Der Kapitalismus auf dem Rückzug?

20.10.2014

Teilen und Kollaborieren statt Profitieren

"Kollaborateur" - politik- und militärhistorisch hat dieser Verhaltenstyp sich einen schlechten Ruf zugezogen. Zusammenarbeit mit dem kriegerischen Feind oder einer Besatzungsmacht wird ihm vorgeworfen, Verrat an den Interessen des eigenen Landes. Anders das Bild, das sich spätestens seit dem neuesten Erfolgsbuch des US-amerikanischen Trendökonomen Jeremy Rifkin mit dem "Kollaboratisten" verbindet: Dieser - inzwischen immer mehr sich ausbreitend - rüste sich nun "zur Schlacht", gegen eine von Gewinnsucht beherrschte Ökonomie. Gesellschaftsgeschichtlich bahne sich damit ein neues Zeitalter an - allgemeiner, durch Empathie geprägter "Wohlstand durch Teilen". Die Netzwelt mache das möglich.

Utopismus? Keineswegs, sagen die Fans der Share-Economy. Und sie haben lebenspraktische Beispiele vorzuweisen, in rasch wachsendem Ausmaß: Fahrgelegenheiten werden umverteilt, Wohnungen "verliehen", Urlaubsquartiere zur Nutzung weitergereicht (Artur Schmidt: Ökonomie des Teilens). Diese Verfahrensweisen sind kostengünstig für die Nutzer, und in den urbanen Zentren wird von ihnen eine bessere Ökobilanz erhofft (Raúl Rojas: Die Mobilität der Zukunft). Zudem organisieren sich Verbraucher von Energie kollaborativ. Und dann die riesigen Chancen im digitalen Raum: Informationen und Erkenntnisse sind abgreifbar für Jedermann (das weibliche Geschlecht eingeschlossen)...

Wir sind, meinen die Optimisten, auf dem Weg zur "Zugangsgesellschaft"; auf die allgemeine Verfügbarkeit von Gebrauchsgegenständen und Wissensbeständen komme es nun an, nicht mehr auf den individuellen Besitz derselben. Und deshalb werde das System des Profitmachens aus privatem Eigentum in Auflösung kommen.

Die kapitalistische Gesellschaftsform - ein Auslaufmodell?

Ein bisschen Skepsis kann da nicht schädlich sein, und zu empfehlen ist ein sorgsamer Umgang mit Begriffen. Die "Ökonomie des Teilens", wie sie sich derzeit entwickelt, stellt sich bei näherer Betrachtung zu weiten Teilen als eine Wirtschaftsweise des Verleihens gegen Entgelt heraus. "Eigentum" und "Besitz" sind, ein Blick in das Bürgerliche Gesetzbuch kann da Aufklärung bringen, zwei unterschiedliche Kategorien. "Herrschaft über das Recht an der Sache" und bloße (befristete) "Sachherrschaft", so heißt in der Juristensprache die materiell höchst bedeutsame Differenz. Der Eigentümer kann etwas aus seinem Hab und Gut einem anderen Menschen in zeitweiligen Besitz übergeben und damit Gewinn machen oder wenigstens eigene Kosten mindern. Das ist eine altbewährte Methode im kommerziellen Leben. Ein "homo empathicus" (Rifkin), den die Lust am Teilen motiviert, tritt damit nicht auf.

Wenn ein Autoeigentümer sein Fahrzeug für einige Stunden gegen Entgelt verleiht oder der Eigentümer einer Wohnung diese für ein paar Wochen, handelt es sich um ein noch nicht formalisiertes Kleinstgewerbe. Da wird die Finanzverwaltung aufmerksam, sie möchte das steuerlich in ihren Griff nehmen. Und versicherungsrechtliche Probleme melden sich an. Beides treibt dazu an, das "Sharing" beim Kleineigentum wirtschaftsrechtlich in "Ordnung" zu bringen und sich einer regelrechten Firma unterzuordnen. Die sorgt dann für das Rechnungswesen und auch für die Anwerbung und Administration von Kundschaft. Selbstverständlich möchte sie daraus profitieren. Man muss kein Marxist sein, um auch in diesem Geschäftsfeld eine Tendenz zur Konzentration zu vermuten - nicht unbedingt des Eigentums, aber der gewinnträchtigen Vermarktung und Verwaltung desselben. Rustikal ausgedrückt: Auch Kleinvieh macht Mist, vor allem wenn viele kleine Viecher sich betätigen.

