MH17: Mehrere Szenarien

28.10.2014

MH17-Chefermittler Westerbeke hat in einem Spiegel-Interview einen Abschuss aus der Luft nicht ausgeschlossen

In einem Gespräch mit dem Spiegel erklärte der niederländische Staatsanwalt Fred Westerbeke, der die internationalen Ermittlungen zum Absturz von MH17 leitet, man habe bislang nicht genügend Material von den USA und anderen Ländern erhalten, um "irgendwelche Schlussfolgerungen" über die Verantwortlichen ziehen zu können. Man würde weiterhin mehrere Szenarien in Betracht ziehen.

Nach dem letzten Bericht seien das Unfall- und das Anschlagsszenario ausgeschlossen worden. Der Abschuss durch eine Boden-Luft-Rakete sei zwar am wahrscheinlichsten, aber man schließe andere Möglichkeiten nicht aus, also etwa die russische Version, dass ein ukrainischer Kampfjet die Passagiermaschine abgeschossen habe könnte. Zwar hieß es im Zwischenbericht, dass keine ukrainischen Militärmaschinen in der Nähe gewesen seien, Westerbeke verwies allerdings darauf, dass dies dem damals gegebenen Erkenntnisstand entsprochen habe: "Vielleicht wissen die Russen mehr", sagte er und verwies darauf, dass man gerade ein entsprechendes Rechtshilfeersuchen vorbereite.

Russland hatte bereits im Juli Hinweise dafür vorgelegt. In einem Bericht von Russia Today wird anlässlich des Spiegel-Interviews darauf verwiesen, aber es es werden keine neuen Belege vorgelegt. Generalleutnant Andrey Kartopolow erklärte im Juli auf einer Pressekonferenz, so berichtete der staatliche russische Sender RT.com, man habe ein ukrainisches Kampfflugzeug des Typs SU-25 entdeckt, das am Tag des Abschusses von MH17 aufgestiegen sei. Der Abstand zu MH17 habe 3-5 km betragen. Kiew müsse erklären, warum das Kampfflugzeug MH17 "verfolgt" habe und in einem zivilen Luftkorridor zur selben Zeit geflogen sei.

Welche Beweise das russische Verteidigungsministerium dafür haben will, lässt sich aus der Meldung nicht ersehen. Es würden vom Kontrollzentrum Rostow Videobilder vorliegen, die aber noch immer nicht veröffentlicht wurden. Nach Kartopolow könne eine SU-25 bis zu 10 km hoch fliegen und ausgerüstet mit Luft-Luft-Raketen des Typs R-60 Ziele bis zu einer Entfernung von 12 km beschießen: "In einer Entfernung von 5 km auf jeden Fall." In der Zeit, in der MH17 abgeschossen wurde, sei ein amerikanischen Spionagesatellit über die Ostukraine geflogen, wiederholte er frühere Behauptungen. Die USA werden aufgefordert, Fotos und Daten zu veröffentlichen.

Offenbar wollte man man sich aber auch nicht auf einen Abschuss durch ein ukrainisches Kampfflugzeug festlegen und legte damals Satellitenbilder für diese spekulative Möglichkeit vor. So sei MH17 über einem Gebiet abgestürzt, das in Reichweite von ukrainischen Buk-Systemen gewesen sei. Belegt werden soll das durch Satellitenfotos, die allerdings vom 14. Juli stammen. Zu der Zeit sollen Flugabwehrraketenstellungen nordwestlich von Luhansk zu sehen sein: zwei Fahrzeuge zum Transport und Abschuss von Raketen (TEL) und ein TELAR, das zusätzlich ein eigenes Radarsystem besitzt. Auf einem weiteren Foto sollen Radarstationen in der Nähe von Donezk und auf einem dritten Bild ein TELAR-Fahrzeug und 60 weitere militärische Fahrzeuge zu sehen sein. Aufnahmen vom 17. Juli würden zeigen, dass das TELAR-Fahrzeug verschwunden sei. Auf einem fünften Foto soll ein Buk-Raketensystemen in Zaroschinskoe, 50 km südlich von Donezk und 8 km südlich von Schachtjorsk, zu sehen sein. In den Tagen vor dem 18. Juli habe es verstärkte Aktivitäten von bis zu 9 Buk-Radarsystemen in der Nähe der Absturzstelle gegeben, am 18. Juli habe die Aktivität abgenommen, seitdem würden nur noch 2-3 täglich aktiv sein. Am Abschusstag hätten auch die Raketensysteme das Absturzgebiet verlassen. Das russische Verteidigungsministerium will von Kiew die Frage beantwortet haben, warum vor dem Abschuss ein Buk-Raketenabwehrsystem in der Nähe der von Separatisten kontrollierten Gebiete stationiert worden sei.

Selbst wenn diese Informationen zutreffen sollten, läge damit noch kein Beweis vor, dass die ukrainische Seite verantwortlich sein könnte. Erstaunlich ist weiterhin, warum bislang noch von keinem Geheimdienst oder Verteidigungsministerium Aufnahmen vom 18. Juli vorgelegt wurden, auch nicht seitens Russland, das so sehr auf Aufklärung drängt. Umgangen wurde vom russischen Militär damals wie heute auch die von Kiew und den amerikanischen Geheimdiensten behauptete Anwesenheit eines von Separatisten erbeuteten Buk-Systems. Das wurde auch vom deutschen BND unlängst behauptet. Allerdings hat Kiew stets abgestritten, dass den Separatisten ein funktionsfähiges System in die Hände gefallen sei (Ukraine weist BND-Version zum Abschuss von MH17 zurück).

Hinweis der Red.: Der Artikel wurde verändert, da der russische Bericht bereits im Juli veröffenlticht worden war.

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