Morgen sind Sie tot!

04.11.2014

Wie Ärzte mit todgeweihten Patienten sprechen sollten - und was diese und ihre Angehörigen tatsächlich zu hören bekommen

Wenn das Leben klar erkennbar zu Ende geht, verändern sich für die meisten Menschen die Prioritäten. Ärzte, im Klinikstress gefangen und von der Alltäglichkeit des Sterbens umgeben, reagieren darauf nicht immer so, wie es sich die Patienten und ihre Angehörigen wünschen. Das ergab eine Studie, die das Canadian Medical Association Journal jetzt vorlegt.

Ein Forscherteam hat dazu 233 ältere Erwachsene (im Mittel 81 Jahre alt) mit hohem Sterberisiko und 205 ihrer Angehörigen in kanadischen Krankenhäusern befragt: Zunächst nach ihren Wünschen für ein aufklärendes Gespräch vor dem Lebensende, dann aber auch nach der Wirklichkeit im medizinischen System.

Zu den fünf Punkten, die Patienten und ihrem Angehörigen besonders wichtig sind, gehören demnach:

  • Wünsche für die Therapie bei lebensbedrohlichen Zwischenfällen
  • Die Werte der Patienten
  • Eine Prognose über den Krankheitsverlauf
  • Ängste oder Sorgen
  • Zusätzliche Fragen bezüglich der Therapie

Ziel dieses Prozesses ist dabei eine Auflösung eines deutlich erkennbaren Widerspruchs: Einerseits wächst die Zahl der im Krankenhaus und auf der Intensivstation sterbenden Menschen. Fragt man jedoch die Betroffenen, ist der eigene Tod in der Intensivmedizin regelmäßig die am wenigsten gewünschte Alternative. Auflösen lässt sich dieser Widerspruch nur durch Gespräche.

Ärzte, Patienten und Angehörige müssen die Gelegenheit haben, sich über ihre Vorstellungen von der letzten Lebensphase auszutauschen. Dazu benötigen die Patienten Informationen, die sie nur von der Ärzteschaft erhalten können, und die behandelnden Mediziner brauchen Vorstellungen darüber, von welchen Werten und Zielen die ihnen anvertrauten Menschen geleitet werden.

Dazu müssen sie nicht nur kluge Fragen stellen, sondern auch sich selbst den Fragen der Patienten. Ein Vorgang, der in der Praxis zu selten und zu spät zu beobachten ist. Jedenfalls hat das die Befragung der Studienteilnehmer so ergeben. Von insgesamt elf Punkten, die zu den diesbezüglichen Empfehlungen gehören, wurden in der Anfangszeit des Krankenhaus-Aufenthaltes demnach im Mittel gerade einmal 1,4 besprochen.

Die oben genannten fünf Punkte sprachen sowohl Patienten als auch Angehörige an. Für die Angehörigen standen allerdings Verlaufs-Prognosen an allererster Stelle. Je mehr der wichtigen Punkte die Betroffenen mit ihren Ärzten diskutieren konnten, desto größer war ihre subjektive Zufriedenheit mit der Situation (und auch die der Angehörigen). Die logische Ursache dafür konnten die Forscher ebenfalls nachweisen: Je ausführlicher die Arzt-Patient-Gespräche gewesen waren, desto näher lag schließlich auch die tatsächliche Therapie an den geäußerten Wünschen der Sterbenskranken.

Die Studie ist zwar in Kanada entstanden. Wer in letzter Zeit Verwandte im letzten Stadium ihres Lebens begleitet hat, weiß aber, dass die Verhältnisse in Deutschland den in der Studie beschriebenen Umständen recht nahe sind.

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