Irak/USA: Die schwierige Suche nach verbündeten Stämmen

07.11.2014

Die al-Qaida-Nachfolger vom IS haben dazugelernt: Das Awakening-Phänomen wird sich nicht leicht wiederholen

Die USA sind in ihrem Kampf gegen die Milizen des "Islamischen Staates" auf Hilfe am Boden angewiesen, Luftangriffe genügen nicht, wie sich im Nordirak und bei Kobanê gezeigt hat. Worauf auch die US-Führung selbst mit den Aufbauplänen der irakischen Armee hingewiesen hat. In der irakischen Provinz Anbar hoffen die USA auf Unterstützung sunnitischer Stämme. Doch zeigt sich dort aktuell, dass sich die Situation gegenüber 2005 und 2006, wo man dank der militärischen Hilfe großer Stämme ("Sons of Iraq") gegen al-Qaida im Irak Erfolg hatte, verändert hat. Die al-Qaida-Wiedergänger vom IS haben aus Erfahrungen gelernt und die Lage ist komplizierter als angenommen.

In Syrien wird es für die USA nach neuesten Entwicklungen noch schwieriger, Gruppen zu finden, die gegen die beiden al-Qaida-Ableger IS und Jabat al-Nusra vorgehen. Und in der irakischen Provinz hat ein bedeutender Stamm, Al Bu Nimr, große Verluste beim Kampf gegen IS hinnehmen müssen; berichtet wird von mehreren Hundert Opfern des Stammes bei Kämpfen mit den Dschihadisten (vgl. IS-Miliz tötet 200 Sunniten des Stammes Al Bu Nimr).

Doch ist die Realität noch etwas komplizierter, wie ein Bericht des Online-Portals Niqash ausführt. Demnach sind nicht nur die genauen Opferzahlen unklar, sondern auch der Charakter der Auseinandersetzungen, die Motive der Beteiligten und jeweiligen Gegner. Üblich ist die Lesart, dass es sich um einen Rachefeldzug der IS gegen einen abtrünnigen oder sich wiedersetzenden Stamm handelt, an dem mit großer Brutalität ein Exempel statuiert wird.

Stimmen jedoch die Informationen des Autors Mustafa Habib, dann waren nach seinen Quellen, Mitgliedern des Al Bu Nimr-Stammes, nicht ausschließlich IS-Milizen an der Tötung und Entführung von Angehörigen des Al Bu Nimr beteiligt, sondern auch Mitglieder anderer Stämme - und sogar Mitglieder des Al Bu Nimr selbst. Im Mindesten läßt sich daraus schließen, dass Rivalitäten und Loyalitäten nicht nach einem Reißbrettschema funktionieren.

"Hearts and minds" der Stämme

Der Al Bu Nimr-Stamm gehörte zu jenen, die sich im letzten Jahrzehnt sehr bald dazu entschlossen, den US-Truppen im Kampf gegen al-Qaida im Irak (im Rahmen des Kampfes gegen die Aufständischen) zu helfen. Der Stamm war ein wichtiger Teil der sogenannten sunnitischen Awakeningsbewegung (Das große "Erwachen" im Irak), wie sich etwa im Blog Musings on Irak genauer nachlesen lässt. Dort wird, wie auch an anderer Stelle, davon berichtet, dass sich die al Bu Nimr gegen den IS gestellt haben, weswegen Racheaktionen der Dschihadisten schon ein Grundmotiv der Kämpfe ausmachen. Doch sind den Eindeutigkeiten ein paar neue Verwicklungen hinzugefügt.

So erfährt der Leser, der sich für die Namen der wichtigen Stämme in Anbar interessiert, im Niqash-Bericht eine ganze Liste von bedeutenden sunnitischen Stämmen, die der irakischen Regierung gegenüber ihre Loyalität erklärt haben, genauso wie auch eine Liste der Stämme, die sich auf die Seite IS stellen, aber, wie ein Hintergrundbericht von Hassan Hassan im Guardian darlegt, sind diese Loyalitäten nicht unbedingt von Stabilität gekennzeichnet, gerade was die Gegnerschaft zum IS ausmacht.

Hier kommt der oben angedeutete Unterschied zur Situation in den Jahren 2005 und 2006 ins Spiel. Wie der Autor, der sich seit längerem mit der Entwicklung von IS(IL), al-Qaida und Jabat al-Nusra befasst, aufzeigt, gibt es, was das Verhältnis zu den sunnitischen Stämmen betrifft, zwei große Unterschiede zwischen al-Qaida im Irak im vergangenen Jahrzehnt und den IS-Dschihadisten.

Erstens ist die Nachfolgeorganisation nicht mehr durch den hohen Anteil von "Auswärtigen" geprägt, stattdessen stellen nun Iraker, wie z.B. an vorderster Stelle al-Baghdadi, große Teile des IS (wobei dies für die miltärische Führung nicht ganz zutreffen dürfte). Und zweitens habe ISIS seit mehr als 10 Jahren unter den Stämmen im irakischen Anbar seine Organisation aufgebaut und sei dadurch imstande, Konflikte und Schwachstellen innerhalb der Stämme gut für sich auszunutzen.

Das habe dazu geführt, dass der IS wichtige Gebiete von Stämmen verwalten lasse und die Stämme profitieren finanziell davon und in ihrer Machtstellung. Darüberhinaus habe der IS einige Fertigkeiten darin entwickelt, Stämme von der Regierung loszueisen, bzw. Stämme intern zu spalten, wie das oben genannte Beispiel der Kämpfe gegen die Al Bu Nimr zeigt.

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