Die Schweine des kleinen Mannes

Der eigene Bauernhof mit hübschen Gemüsefeldern, prächtigen Obstbäumen und niedlichen Tieren muss doch eigentlich idyllisch sein - Teil 2

Zu laut, zu früh, zu viel

Was für den Gemüseanbau im (kleinen) Bauernhofrahmen gilt, gilt für Tiere umso mehr. Auch außerhalb der Wohngebiete ist die Tierhaltung an vielerlei Vorschriften gebunden, doch wenn es um den "kleinen Hof" nebenher geht, dann sind die derzeit angepriesenen Laufenten, Hühner und Bienen die Leidtragenden eines Hypes.

Bereits bei den etablierten Haustieren wie Hund und Katze sind Streitigkeiten zwischen Nachbarn keine Seltenheit. Nachbarn, die besorgt um Beete oder Teiche oder auch die Wohnung sind, können beispielsweise darauf bestehen, dass jeweils nur zwei Katzen gleichzeitig Freigang genießen dürfen. Für Berufstätige dürfte sich damit die Haltung von mehr als zwei Katzen erledigt haben. Diejenigen, die zuhause arbeiten (oder keiner Erwerbstätigkeit nachgehen) müssen alle Türen stets geschlossen halten und sind dem Unmut der an Freigang gewöhnten Tiere ausgesetzt.

Neben Katzen erobern zunehmend Laufenten die Herzen naturnaher Menschen. Die fröhlich wirkenden Tiere werden als Schneckenfresser par excellence (gerade in Bezug auf die spanische Nacktschnecke) beworben, die Haltung ist relativ unkompliziert. In ihrem Fahrwasser finden auch die "ganz normalen Enten", Gänse und Hühner ihren Platz in der "Zurück-zur-Natur"-Tierliste - und die Vorstellung, dass eine aktive Tierschar niedlich anzusehend durch den eigenen Garten spaziert, ist ja auch verlockend.

Zum Angriff: Gans "Martini" und "Adam and the Ents" auf dem Weg zum Futter. Bild: Twister (Bettina Hammer)

Aber schon Hühnern können zu Problemen mit den Nachbarn führen. Es ist verständlich, dass Menschen, die sich absichtlich nicht in einer landwirtschaftlichen Zone niedergelassen haben, nicht davon begeistert sind, dass der neuangeschaffte Hahn des Öfteren seine Stimme erschallen lässt. Ein möglichst isolierter Stall, der das Tier dann innerhalb bestimmter Zeiten von seinem stimmlichen Intermezzo abhält, ist deshalb häufig unumgänglich. Und selbst wenn der Hahn nur zu erlaubten Zeiten seinen Schrei erschallen lässt, kann dies zu Streitereien führen, auch wenn die Hühnerhaltung an sich nicht erlaubnispflichtig ist und per se nicht verboten werden kann. Hier gilt wie stets "es kann der Frömmste ..."

In- und Output

Wer allerdings meint "Mit Enten wär das nicht passiert", der irrt. Bereits fünf "ganz normale" Enten können eine Lautstärke entwickeln, die den so eher gemütlich wirkenden Tieren gar nicht zugetraut wird. Die von uns gehegten fünf Enten werden von uns "Räper" genannt weil ihre Laute einem eher heiseren "Räp Räp Räp" ähneln. Sind sie gerade aktiv, so kann ihr Räpen nicht nur von den direkten Nachbarn, sondern auch von jenen gegenüber gehört werden (und dazwischen befindet sich eine Straße). Gans Martini, die mit einer Art heiserem Schreien auf sich aufmerksam macht, tut ihr übriges um den stimmlichen Output zu erhöhen.

Doch auch der sonstige Output ist nicht zu verachten, was ebenfalls für den Input gilt, wenn es um Enten geht. Entenzüchter formulieren dies gern ein wenig salopper: Vorne frisst, hinten scheißt. Enten, früher auch das "Schwein des kleinen Mannes" genannt, sind Allesfresser. Für den Neuentenhalter heißt dies, dass der neue beste Freund der Zaunverkäufer im Baumarkt wird, denn es gilt, Blumen-, Kräuter und Gemüsebeete ebenso zu schützen wie kleinere Büsche, Bäume oder Hecken. Enten sind hier nicht wählerisch - und blühende Sonnenblumen fallen ihnen ebenso zum Opfer wie der endlich wuchsfreudige Estragon, der neu austreibende Holunder oder gar die Topfbaumwolle, die im Kübel gezüchtete winterharte Banane oder das Olivenbäumchen. Neben dem Einzäunen ist deshalb das Verlagern der Kübel in höhere Gefilde ratsam.

