Unehrliche Banker

20.11.2014

Für Bankangestellte gehört Unehrlichkeit zur eigenen Berufs-Identität. Das zeigt keine Krawall-Zeitung, sondern das renommierte Wissenschaftsmagazin Nature

Das Banksystem als das Rückgrat einer modernen Volkswirtschaft zu bezeichnen, ist gleich auf mehreren Ebenen richtig: Ohne Banken funktioniert die Arbeitsteilung der Wirtschaft nicht und gleichzeitig kann ein Bruch in dieser Wirbelsäule den kompletten Kreislauf ernsthaft schädigen. Wer die Skandale und Krisen der Finanzbranche in den letzten Jahren verfolgt hat, kann durchaus den Eindruck bekommen, dass hier Unehrlichkeit zu den Grundprinzipien gehört

Es wäre sicher dem einzelnen Mitarbeiter hinter dem Schalter gegenüber unfair, ihn oder sie mit dem Milliarden-Betrüger Jerôme Kerviel in einen Topf zu werfen. Aber angesichts der anscheinend fehlenden Lernfähigkeit des Systems kann man sich schon fragen, ob die Branche ein grundlegendes Problem hat. Genau diese Frage haben sich drei Wirtschaftswissenschaftler der Universität Zürich gestellt. Das Wissenschaftsmagazin Nature präsentiert jetzt ihre Erkenntnisse.

Die Forscher gehen in ihrem Paper konkret der Frage nach, wie die professionelle Identität eines Bankmitarbeiters seine ethische Haltung verändert. Dazu haben sie 128 Angestellte einer internationalen Bank als Probanden in einem Versuch verpflichtet. Die Mitarbeiter hatten im Durchschnitt 11,5 Jahre Branchenerfahrung und kamen aus allen Management-Ebenen - nicht nur aus den Kernbereichen (Kasse, Aktienhändler...), sondern auch aus anderen Abteilungen wie dem Personalmanagement.

Federal Reserve Bank Chicago; Bild: US-Finanzministerium. Gemeinfrei

Die Wissenschaftler teilten die Probanden dann in zwei Gruppen. Die einen fragten sie intensiv nach ihrer Berufserfahrung. Den anderen hingegen stellten sie nur unverfängliche, private Fragen, die nichts mit ihrer Identität als Bankmitarbeiter zu tun hatten. Ob sich auf diese Weise tatsächlich das Bewusstsein der eigenen Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe verändert hatte, überprüften die Forscher mit Hilfe von Assoziationsspielen: Wer "...oker" zu "broker" ergänzt statt zu "smoker", denkt wohl eher in Finanz-Kategorien.

Das Münzwurf-Experiment

Danach ließen sie beide Gruppen jeweils zehnmal eine Münze werfen - und zwar unbeobachtet. Dann sollte jeder Proband online das Ergebnis eintragen. Für jeden "Zahl"-Wurf, das erfuhren die Teilnehmer vorab, würden ihnen 20 Dollar ausgezahlt - aber nur, wenn ihre Ergebnisse insgesamt über dem eines zufällig ausgewählten anderen Teilnehmers lägen. Die maximale Auszahlung von 200 Dollar und die Unmöglichkeit, Betrugsversuche nachzuweisen, stellen nach aller Erfahrung mit derartigen Versuchen eine gewichtige Motivation dar, tatsächlich unehrlich zu sein. Das Experiment ist übrigens nachgewiesenermaßen geeignet, auf das "richtige Leben" übertragen zu werden.

Das Ergebnis: Die Forscher konnten zwar nicht einzelnen Probanden ihren Betrug nachweisen, wohl aber einer größeren Gruppe. Wenn eine Gruppe mit deutlich über 50 Prozent Wahrscheinlichkeit "Zahl" geworfen hat, muss es in dieser Gruppe Betrüger gegeben haben. Die Kontrollgruppe jedenfalls hatte im Mittel zu 51,6 Prozent "Zahl" geworfen - statistisch kein signifikanter Unterschied zu den zu erwartenden 50 Prozent. Dabei handelte es sich wohlgemerkt auch um Bankmitarbeiter, nur dass diese sich ihrer Rolle weniger bewusst waren.

Die Probanden hingegen, die in ihrer Bank-Identität steckten, berichteten zu 58,6 Prozent von erfolgreichen Würfen. Dabei erhöhte sich insbesondere der Anteil derer, die angeblich jedes Mal "Zahl" geworfen hatten. Ein Bankmitarbeiter, der sich seiner Rolle bewusst ist, tendiert demnach zu unehrlichem Verhalten. Die Forscher wiederholten ihren Versuch später mit Angestellten anderer Industrien und mit Studenten, denen sie bankspezifische Fragen stellten - derartige Unterschiede traten dabei nicht zu Tage.

Das Selbstbild

Das liege offenbar, so die Forscher, an der Existenz einer Gruppennorm im Bankensektor. Im Normalfall hindert das Selbstbild eines ehrlichen Menschen Probanden auch unbeobachtet am Betrug. Dieses Selbstbild ist in der Banker-Rolle (und nur dort, "privat" sind Bankangestellte nicht unehrlicher als andere) offenbar abgeschwächt: sowohl in der Erwartung an sich selbst als auch in der Erwartung an das Gruppenverhalten.

Zudem zeigte sich eine positive Korrelation in der Bejahung materialistischer Werte ("Wie verhalten sich Status und Einkommen zueinander?") und der Tendenz zum Betrug. Wer eine grundlegende Änderung der Finanzindustrie herbeiführen will, muss deshalb wohl nicht nur strengere Gesetze einführen, sondern auch an der Identität der Mitarbeiter arbeiten. Der Vorbildfunktion der Chefs kommt hier wohl eine besondere Rolle zu.

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