"Es gibt dort keinen Hass und keine Verbitterung"

15.11.2014

Der Schriftsteller Imre Török über die Lage an der türkisch-syrischen Grenze

Anfang November reiste der Schriftsteller Imre Török, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller und PEN-Mitglied, gemeinsam mit türkischen und kurdischen Kollegen in die türkisch-syrische Grenzregion nahe der umkämpften Stadt Kobane. Unter dem Titel "For Peace and Humanity. Solidarity with Kobane" initiierten die Autorinnen Arzu Demir und Tekgül Ari das Projekt, dem Török sich anschloss. Mit Telepolis sprach er über die Lage vor Ort und die Situation der Flüchtlinge.

Hinter den Feldern und der Baumreihe steigt Rauch auf in Kobane. Bild: Imre Török

Wie ist der Lage an der Grenze nahe Kobane?

Imre Török: Wir haben die Lage als sehr bedrückend erlebt. Man hört die Flugzeuge der Anti-IS-Allianz, immer wieder gibt es in Kobane Detonationen und es steigt Rauch über der Stadt auf. Vermutlich Bombeneinschläge des IS. Genau kann man das nicht sagen. Es ist erschütternd, das zu sehen. Ich war noch nie zuvor in einer Kriegssituation oder so nah dran. All das, was man liest und in den Medien sieht, kann einen nicht wirklich darauf vorbereiten, selbst vor Ort zu sein.

Wie kam es zu der Entscheidung, dorthin zu gehen?

Imre Török: Eingeladen hatten mich Schriftstellerfreunde aus der Türkei. Ich hatte anfangs Angst und habe die Entscheidung auch einige Tage vor mir hergeschoben. Ich war der einzige Ausländer in einer Gruppe türkischer und kurdischer Schriftsteller, die alle Mitglied des PEN oder des Türkischen Schriftstellerverbandes sind. Sie schrieben mir, dass sie auch Angst hätten, aber vorsichtig sein würden und ich mich nicht sorgen solle. Das hat mich letztlich überzeugt. Diese Gruppe aus rund vierzig Schriftstellern wird nun ein Buch über die Flüchtlinge und den Krieg schreiben, das Anfang 2015 in der Türkei erscheinen soll.

Imre Török mit der Lyrikerin und Autorin Arzu Demir aus Ankara, Initiatorin des Autorenprojekts Soldarität mit Kobane an der syrischen Grenze.

Wie nah kamen Sie der türkisch-syrischen Grenze?

Imre Török: Wir standen nicht direkt am Grenzübergang zwischen Kobane und dem türkischen Ort Suruc, wo die Armee stationiert ist und Fahrzeuge und Menschen passieren. Wir waren auf einem Acker, etwa vierhundert Meter von der Grenze entfernt. Dort gab es keine türkischen Soldaten, aber kurdische Sicherheitsleute wiesen uns an, ab hier nicht mehr weiterzugehen, das sei zu gefährlich. Wir sahen eine Baumreihe auf Höhe der Grenze. Auf einer Anhöhe befand sich ein türkischer Militärposten, doch dort durften wir nicht hingehen.

Imre Török im Gespräch mit Flüchtlingen.

Sie haben auch die Flüchtlingscamps in Suruc besucht...

Imre Török: Ja. Dort allein sind etwa 50.000 Flüchtlinge untergebracht, in der umliegenden Region, einem Gebiet von etwa der Größe Berlins, sind es knapp 200.000. Ich schätze, etwa 90% davon sind syrische Kurden, aber auch viele Jesiden. Die meisten leben in Zelten. Wer irgendwo Verwandte hat, ist dort untergekommen. In den Camps leben die Menschen unter primitivsten Bedingungen, es gibt quasi keinerlei Privatsphäre. Sie erwarten den Besuch, laden einen in ihre Zelte ein. Sie wollen erzählen, wollen fotografiert werden. Sie wünschen sich, dass die Welt hinschaut und ihr Schicksal nicht vergisst.

In einem der Camps gibt es ein größeres Zelt, in dem die Kommunalverwaltung eine Schule eingerichtet hat. Wir saßen in den kleinen Flüchtlingszelten und hörten zu. Aber selbst in dieser Zeit wurde es mir eng, es ist unvorstellbar, wie die Menschen dort die Situation tagtäglich ertragen können. Einmal pro Tag wird Essen geliefert. Karge Mahlzeiten. Es gibt Wasserstellen, wo man Trinkwasser holen und Wäsche waschen kann. Aber der Winter bricht ein. Die Probleme nehmen zu, und viele wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Flüchtlingscamp in Suruc. Bild: UImre Török

"Dann merkten sie, dass der IS noch teuflischer ist als Assads Truppen"

Was erzählen die Flüchtlinge?