Damit jedoch nicht genug, denn die Essfreude der Enten macht auch vor dem Futter anderer Tiere nicht Halt. Entgegen anderslautender Berichte sind Enten der Fleischfütterung keineswegs abgeneigt - und im Rudel sind die Tiere keineswegs furchtsam. Während wir anfangs dachten, dass die Katzen auf die Enten losgehen und sie attackieren würden, wurde schnell klar, dass die Enten nicht nur weitaus frecher, sondern auch viel verfressener waren.

Egal ob Hühnerherzen oder -mägen, weichgekochte ganze Hühner oder auch kurz gegarte Makrelen - die Enten waren sofort vor Ort und stürzten sich auf das vermeintliche Futter, obwohl sie noch genug Entenfutter hatten. Die Katzen zogen sich diskret bis verängstigt zurück und haben auch jetzt noch, nachdem ihr Futter von den Enten abgeschirmt wird, großen Respekt vor den Räpern.

Da der "Input" sehr groß ist, ist der "Output" entsprechend. Und während die Katzen ihre Exkremente noch brav verbuddeln, überziehen Enten und Hühner den gesamten Freilaufbereich mit ihren Hinterlassenschaften, die weitaus schwieriger zu entfernen sind als die von Hund oder Katze. Entweder müssen also auch die Wege noch umzäunt und mit entsprechenden Toren ausgestattet werden - oder es heißt: schrubben, schrubben, schrubben. Von der Idee, barfuß über die von den Enten mitgenutzten Wiesen zu laufen (die sich schnell in eine Einöde verwandeln), sollte man sich schnell verabschieden.

Ein Huhn ist im Bäumchen

Hühner neigen zu Flugstunden (sofern man ihnen die Flügel nicht stutzt, was von Tierschützern scharf kritisiert wird). D.h. es gilt sie so manches Mal aus den Bäumen herauszuholen oder sie einzufangen. Auch bei den Enten ist der Stallgang gerade dann, wenn es noch hell ist, oft eher ein abendliches Joggingmanöver. Das "Installieren", wie es von uns genannt wird, ist häufig zeitaufwändiger als erwartet.

Auch die Säuberung des Stalles ist nicht so einfach, wie es von den Hochglanznaturzeitschriften suggeriert wird, denn aufgrund des erhöhten Outputs ist entweder ein komplett gefliester Stall zu empfehlen - oder aber es heißt auch hier, beherzt zum Schrubber zu greifen. Der gerne angepriesene, kleine Holzentenstall mit wenig Platz und etwas Stroh mag zwar auf den ersten Blick hübsch anzusehen sein, führt aber oft zu Schädlingsbefall, Schimmel und ähnlichem. Hinzu kommt eventuell eine notwendige Schallisolierung (siehe oben).

Während solche Tiere früher vor allem als Nutztiere angesehen wurden, die man mit dem fütterte, was bei Mahlzeiten und beim Kochen übrig blieb, gilt es heutzutage zu bedenken, "was das Tier benötigt". Der Tierhalter von Heute köpft kein Huhn mehr, weil es sich den Fuß gebrochen hat - stattdessen zahlt er etliche Euro dafür, dass das Huhn vom Experten behandelt wird.

Schädlingsbekämpfungsmittel, Vitaminpräparate und Spezialfutter haben längst das Resteessen von einst ersetzt - und es gibt durchaus freundliche Zeitgenossen, die bei einem Outing a la "also, unsere Enten bekommen auch mal unsere Reste zu essen" gleich Tierquälerei rufen und die entsprechenden Behörden informieren.

Das Ergebnis dieser Kollision zwischen Realität und der Bauernhofidylle, die beschworen wird, sind nicht selten Tiere, die in Tierheimen oder in den "Tier-zu-verschenken"-Rubriken zu finden sind.

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