur ein paar Gehminuten entfernt beginnt die Gründerzeitstadt. Inmitten von mit Zypressen gesäumten Promenaden mit zahlreichen Cafés, an denen der rasende Verkehr teuer Automobile tobt, stehen die Paläste der russischen und amerikanischen Erdölbarone des vorletzten Jahrhunderts. Diese Gebäude erinnern an die Glanzzeit Bakus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts lieferte Baku die Hälfte des weltweit benötigten Erdöls.

Zu jener Zeit wuchs die Metropole schneller als London, Paris und New York City. Aus allen Winkeln des Erdballs strömten Menschen in die Stadt, Schweden, Deutsche, Juden und Polen , neben Russen, Armeniern, Persern und Türken. Die Gebrüder Nobel erfanden hier das Prinzip des Tankers, um die Nachfrage aus Fernost nach dem Öl von Baku befriedigen zu können. Ihr Vermögen machten die Nobels in Baku, durch das Erdöl Aserbaidschans, obwohl Alfreds Erfindung des Dynamits weltweit bekannter ist.

Impression aus der Altstadt

Die Ölmillionäre von damals entschlossen sich in einem beispiellosem Akt von Mäzenatentum, der heutigen Geldeliten nahezu unbekannt erscheint, aus Baku die schönste Stadt der Welt zu machen. Eine gelungene Symbiose aus Ost und West, die das Beste aus beiden Welten beinhaltete. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges und die Russische Revolution zerstörten diese Träume. Über Jahrzehnte versank Baku auf das Niveau einer Provinzstadt, irgendwo an der Peripherie des Sowjetimperiums, nahezu vergessen vom Westen. Erst mit dem Untergang der UdSSR meldete sich die Stadt in die internationalen Schlagzeilen zurück.

Nach den Verwerfungen, die den Untergang des Roten Imperiums begleiteten, den blutigen Unruhen, ethnischen Spannungen und dem Krieg mit Armenien befindet sich die Stadt in einem beispiellosen Aufbruch, der von den Einnahmen aus dem Öl-Geschäft noch beschleunigt wird. Das sowjetische Erbe ist aus dem Stadtbild fast verschwunden. Jenseits der verschwenderisch ausgestatteten Innenstadt befinden sich aber noch ganze Straßenzüge, die, obwohl sie dem Verfall preisgegeben sind, einen nostalgischen Charme versprühen. Die Bewohner hadern mit der fortschreitenden Zerstörung ihres Viertels, welches sukzessive den neuen Bürotürmen aus Chrom und Glas weichen muss. "Baku White City", nennt sich das ambitionierte Stadtentwicklungsprojekt.

Sebastian vor seiner Galerie

Sebastian, ein eleganter älterer Herr, hört französische Chansons und gibt sich seinen Gedanken hin. "Früher lebten hier viele Armenier", sagt er. "Wir waren alle eine Familie, niemand scherte sich um die Religion und die Nationalität des anderen, bis dann der Hass aufkam, so schnell, wie man es sich nicht vorzustellen vermag." Sebastian bedauert den Verlust des alten Ambientes, zeigt anklagend auf die schönen Jugendstilfassaden, von denen der Putz blättert, und die nur noch auf die Abrissbirne zu warten scheinen. "Wenn dieses Viertel abgerissen wird, wo soll ich dann hin, was wird dann aus meiner Galerie?" Zur politischen Lage möchte er sich nicht äußern: "Hier haben die Wände Ohren."

Ein paar Straßenzüge weiter, vor einer kleinen Konditorei, äußern sich drei ältere Damen ähnlich. Wenn immer der Namen des Präsidenten fällt, halten sie sich den Zeigefinger vor die Lippen, schauen sie sich um. "1990 wurden hier Skandale verursacht, um die Armenier zu vertreiben. Schreckliche Dinge sind damals geschehen. Dabei waren das doch so gute Menschen. Auch die Russen sind fast alle verschwunden, obwohl denen nun wirklich niemand ein Haar gekrümmt hat. Nur eine Nachbarin ist vor ein paar Jahren wieder zurückgekehrt, sie vermisste in Moskau unser südliches Klima. Sie gab mir damals den Schlüssel zu ihrer Wohnung, wo sie jetzt wieder wohnt."

Die drei Damen blicken skeptisch auf das neue Baku, welches ihnen in Form von protzigen Bürogebäuden immer mehr auf die Pelle rückt. "Lassen Sie sich von dem Glanz des neuen Bakus nicht täuschen. Das ist nur für die Touristen und die alte, neue Elite, wir kleinen Leute haben von dem Ölboom gar nichts."

Nach Einbruch der Dunkelheit strömen die Bewohner Bakus an die Uferpromenade. Ein babylonisches Sprachengewirr liegt in der Luft. Die Staatssprache Aseri, ein Dialekt des Türkischen, ist ebenso zu vernehmen wie Russisch, Englisch, Chinesisch. Vom Kaspischen Meer her weht eine sanfte Brise. Die Bohrinseln sind in der Ferne als leuchtende Punkte zu erkennen. Es riecht nach Meer, mit einer leichten, kaum wahrnehmbaren Prise von Petroleum vermischt.

Nachts ist die Innenstadt verschwenderisch ausgeleuchtet .Die Jugendstilpaläste erstrahlen taghell. Auch die Glasfassaden der Flametowers werden von lodernden Flammen und den Nationalfarben des Landes illuminiert. Baku, ohne Zweifel, eine Stadt im Aufbruch, aber ein Aufbruch wohin?

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