Zwischen Lesern und Lobbynetzwerken

04.11.2014

Wie die Süddeutsche Zeitung um Deutungshoheit kämpft

Die Debatte um eine zu enge Verbindung von Journalisten deutscher Leitmedien mit transatlantischen Lobbynetzwerken reißt nicht ab. Detailliert äußert sich zu den Vorwürfen nun auch der Außenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung, Stefan Kornelius. Stimmen aus der Medienwissenschaft kritisieren seine Stellungnahme. Auch die kürzlich erfolgte Umstellung der Leserforen bei der Süddeutschen sorgt für Kritik.

Seit die ZDF-Kabarettisten der "Anstalt" im Frühjahr diesen Jahres die Verstrickungen führender Journalisten mit US-nahen Denkfabriken gegenüber einem Millionenpublikum aufdeckten und seit zwei Autoren der Zeit daraufhin gerichtlich gegen das ZDF vorgingen, (Josef Joffe und Jochen Bittner scheitern gegen Die Anstalt (ZDF)) zieht das Thema immer weitere Kreise. Am vergangenen Wochenende mischte sich nun auch erstmals kritisch eines der betroffenen Leitmedien in die Debatte ein. So veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung eine ganzseitige Analyse des ehemaligen Spiegel-Kolumnisten Stefan Niggemeier, in der es heißt:

Manipulieren die Nachrichten die Nachrichten? Hetzt die Presse gegen Putin? Lassen sich Journalisten kaufen? Das Misstrauen wächst. Die Kritik an den Medien in Blogs und Büchern wird lauter und aggressiver. Aber sie nur als Verschwörungstheorie abzutun: So einfach ist es nicht. (…) Seit einiger Zeit dringen führende deutsche Medien und Politiker gleichermaßen und teilweise gemeinsam darauf, dass Deutschland eine aktivere Rolle auch in kriegerischen Auseinandersetzungen übernehmen soll. Von vielen Kritikern werden die Journalisten dabei als Verbündete der Politik wahrgenommen, nicht als kritische und distanzierte Kontrolleure, und der Eindruck ist nicht abwegig. (…) Viele der seriösen Medien scheinen noch nicht zu ahnen, wie groß die Erosion des Vertrauens in ihre Arbeit ist und dass dieses Vertrauen die Grundlage für alles ist.

Stefan Niggemeier

Ein wesentlicher Stein des Anstoßes zur laufenden Debatte ist dabei die Forschungsarbeit "Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten - eine kritische Netzwerkanalyse", die vom Medienforscher Uwe Krüger als Dissertation verfasst wurde und auf deren Ergebnisse sich auch das ZDF-Kabarett in seiner satirischen Darstellung berief (Journalismusforschung:"Ganz auf Linie mit den Eliten").

Stefan Kornelius, seit dem Jahr 2000 Außenressortchef der Süddeutschen Zeitung, und eine der Hauptpersonen in Krügers Studie, wirft der Arbeit nun mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. Sie sei "einseitig" und "politisch motiviert". Ein Interview für Telepolis lehnte Kornelius zwar ab, will sich aber nach eigener Aussage einer Diskussion nicht generell verweigern. Er äußerte sich vorerst in einer ausführlichen Email zu seiner Sichtweise.

Kornelius kritisiert darin zunächst, dass Krüger ihm zwar vor Veröffentlichung der Studie angeboten habe, eine Stellungnahme abzugeben (was Kornelius ablehnte), diesen direkten Kontakt zu ihm aber erst gesucht habe, nachdem die Arbeit bereits abgeschlossen war. Dies sei "die falsche Reihenfolge" und "in der Unverhältnismäßigkeit nicht in Ordnung". Kornelius: "Man kann nicht Vorwürfe konstruieren, in die Welt setzen und dann erwarten, dass man sie nachträglich entkräftet. Diese Methode ist mir vor allem in der Wissenschaft noch nicht untergekommen."

