Postwachstumsökonomie

20.11.2014

Zinsniveau taucht unter Null

Die Geldhaltegebühren, die die EZB den Geschäftsbanken auferlegt hat, werden von diesen zunehmend in Richtung der "Großkunden" durchgereicht. Nach der Skatbank denkt auch die Commerzbank über "Guthabengebühren" nach. Der Druck des Geldes wird es in Aktien und Boden fließen lassen und die Diskussion um die Eigentumsrechte auf Grund und Boden befeuern.

Nachdem die EZB im Juni historisch erstmalig den Einlagezinssatz unter die Null-Prozent-Marke gesenkt hat und in der Folge die Banken untereinander für Übernacht-Einlagen gegenseitig Einlage-Gebühren erheben, statt die Einlage mit Verzinsung zu belohnen (Der Euro auf dem Weg zur Geldhaltegebühr), setzt sich der neue geldpolitische Mechanismus in die tieferen Schichten des Finanzsystems fort.

Der Fall der Thüringischen Skatbank rief aufgeregte Pressereaktionen nach sich: Erstmals hatte ein Bankinstitut es gewagt, Geldhaltegebühren auf Tagesgeld zu erheben. Auch wenn die Bank nur Kunden mit Einlagen ab 3 Millionen Euro für den übersteigenden Betrag mit "Negativzinsen" belegt, sah so mancher Kommentator bereits den Untergang der "deutschen Sparkultur" vor sich. Die mediale Diskussion spart den Lesern regelmäßig die Zusammenhänge aus: Woher soll das Wachstum von Geldvermögen kommen, wenn eine Volkswirtschaft nicht mehr wächst? Wie sollen 3% Verzinsung für alle erreichbar sein, wenn das Wirtschaftsoutputwachstum nahe Null liegt?

Jahrzehntelange jährliche Wachstumsraten von über 0% haben eine Gewöhnung geschaffen, die nun mit dem Erreichen eines Wachstumsplateaus aufgebrochen wird. Die nun von der EZB umgesetzte und über die Etagen des fraktionierten Banksystems durchgereichte Geldpolitik schafft ein Neuland, das erstmal einfach nur "marktkonform" ist. Nach einzelnen Großkunden der Skatbank müssen laut FAZ nun auch Investmentfonds erstmals mit der Frage umgehen, wie in einer Postwachstumsökonomie Geldvermögen sinnvoll angelegt werden - denn auch sie werden von ihren Banken zunehmend mit der EZB-Geldpolitik konfrontiert. Auch die Commerzbank senkt laut WSJ ab Dezember den Zinssatz für Großkunden unter die Nulllinie und behält sich vor, eine "Guthabengebühr" zu berechnen, die zudem individuell ausgehandelt werden soll.

Die Reaktion der Marktteilnehmer ist vorhersehbar und wird auch in jedem Ratgeberartikel dem Kleinkunden vor Augen geführt: Die Bank wechseln oder andere Anlageformen suchen. Allerdings fällt ein Bankwechsel zunehmend schwierig aus, weil die im System vagabundierenden Geldvolumen jede Bank zunehmend unter Druck setzt: Die Zahl und Qualität erfolgversprechender Geldanlagen schrumpft in alternden Volkswirtschaften, so dass auch die Zahl der Banken schrumpft, die ihren Einlagekunden mehr Rendite versprechen können, als der Gesamtmarkt hergibt. Allerdings werden sich Einleger und Bank vermutlich rund um die Nulllinie näherkommen. Im Sinne der Banken dürfte es sein, wenn die Geldvolumen in langfristige, mit 0% verzinste Geldanlagen umgeschichtet werden. Dann können die Banken langfristig mit dem Geld arbeiten, statt es - wie eben in der Tagesgeldkultur - einerseits täglich bereithalten und andererseits noch verzinsen zu müssen.

Der Gesamtmarkt wird daher dahin tendieren, die Laufzeit von Einlagen der Großvermögenden zu verlängern. Dabei ist es allerdings illusorisch, dass auf Dauer "Privatkunden sowie Geschäfts- und mittelständische Firmenkunden nicht betroffen" seien, wie die Commerzbank derzeit noch verspricht. Finden sich für die 5,2 Billionen Euro deutscher Geldvermögen eben keine Anlagen mit positiver Rendite mehr, wird ein Wettbewerb um die beste negative Rendite entbrennen. Zunehmend rechnen sich dann auch Investitionen in volkswirtschaftliche Sektoren, die keine Rendite abwerfen: Bildung und Umwelt könnten dazugehören.

Sozialer Sprengstoff

Allerdings treibt die menschliche Gier nach leistungslosen Einkommen auch eine Spekulationsblase an. Schon seit Ausbruch der "Finanzkrise" 2007/2008 sind die Aktienmärkte weltweit und vor allem auch die Landpreise massiv gestiegen. Großvermögende holen ihre Renditen zunehmend aus bilanziellen Aktienkurssteigerungen sowie aus Miete und Pacht auf Grund und Boden.

Der entstehende soziale Sprengstoff wird zunehmend Diskussionen befeuern, inwieweit unvermehrbarer Boden als privates Anlagekapital geduldet werden kann. Dirk Löhr, Professor für Steuerlehre und Ökologische Ökonomik an der Hochschule Trier, argumentiert deshalb, eine Reform der Eigentumsordnung an Land und Ressourcen sei notwendig und erhofft sich von der EZB eine Diskussion um "die Entkapitalisierung von Land und Natur". Die Diskussion um eine Grundsteuerreform, die das Bundesverfassungsgericht schon mehrfach angemahnt hat, bekam mit einem Vorstoß von Bund und Ländern in diesem Herbst eine neue Dynamik. Nach der von der EZB in Gang gesetzten Geldreform steht also das nächste Reformvorhaben schon vor der Tür. Diskussionen darüber sind unumgänglich, denn in weiser Voraussicht sollten die gesellschaftlichen Regeln so angepasst werden, dass sie auch in ausgewachsenen Volkswirtschaften funktionieren.

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