Imre Török: Alle wollen so schnell wie möglich zurück. Syrien ist ihre Heimat. Sie hoffen jeden Tag, dass es den kurdischen Kämpfern gelingt, den IS zurückzudrängen oder gar zu besiegen. Viele stammen nicht direkt aus Kobane, sondern auch aus den umliegenden Dörfern, die der IS schon vorher eingenommen hat. Es sind zum Teil einfache Menschen. Frauen erzählten, dass sie dachten, es würde ihnen nichts passieren, da sie ja auch Moslems sind. Als die ersten IS-Einheiten kamen, backten sie Brot und brachten es den Kämpfern. Sie waren ahnungslos. Es gibt kaum mediale Vernetzung in den Dörfern. Die Leute hatten Angriffe des Assad-Regimes erlebt und sie abgewehrt, sie dachten, da der IS Assad bekämpft, sei er auf ihrer Seite. Und dann merkten sie, dass der IS noch teuflischer ist als Assads Truppen.

Dann begann die große Flucht. Viele kamen nicht schnell genug raus, weil sie Kinder hatten oder Kranke versorgen mussten. Sie mussten zusehen, wie Leuten Füße oder Hände abgehackt wurden, wie Männer an Autos gebunden und durchs Dorf geschleift wurden. Die Frauen weinten, wenn sie davon berichteten.

Trotzdem habe ich keine einzige Hasstirade gehört. Viele werden noch Monate brauchen, um einigermaßen mit der Situation zurechtzukommen.

Die Türkei hat hunderttausende Menschen aufgenommen, zugleich unterstützt sie aber den IS, zum Beispiel durch den Ölhandel, und lässt das Massaker in Kobane geschehen – wie wird das von den Menschen vor Ort gesehen?

Imre Török: Die meisten haben die große Politik nicht im Blick. Die Kommunalpolitiker sagen, sie fühlen sich im Stich gelassen. Es ist eine riesige Herausforderung für die Verwaltung, all die Menschen halbwegs zu versorgen. Die meisten haben kein Geld und finden keine Arbeit. Manche Kinder machen Aushilfsjobs für ein bis zwei Euro am Tag. Es heißt, es gebe immer wieder Behinderungen, Teile der internationalen Hilfe kämen nicht oder nur verspätet an. Die kurdische Verwaltung erwartet mehr Unterstützung von der türkischen Regierung, doch der ist es ein Dorn im Auge, dass dort nur Kurden das Sagen haben.

Kundgebung in Sichtweite von Kobane, an der die Schriftsteller teilgenommen haben. Bild: Imre Török

Wie wurde Ihr Engagement in der Türkei und in den türkischen Medien aufgenommen? Immerhin haben Sie Kundgebungen abgehalten, um sich mit den Flüchtlingen solidarisch zu zeigen...

Imre Török: Vom Schwarzen Meer bis zur Ägäis und in den großen Städten gab es eine beachtliche Medienresonanz. Nicht nur in kurdischen oder linken, sondern auch in konservativen Medien. Wir betonten immer wieder, dass wir uns für Humanität und Demokratie einsetzen und die Kurden unterstützen, und im Allgemeinen war die Berichterstattung darüber sehr positiv. Auch ich wurde mehrfach zitiert und habe die Solidarität der deutschen Schriftsteller übermittelt, habe dargelegt, dass die Ereignisse intensiv verfolgt werden und man dem Freiheitswillen der Kurden positiv gegenübersteht. Damit wurde ich wörtlich zitiert.

Wie geht es nun weiter?

Imre Török: Die Erlebnisse klingen noch nach. Ich habe viele Flüchtlinge persönlich kennengelernt. Eine alte Frau, die nichts mehr hatte, hat noch ihre letzten Zigaretten mit mir geteilt. Ich hätte Verbitterung und Hass erwartet, doch das gab es nicht. Wir saßen dort und hörten die Detonationen, und die Menschen erzählten nur, wie sehr sie sich ein friedliches Leben wünschen.

Diejenigen, die eher politisiert sind, sehen Kobane als Symbol des Freiheitskampfes und der Demokratiebewegung der ganzen Region. Sie sind sehr idealistisch und hoffen, dass das, was die Kurden dort begonnen haben, weitere positive Kreise zieht. Die Gleichstellung von Mann und Frau zum Beispiel. In Kobane wie auch in der nordsyrischen Region Rojava sind sämtliche Posten doppelt besetzt, je mit einer Frau und einem Mann. So ein Modell ist den Faschisten des IS natürlich verhasst, das wollen sie mit allen Mitteln vernichten. Aber auch anderen Akteuren sind diese Ansätze für Demokratie und Gleichberechtigung suspekt. Die Kurden sind dort leider auf sich gestellt. Sie brauchen sehr viel Unterstützung und Solidarität von uns allen.

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