Zwischen Lesern und Lobbynetzwerken
Paul Schreyer 04.11.2014
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"Kein Abladeplatz für Troll-gesteuerte Propaganda-Ware"

Dazu befragt, widerspricht nicht nur Daniel Wüllner, sondern auch Stefan Kornelius. Seiner Meinung nach habe "der Leserdialog an Substanz und Tiefe gewonnen". Wer "wirklich diskutieren will", so der Außenressortchef der Süddeutschen, "der findet sein Forum auch auf der Seite der SZ" - eine Annahme, die allerdings durch die oben geschilderten Stichprobe konterkariert wird. Kornelius ergänzt gegenüber Telepolis, die Süddeutsche sei "außerdem kein Abladeplatz für Troll-gesteuerte Propaganda-Ware".

Diese Aussage irritiert. Denn welcher Blick auf den kritischen Leser offenbart sich in einer solchen Formulierung? Sicher herrscht in Leserforen oft ein rauer und manchmal respektloser Ton. Auch gibt es immer wieder Störer, die Debatten gezielt erschweren. Wohin aber führt eine Gleichsetzung von scharfer, manchmal vielleicht auch nervtötender Kritik mit "gesteuerter Propaganda", wie Kornelius es hier nahelegt? Wer Kritik aus der Leserschaft in dieser Pauschalität diffamiert, macht einen echten Dialog nahezu unmöglich.

Fragwürdig erscheint auch der Umgang mit den Lesern im direkten Zusammenhang mit der Forenumstellung vom 1. September. So weist die Redaktion zwar stolz darauf hin, dass man vor dem Umbau 50 "Intensiv-Beitragsschreiber" um ihre Meinung zur Forenreform gebeten habe - und stellt deren Antworten auch ganz modern und transparent online. Doch wer diese in einer Excel-Tabelle gebündelten Antworten liest, der bemerkt, dass die Mehrzahl der befragten Leser ganz und gar nicht einverstanden war mit dieser Maßnahme. Hier einige Auszüge der Leser-Antworten an die SZ-Redaktion:

was soll ich von DIESER Leserbefragung hier halten, die stattfindet, NACHDEM die Reduzierung auf nur drei Diskussionen täglich schon beschlossen ist? Das ist doch kein Dialog, wenn man per ordre mufti handelt und danach erst die Betroffenen fragt!

"Auf KEINEN FALL eine Reduzierung auf nur 3 Diskussionen täglich! Das hat mit Interaktivität und Web 2.0 nichts mehr zu tun, ein völliger Rückschritt. Dann kann man's auch gleich ganz sein lassen, da werden die meisten Foristen (und die sind auch Leser!) woandershin abwandern.

Ich kann mir sehr schwerlich vorstellen, dass n u r drei themenbezogene Diskussionen ausreichend sind, für mich sicherlich nicht. Gerade die "Debatte unter jedem Text", empfand ich mehr als nützlich, da so auch Themen außerhalb des "Mainstreams" ihr Berechtigung fanden. Die von Ihnen vorgeschlagene neue Form der Diskussion, hat ein "Gschmäckle" von Bevormundung.

Dialog mit dem Leser => Das wäre eine gute Idee! Denn bisher kann von einem DIALOG keine Rede sein. (…) Ähnliches gilt für den direkten Kontakt mit SZ-Mitarbeitern per E-Mail: Aus jeder Korrespondenz trieft die Attitüde 'Wir machen nichts falsch. Wenn sich Kritik häuft, kann mit den Lesern etwas nicht stimmen.' Mehr Reflexion der eigenen Arbeit, mehr Bereitschaft zur Selbstkritik wäre dringendst wünschenswert. Nur dann kann der 'Dialog mit dem Leser' gelingen!

SZ-Mann Wüllner sieht dennoch kein Problem und kontert diese Leseraussagen in gefälligem Marketingdeutsch:

Wir hören den kritischen Stimmen unserer Leser sehr genau zu und werden gegebenenfalls Änderungen, wie eine Erhöhung der Anzahl der Themen und dem Wunsch nach mehr Dialogbereitschaft, bestmöglich entgegenkommen.

Daniel Wüllner

Löschung "aus technischen Gründen"

Problematisch erscheint auch, dass zeitgleich mit der Forenumstellung sämtliche Leserkommentare unter älteren Artikeln gelöscht wurden. Schaut man sich heute SZ-Artikel etwa vom Sommer diesen Jahres an, so ist die Flut des Leserzorns in den Kommentaren dort nun lautlos abgeräumt, ganz so, als hätte es sie nie gegeben - im Grunde eine unerhörte Respektlosigkeit gegenüber den eigenen Lesern, die hier oft mit viel Zeit und Mühe Argumente formuliert haben.

Auf die Nachfrage von Telepolis, ob diese gigantische Löschaktion auch wieder rückgängig gemacht werden könne, antwortet die SZ nun lapidar: "Dies ist aus technischen Gründen leider nicht möglich" - eine Aussage, die so sicher zu hinterfragen ist. Dass man sämtliche - zum großen Teil kritischen - Kommentare der Vergangenheit kurzerhand "ausradierte", wirft in jedem Fall kein gutes Licht auf den Willen und die Fähigkeit zum "Leserdialog" bei der SZ. Wer dem immer wieder auftauchenden Zensurvorwurf ernsthaft begegnen will, sollte hier sicher nachbessern.

Prof. Michael Haller mahnt nun an die Adresse der Süddeutschen Zeitung:

Man fragt sich, warum die Redaktion die Mühe scheut, die Kommentare zu sichten, auszusortieren und die Beiträge, die den Fairness-Regeln genügen, zu veröffentlichen. Es geht also um die Frage, wie ernst man diese partizipatorische Funktion, die Artikulationsmöglichkeiten der Leser nimmt.

Michael Haller

Und in der Tat scheint das ein Kern der Debatte zu sein: Wie ernst will man die Leser nehmen? Sind sie bloß Staffage zur Erhöhung der Klickzahl und Steigerung der Werbeumsätze? Sind sie "tumbes Volk" dem man das Diskutieren erst beibringen muss? Oder sind die Leser nicht eigentlich wir, das Volk, der Souverän, der ganz selbstverständlich auch mehr Menschen und Milieus umfasst als das vergleichsweise enge soziale Raster, dem heute die Mehrzahl der Journalisten entstammt?

Wiederum geht es also auch um Eliten und ihre Netzwerke, es geht um Deutungshoheit sowie die Frage, wem das Land eigentlich gehört - und wer es informiert.

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