"Sharing" gegen Entgelt als Alltagsphänomen wirkt, wenn man es so nennen will, erzieherisch. Den Lernprozess hat dann erfolgreich ein Jugendlicher vollzogen, der seine schicke Uhr für einen Abend dem Kumpel leiht, für ein paar Euros, als Vorzeigeobjekt zum individuellen Statusgewinn. Evgeny Morozov hat diese Form des "Teilens" als neue Fähigkeit des Kapitalismus beschrieben, "eine Ware, die gekauft und damit dem Markt entzogen wurde, in einen mietbaren Gegenstand zu verwandeln, der den Markt erst gar nicht verlässt".

Geteiltes Eigentum oder genauer gesagt: "Gemeineigentum" ist ein anderes Ding, es hat eine lange Geschichte, in vorkapitalistischen Ausformungen (zum Beispiel der agrarischen Almende) und in Bemühungen, zum Kapitalismus wirtschaftliche Alternativen zu entwickeln, etwa genossenschaftliche Strukturen von Produktion, Konsum und Wohnen. Was die zweitgenannte Form angeht, so ist aufschlussreich, wie anfällig sie wurde für die Verwandlung in kapitalistische Eigentumsverhältnisse.

Noch einmal zu Jeremy Rifkin: Seiner Hoffnung auf die "kollaborative" Zukunft liegt eine ökonomische Hypothese zugrunde, die nämlich, dass im Zuge der Digitalisierung eine "Null Grenzkosten Gesellschaft" sich herausbilde. So auch der Obertitel seines neuen Buches. Gemeint ist, dass nach der Entwicklung und Erstherstellung eines Produktes die Kosten für dessen weitere Verbreitung sich minimieren, die Inbesitznahme durch eine Masse von Nutzern dadurch spottbillig wird und kaum noch Profit bringt. Dann würde sich kapitalistische Ökonomie nicht mehr lohnen.

Wirtschaftswissenschaftliche Einwände gegen diese Prognose liegen nahe. Profit großen Stils können Konzerne und Investoren auch aus der Beherrschung und Verwertung einer Masse von "Eigenprodukten" machen. In der Netzwelt ist jetzt dieser Prozess der kapitalorientierten Aneignung voll im Gange. Zudem verschwindet die Industrie nicht, "Hardware" bleibt weiter in Gebrauch, auch wenn ihre Fertigung viel weniger Arbeitskräfte braucht. Dieser Markt bringt weiterhin Profit. Das gilt auch für das Großeigentum an Ressourcen, zunehmend z.B. an Boden und an Wasser. Personenbezogene Dienstleistungen sind nicht insgesamt zu ersetzen durch digitale Hilfen; auch hier dringen Großbetreiber nach vorn. Die kapitalistische Wirtschaftsweise hat seit jeher die Gewohnheit, alte Märkte zu verlassen und Neuland für sich zu gewinnen.

Aber davon abgesehen: So richtig sicher ist der Autor sich seines Optimismus nicht. Im Untertitel der deutschen Ausgabe seines Werkes wird "der Rückzug des Kapitalismus" angekündigt. In der US-amerikanischen Originalausgabe aber steht dort: "The Eclipse of Capitalism". Astronomisch bedeutet Eklipse: Zeitweilige Verdunkelung eines Himmelskörpers, von der Erde aus betrachtet.

Cover

Ludger Eversmann
Projekt Post-Kapitalismus
Blueprint für die nächste Gesellschaft
Als eBook bei Telepolis erschienen

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