"Mich überrascht es, dass Herr Kornelius dies alles nicht weiß"

Telepolis befragte dazu Prof. Michael Haller, Erstgutachter von Krügers Doktorarbeit und bis 2010 Professor für Journalistik am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Haller, einer der namhaftesten Medienforscher Deutschlands, der selbst lange Jahre für den Spiegel und die Zeit schrieb, bevor er zum Gründungsherausgeber der Journalismuszeitschrift Message wurde, sagt konkret zu Kornelius' Vorwürfen:

Ich habe den Eindruck, dass Herr Kornelius von wissenschaftlicher Forschung und Empirie nichts versteht. Netzwerkanalysen sind Strukturanalysen, d.h. zu Beginn der Untersuchung gibt es nur Gremien, Mitglieder und Netze. Erst gegen Schluss stellen sich die Verknotungen und Verdichtungen und dann die inhaltlichen Kontexte heraus. Erst dann kann man die Akteure identifizieren und - wenn sie willens sind - befragen. Merkwürdig ist die Äußerung von Herrn Kornelius auch aus einem andern Grund: Auch im Journalismus gehört zum "kleinen Einmaleins" der Rechercheverfahren, bei kontroversen Themen "von außen nach innen" vorzugehen, das heißt, die Hauptbeteiligten erst am Schluss zu befragen (also erst dann, wenn man weiß, was man fragen/herausfinden muss und auch genügend Fakten kennt, um die Antworten der Akteure einschätzen zu können). Mich überrascht es, dass Herr Kornelius dies alles nicht weiß.

Michael Haller
Diese Grafik aus Krügers Netzwerkanalyse zeigt die Verbindungen von SZ-Außenpolitikchef Stefan Kornelius im Untersuchungszeitraum der Studie. Zu sehen sind 57 Personen, mit denen erhöhtes Kontaktpotenzial durch mindestens zwei Organisationen bestand. Quelle: Krüger, "Meinungsmacht", S. 135

Auf Nachfrage von Telepolis ergänzt Uwe Krüger:

Als Wissenschaftler bin ich frei, was meine Methodik angeht und auch meine Forschungsfrage. Wenn ich sämtliche leitenden Redakteure aller deutschen Leitmedien auf Elitenkontakte untersuche und dann schälen sich im Laufe der Arbeit vier heraus, die besonders auffällige Netzwerke haben, dann sehe ich mich nicht verpflichtet, ab diesem Punkt die Studie in Zusammenarbeit mit den vier Personen zu machen. Dass man vor Veröffentlichung die vier mit der Kritik konfrontiert und ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme gibt, halte ich für ein Gebot der Fairness. Aber es ist übertrieben zu sagen: Teil der Methode müssten jetzt Leitfadeninterviews mit den vieren sein. Meine Forschungsfrage war: Mit wem hat jemand informell Kontakte und stimmt die Argumentation im journalistischen Output in bestimmten Punkten mit diesem sozialen Umfeld überein? Diese Fragen habe ich mit Netzwerkanalyse und Inhaltsanalysen beantwortet.

Uwe Krüger

Stefan Kornelius zweifelt in seiner aktuellen Stellungnahme gegenüber Telepolis weiterhin an, dass es sich bei den Denkfabriken, mit denen er verbunden ist oder war (Deutsche Atlantische Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, American Institute for Contemporary German Studies, Atlantikbrücke u.a.) überhaupt um Lobbygruppen handelt. Dem sei nicht so. Kornelius wörtlich: "Das sind doch keine Lobbyorganisationen."

Dazu Uwe Krüger:

Ich kann mich an keine Stelle erinnern, wo ich in dem Buch die Arbeit von Think Tanks explizit generell charakterisiere. Einzig die Deutsche Atlantische Gesellschaft, in der Herr Kornelius Beisitzer im Präsidium war, bezeichne ich im Buch als "Lobbyorganisation für die Nato", denn sie sagt auf ihrer Website: "Die Deutsche Atlantische Gesellschaft hat sich zur Aufgabe gemacht, das Verständnis für die Ziele des Atlantischen Bündnisses zu vertiefen und über die Politik der NATO zu informieren." Allerdings sehe ich schon, dass viele außenpolitische Think Tanks Lobbyarbeit für stärkere transatlantische Beziehungen machen. Interessant ist z.B., dass sogar die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP), qua mission statement kein transatlantischer Think Tank, wiederum Mitglied in der europäischen Transatlantiker-Dachorganisation Transatlantic Policy Network ist.

