Netzhaut-Scanner auf dem Vormarsch

25.10.2014

Mit Millionen Steuermitteln finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung Sicherheitstechnologie wie Netzhautscanner, Gesichts- oder Ohrenerkennung - über den Mutterkonzern einer der beteiligten Firmen gab es Verbindungen zur CIA

Es erinnert ein bisschen an den Film Minority Report, in dem Hauptdarsteller Tom Cruise auf der Flucht ist und sich neue Augäpfel implantieren lässt, um von Netzhaut-Scannern in der U-Bahn nicht erkannt zu werden.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert jetzt die Entwicklung eines neuartigen Retina-Scanners mit Steuermitteln. Retina-Scanner können Menschen an ihrer Netzhaut erkennen. Heikel: Die Beschaffenheit der Netzhaut lässt auch Rückschlüsse auf Augenkrankheiten und andere Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes zu.

Im Rahmen des vom BMBF geförderten Projekts Mobile Authentifikation mittels Retina Scanning (MARS) wurde der Prototyp eines Retina-Scanners entwickelt. Dieser sei, so ein Sprecher des BMBF, "für Tests am menschlichen Auge freigegeben, die in den nächsten Wochen beginnen können". Wo diese Tests stattfinden, war auf Anfrage weder vom BMBF noch von den Projektpartnern zu erfahren. Nur so viel: Es habe eine "Prüfung […] durch ein externes, dafür zugelassenes Prüfinstitut" gegeben, so Michael Scholles vom beteiligten Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme. Zu den Kosten für das Projekt "MARS" finden sich verschiedene Angaben. Während die Bundesregierung für das Projekt Kosten in Höhe von 2,8 Millionen Euro nennt, wird in einem Dokument der VDI Technologiezentrum GmbH, die zum Geschäftsbereich des Ministeriums gehört, ein Projektvolumen von rund 3,3 Millionen Euro genannt.

Online-Banking mit Netzhautscanner

Der Einsatz von Netzhaut-Scanner ist denkbar an Bankautomaten, im Online-Banking, im Bereich E-Payment, als Zugangskontrolle an der Haustür oder zu Sicherheitsbereichen an Flughäfen und im Handybereich. Ein Teilprojekt von "MARS" beinhaltet die "Lösungs- und Prozessintegration im Bankenumfeld". Verantwortlich für dieses Teilprojekt ist die P3N Beratungs GmbH mit Sitz in Zwickau. Sie zählt zahlreiche Sparkassen und Volksbanken zu ihren Referenzen. Auf Anfrage wollte die Firma zu Details keine Auskunft geben. Ihr Geschäftsführer verwies an das Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme und das Bundesforschungsministerium.

Foto: Petr Novák, Wikipedia. Lizenz: CC BY-SA 2.5.

Im Rahmen der zivilen Sicherheitsforschung fördert das BMBF auch das Verbundprojekt Multi-Biometrische Gesichtserkennung (GES-3D) mit rund 2,6 Millionen Euro. Das Projekt will ein neuartiges Werkzeug entwickeln, mit dem "die Ermittlungsbeamten bei ihrer Arbeit unterstützt werden, indem eine Identifizierung auch aus partiellen Gesichtsbildaufnahmen mit minderer Bildqualität ermöglicht wird". Dabei soll auf eine Datenbank mit biometrischen Ohrendaten zugegriffen. An dem Projekt ist auch das Bundeskriminalamt beteiligt, dessen Beamte mit dem System einmal Personen auf Videobildern identifizieren sollen. "GES-3D" hat ein Teilprojekt mit dem Titel "3D-Gesichts- und Ohrenerkennung". Dafür fließen im Zeitraum vom 1. Januar 2012 bis zum 31. Dezember 2014 insgesamt 558.156 Euro an den Fachbereich Medien der Hochschule Darmstadt.

Im Rahmen von "GES-3D" auch erhält die L-1 Identity Solutions AG aus Bochum im selben Zeitraum 296.000 Euro.

Verbindungen zur CIA

Im Aufsichtsrat des US-Mutterkonzerns der L-1 Identity Solutions AG, welcher Biometrie-Produkte für das Militär und Geheimdienste anbietet, saß der frühere CIA-Chef George Tenet. Im Jahr 2008 berichtete der "Stern" über Sorgen beim Bundesnachrichtendienst, dass der US-Geheimdienst CIA über die L-1 Identity Solutions AG sensible Daten über Mitarbeiter des BND erhalten haben könnte, was dieser bestritt. Die mögliche Sicherheitslücke betraf ein System für biometrische Zugangskontrolle zur BND-Auswertungsabteilung in Berlin-Lichterfelde.

Dies bedeutet, dass dieselbe Firma, die damals wegen ihrer Verbindungen zur CIA bereits für Aufruhr sorgte, nun eine sechsstellige Summe für ein Projekt erhält, an dem auch eine der wichtigsten deutschen Sicherheitsbehörden - das BKA - beteiligt ist.

In Ergänzung der Antwort auf eine sogenannte Schriftliche Frage teilte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Stefan Müller (CDU) dem Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen) in einem Schreiben, das Telepolis vorliegt, mit, der Projektpartner BKA schließe "einen versteckten Datenabfluss aus". Das Ministerium verlautbarte gegenüber dem Abgeordneten Ströbele: "Unmittelbare" Bezüge "zum Projekt des BND" würden "nicht gesehen". Bei der Förderentscheidung des BMBF hätte "keine Informationen" vorgelegen, "die den Ausschluss der Firma" L-1 Identity Solutions AG "bei diesem Projekt gerechtfertigt hätten". Und weiter: "Sofern dem BMBF Informationen zu als Sicherheitsrisiken erkannten Unternehmen vorliegen, werden diese bei der Förderentscheidung im Rahmen pflichtgemäßen Ermessens berücksichtigt".

Weichert-Behörde mit von der Partie

Auch das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD) macht bei dem Projekt als Partner mit. Dessen Chef Thilo Weichert gilt, auch wegen seiner Haltung gegenüber Facebook, eigentlich als besonders kritischer Datenschützer. "Für eine Anwendung durch das BKA oder andere Polizeien in Deutschland ist Voraussetzung, dass die Anwendungen kontrollierbar und grundrechtsverträglich implementiert werden", erklärt Weichert auf Anfrage den Part seiner Behörde bei dem Projekt. Insgesamt 178.500 Euro erhält die Weichert-Behörde im Zeitraum vom 1. Januar 2012 bis zum 31. Dezember 2014 für das "Teilvorhaben: Datenschutzrechtliche Rahmenbedingungen bei der Entwicklung und dem Einsatz multi-biometrischer 3D-Gesichtserkennung".

Verfolgung von Personen

Die an dem Projekt "GES-3D" beteiligte Firma L-1 Identity Solutions ist auch in ein Projekt im Bereich Videoerkennung eingebunden, das ebenfalls vom BMBF gefördert wird. Im Rahmen des Projekts APFel soll ein Videoauswertungssystem entwickelt werden, "mit dem auffällig erscheinende Personen von einem Operator markiert werden können, um sie dann leichter über mehrere Kameras hinweg im Flughafen verfolgen zu können", so das BMBF. Mittels Abgleich mit typischen Bewegungsmustern sollen so Prognosen für den weiteren Weg einer Person erstellt werden.

Beim ULD war man über dieses Projekt seines Projektpartners L-1 nicht im Bilde. Man habe von dem Projekt "keine aktive Kenntnis" gehabt, heißt es dort.

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