Von einem der größten Mathematiker zum Esoteriker

16.11.2014

Zum Tod von Alexander Grothendieck

Wer pittoreske Anekdoten liebt, ist wohl beraten, sich mit der Geschichte der Mathematik zu beschäftigen. Da wäre Pierre Fermat, der die Jagd auf das berühmteste Problem der Zahlentheorie eröffnete, indem er an den Rand eines Buches kritzelte, dass er einen Beweis habe, aber leider reiche der Platz nicht, ihn hier niederzuschreiben (der Beweis konnte bekanntlich erst rund 350 Jahre später geliefert werden); da wäre Évariste Galois, der mit zwanzig Jahren am frühen Morgen des 31. Mai 1832 bei einem Duell starb, nachdem er die Nacht damit zugebracht hatte, fieberhaft unter anderem seine mathematischen Ideen niederzuschreiben (seine Galois-Theorie erlaubte endlich den Beweis, dass die Winkeldrittelung und die Würfelverdopplung mit Lineal und Zirkel nicht durchführbar sind). Da wäre Grigori Perelman, der die Poincaré-Vermutung bewies, aber weder das Preisgeld in Höhe von einer Million Dollar haben wollte noch die Fields-Medaille (das Nobelpreis-Äquivalent der Mathematiker). Aber kein Mathematiker hinterließ einen reicheren Schatz an Anekdoten, als der am 13. November verstorbene Alexander Grothendieck.

Nicht nur das Leben, sondern bereits Herkunft und Kindheit von Grothendieck waren von Gegensätzen geprägt. Sein Vater Alexander Schapiro stammte aus ultraorthodox-jüdischer Familie, wurde Anarchist, verbrachte mehr als zwölf Jahre in zaristischen Kerkern, verlor dabei einen Arm und floh schließlich nach Berlin, wo er Johanna Grothendieck kennenlernte und seinen Sohn Alexander zeugte, den späteren Mathematiker. Der Vater und die Mutter gingen nach der Machtergreifung erst nach Frankreich, dann ins republikanische Spanien. Nach Francos Sieg kehrten sie nach Frankreich zurück. Von dort aus wurde Alexander Schapiro 1942 nach Auschwitz verschleppt, wo man ihn ermordete.

Grothendieck der Mathematiker

Der kleine Alexander wächst bis 1939 bei der Familie eines ehemaligen protestantischen Theologen auf, der sich atheistisch-pazifistisch betätigte. Nach 1939, mit seinen leiblichen Eltern in Frankreich wiedervereint, muss er als Kind die Schrecken eines Internierungslagers erleben, aus dem er mit 14 Jahren flieht. Erst nach dem Krieg kann er seine Mutter wiedersehen.

Die beiden leben zunächst in sehr ärmlichen Verhältnissen von seinem Stipendium an der Universität Montpellier. Sehr schnell erweist sich Grothendieck als mathematisches Genie: Im Alter von 20 bis 23 Jahren löst er 14 große Fragen, die die bedeutendsten Mathematiker seiner Zeit beschäftigt hatten. Er verfasst sechs Arbeiten, die jeweils als mathematische Dissertation hätten eingereicht werden können.

Grothendieck ist staatenlos und will als überzeugter Pazifist die französische Staatsangehörigkeit nicht annehmen, solange dies für ihn die Ableistung der Wehrpflicht implizieren würde. Eine Stelle im französischen öffentlichen Dienst kann er deshalb nicht erwarten. So geht er ins Ausland und lehrt zunächst zwei Jahre an der Universität von Sao Paolo in Brasilien, dann in den USA an der University of Kansas und der University of Chicago.

Seine produktivste und wichtigste Schaffensphase beginnt 1958. Ein schwerreicher Manager, der im Ruhestand endlich seine mathematische Dissertation fertig stellen konnte, finanziert aus dem eigenen Vermögen das Institut des Hautes Études Scientifiques (IHÉS), an dem Mathematiker und theoretische Physiker vollkommen ungestört ihren Forschungen nachgehen können. Grothendieck wird direkt nach der Gründung des Instituts dorthin berufen.

Grothendieck und die Gegenkultur

Ende der Sechziger gewinnen seine außermathematischen Interessen allmählich die Überhand: 1966 wird ihm die Fields-Medaille verliehen, deren persönliche Entgegennahme er aus Protest gegen die UdSSR verweigert. 1967 bereist er Vietnam und hält im Wald Vorlesungen über Kategorientheorie. Der Prager Frühling und die 68er Revolte führen dazu, dass er 1970 beim IHÉS kündigt und sich fast nur noch seinen ökologischen, antimilitaristischen und esoterischen Ideen widmet.

Er verfasst mit Gesinnungsgenossen die Zeitschrift Survivre et vivre. Man gibt ihm eine Stelle bei der höchst angesehenen akademischen Institution Frankreichs, dem Collège de France, und erwartet, er würde über Mathematik lehren. Stattdessen nutzt er seine akademische Freiheit für eine Vorlesung "Soll man künftig wissenschaftliche Forschung fortführen?". Zum ersten Mal in der fünfhundertjährigen Geschichte des Collège de France gibt es eine Mehrheit unter den Professoren, seine Mitgliedschaft nicht zu verlängern.

1972 lernt er eine amerikanische Mathematikstudentin kennen, für die er sich von seiner Frau (mit der er drei Kinder hat) scheiden lässt. Grothendieck und die Studentin gründen eine Kommune in der Nähe von Paris, ehe er 1973 doch noch Professor in Montpellier wird, wo er bis 1988 bleibt (seine Freundin verlässt ihn hingegen sehr bald).

Trailer für eine Dokumentation über Grothendieck

Grothendieck verfasst nun mehrere Bücher, die sich nur teilweise um Mathematik drehen. Das mit weitem Abstand umfangreichste ist seine Autobiographie mit knapp Tausend Seiten. Er geht darin vor allem auf seine drei Leidenschaften ein: Mathematik, Frauen und Meditation. 1988 soll ihm ein mathematischer Preis verliehen werden, den er zurückweist, weil er als Professor ohnehin genug Geld hat und er es ablehnt, für 25 Jahre alte Arbeiten jetzt noch belobigt zu werden.

1990 zieht er sich in ein Pyrenäendorf zurück, wo er extrem zurückgezogen lebt und angeblich selbst zu seinen sechs Kindern keinen Kontakt mehr hat. Das letzte, was von ihm an die Öffentlichkeit dringt, ist ein bizarrer Brief aus dem Jahr 2010, in dem Grothendieck verbietet, irgendeines seiner Werke zu veröffentlichen oder wiederzuveröffentlichen. Diese Bücher sollen seinem Willen zufolge nicht verkauft werden, Bibliotheken sollen sie aus ihren Beständen entfernen und wegwerfen - und wer dem zuwiderhandelt, den solle, so die Sanktion, Schande treffen.

1991 hatte Grothendieck 20.000 Seiten Manuskripte (darunter auch mathematische) an die Universität Montpellier übergeben. Nun, nach Grothendiecks Ableben, versucht man, diese zum "nationalen Kulturgut" zu erklären, um so ihre Veröffentlichung trotz Grothendiecks bizarrem Brief zu ermöglichen.

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