"Die Macht der Konsumenten hat eine problematische Seite"

07.12.2014

Klaus-Werner Lobo über soziale Standards bei multinationalen Konzernen und die Wirksamkeit moralischen Konsumierens

In der vollständig überarbeiteten Neuauflage von Schwarzbuch Markenfirmen haben die Journalisten Hans Weiss und Klaus-Werner Lobo zu den Vergehen global agierender Markenfirmen recherchiert und sind dabei auf zahlreiche Wege gestoßen, wie sich diese Unternehmen trotzdem mit zahlreichen sozialen und ökologischen Güte-Siegeln schmücken. Ein Gespräch mit Klaus-Werner Lobo.

Herr Lobo, Sie haben das "Schwarzbuch Markenfirmen" erstmals 2001 veröffentlicht. Was hat sich seitdem verändert?

Klaus-Werner Lobo: Im Ausmaß globaler Ausbeutung für die Profitgier der Multis erschreckend wenig. Die Konzerne haben ihre Strategien schlicht und einfach an die Markterfordernisse angepasst – und dazu gehört auch ein gestiegenes Konsumbewusstsein.

Auf Kinderarbeit trifft man heute seltener, weil die garantiert negative Schlagzeilen bringt, dafür werden eben Erwachsene noch mehr ausgebeutet und die Kinder arbeiten wieder auf der Straße. Und auch wenn einzelne Regionen heute ökonomisch besser da stehen als vor einigen Jahren, sind die Reichen dieser Welt um ein Vielfaches reicher und die Armen ärmer geworden, auch nach der Finanzkrise.

Und noch etwas ist uns aufgefallen: Die Globalisierung ist näher gerückt. Sie bahnt sich – nachdem sie sich in den letzten Jahrzehnten vorwiegend nach Asien, Afrika und Lateinamerika verlagert hat – wieder ihren Weg zurück in die Industrieländer. Auch bei uns werden immer öfter – siehe Amazon in Deutschland – Fälle von Ausbeutung bekannt.

Betroffen sind davon vor allem Migranten – also jene, die vor dem von Konzernen verursachten Elend zu uns geflüchtet sind. Und hier werden sie wieder von Konzernen ausgebeutet. Ein Teufelskreis, den unsere Regierungen ermöglichen, weil sie die Grenzen für den freien Verkehr von Kapital, Waren und Dienstleistungen geöffnet haben, aber nicht für Menschen und demokratische Grundrechte.

Eine weitere Änderung ist, dass sich die Macht von den rohstoffverbrauchsintensiven Konzernen zunehmend hin zu den wissensbasierten Firmen – Stichwort Google, Facebook und so weiter - verlagert. So wie bislang Erdölkonzerne versucht haben, den Weltmarkt für Energie zu monopolisieren, so versuchen das heute die Datenmultis durch die Monopolisierung und Privatisierung von Wissen und geistigem Eigentum.

Klaus-Werner Lobo. Foto: ©Paul Sturm

Versuchen die Unternehmen, angesichts einer kritischen Öffentlichkeit die moralischen Standards zu erhöhen?

Klaus-Werner Lobo: Nein, der Chef eines börsennotierten Konzerns darf ja auch laut Aktienrecht gar keine Moralstandards einführen die die Profite mindern. Zur Beruhigung kritischer Konsumenten betreiben sie dafür Corporate Social Responsibility (CSR), also sogenannte Soziale Unternehmensverantwortung, finanzieren kleine Sozialprojekte und so weiter.

Das ist wie wenn ich ein Bank überfalle, alle Anwesenden töte und mit einer Million flüchte. Dann habe ich einen Imageschaden: Die Leute reden schlecht über mich. Um den wieder gut zu machen zahle ich, bereits auf dem Weg zum nächsten Banküberfall, zehn Euro in den Opferfonds. Und alle applaudieren und sagen: Der Klaus ist super. Das ist CSR. Außerdem betreiben manche Konzerne heute sogar eigene Fairtrade-Linien, mit Gütesiegel und allem drum und dran, aber auch da lassen die sozialen und ökologischen Standards zu wünschen übrig.

Wie viel Geld geben denn die Firmen im Vergleich zu den Produktionskosten für Werbung aus?

Klaus-Werner Lobo: Ganz unterschiedlich, aber in den meisten Konsumbereichen ein Vielfaches – bei Modeartikeln kann das fast hundertmal soviel sein.

Bei welchem Unternehmen ist die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Realität besonders hoch?

Klaus-Werner Lobo: Bei allen die wir beschrieben haben. Ich nenne das "gut organisiertes Verbrechen" - es ist dank des politischen Einflusses dieser Firmen so gut organisiert, dass es nicht bestraft wird.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Macht der Multis und den TTIP-Verhandlungen?

Klaus-Werner Lobo: Freihandelsabkommen wie das TTIP sind eben die Grundlage dieser Organisation: Da werden Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ausgehebelt, um eine profitgesteuerte Konzerngesetzgebung zu schaffen.

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