Uwe Krüger

Kornelius legt in diesem Zusammenhang Wert auf die Feststellung, dass er nicht nur mit Transatlantikern in Verbindung stehe, sondern beispielsweise auch Mitglied im Deutsch-Russischen Forum sei. Er gibt zu bedenken:

Wieso soll ein amerikanischer Think Tank Einfluss auf meine Denke haben, das deutsch-russische Forum aber nicht?

Stefan Kornelius

Diese Fragestellung geht gleichwohl am Kern des Disputs vorbei. Denn der Fakt, dass Kornelius in seinen Artikeln und Kommentaren in der Süddeutschen Zeitung dezidiert US-nah und Kreml-kritisch schreibt, lässt sich kaum ernsthaft in Frage stellen. Wieso die russische Sichtweise ihn also ganz offenkundig weniger beeinflusst als die amerikanische, kann nur er selbst beantworten. Ob ihn bei seiner Berichterstattung diejenigen transatlantischen Denkfabriken, denen er verbunden ist, beeinflusst haben, oder aber ob ihn diese Organisationen vielleicht erst einluden, nachdem er bereits zuvor ähnliche Anschauungen wie sie geäußert hatte, dies bleibt eine offene - aber letztlich vielleicht auch zweitrangige - Frage.

In diesem Sinne kommentiert auch Prof. Haller kurz und bündig, Kornelius' Einwurf sei "logisch nicht nachvollziehbar", denn: "Die Frage des 'bias' (der inhaltlichen Schlagseite) ergibt sich aus den von Kornelius verfassten Texten in der Zeitung."

"Absoluter Mainstream"

Krügers Arbeit zu den Alpha-Journalisten kommt zum Ergebnis, es gäbe einen außenpolitischen Konsens oder Gleichklang der deutschen Leitmedien in verschiedenen großen Fragen - etwa, dass Sicherheit breit definiert werden müsse, deutsche Interessen weltweit zu verteidigen seien, oder Deutschland sich stärker militärisch engagieren und dabei die Partnerschaft mit den USA pflegen solle. Doch auch an dieser Stelle meldet Kornelius in seiner aktuellen Stellungnahme Zweifel an:

Meines Erachtens sind die von Krüger gewählten Suchbegriffe absoluter Mainstream der außenpolitischen Debatte in aller Welt und keine amerikanischen Erfindungen. Hier nimmt er eine politische Gewichtung vor, der ich widerspreche.

Stefan Kornelius

Dazu Krüger:

Genau, das ist absoluter Mainstream, der vermutlich aus den USA zu uns herübergekommen ist. Ich kritisiere genau dieses Schwimmen im Mainstream und im Elitendiskurs und das unkritische Übernehmen von interessengeleiteten Begriffsdefinitionen und Begriffsumdeutungen.

Uwe Krüger

Prof. Haller ergänzt gegenüber Telepolis, es gehe "konkret um den 'erweiterten Sicherheitsbegriff'". Hier müsse Kornelius "die Belege und Argumente von Herrn Krüger (S. 152-163 der Studie) widerlegen", was aber bislang nicht geschehen sei. Haller bemängelt auch, dass Kornelius seine Begriffe nicht klar definiere:

Was ist für ihn Mainstream und wie entsteht dieser seiner Meinung nach? Tatsächlich liefern die Sozial- und die Medienwissenschaften zu diesem Komplex (Leitmedien, Mainstream, Eliten usw.) gut überprüfte Modelle und Theorien, die Krüger auch vorstellt und diskutiert (vgl. S. 88-104). Wenn Kornelius nur halbwegs seriös argumentieren würde, müsste er Krügers Ableitungen widerlegen. Tatsächlich benimmt sich Kornelius wie ein Kickboxer, der einen Schachspieler mattsetzen möchte, indem er das Schachbrett umkippt. Würde der Kickboxer die Schachregeln anwenden, würde er haushoch verlieren.

Michael Haller

Kornelius' Stellungnahme gegenüber Telepolis schließt mit dem kritischen Hinweis, er habe bisher "keine Anerkennung aus der Fachwelt" für Krügers Studie ausmachen können. Doch dabei hat der Medienprofi offenbar sein eigenes Blatt ignoriert. Denn neben lobenden Besprechungen in Fachmagazinen wie "Medien & Kommunikationswissenschaft" (Ausgabe 1/2014) hat die Süddeutsche Zeitung selbst in ihrer Ausgabe vom 31. Dezember 2013 Krügers Dissertation wohlwollend rezensiert.

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