Meine Dienstleistung gegen Deine Daten

22.11.2014

Das große Datensammeln geht weiter. Versicherungen möchten künftig die Lebensgewohnheiten ihrer Kunden protokollieren, um ihre Tarife daraufhin anzupassen. Auch bei KFZ-Versicherungen gibt es bereits Modelle, die freizügige Datenweitergabe belohnen.

In schönstem Neusprech kündigt die Generali-Versicherung ihr neues Programm mit dem Namen "Vitality" von Discovery an, das das "Leben der Menschen schützen und verbessern" und Kunden auf einen "Weg zu besserer Gesundheit" bringen möchte, der nicht nur ihnen nützt, sondern auch der "Gesellschaft als Ganzes". Gesunder Lebensstil soll belohnt werden, indem Vitality "die Beziehung zwischen Versicherung und Kunden von Grund auf neu denkt". Erste Kunden werden in Deutschland, Frankreich und Österreich erwartet.

Letzteres kann man allerdings so sehen, denn im Mittelpunkt dieser neuen Beziehung steht etwas, das man weniger blumig als Einbruch in die Privatsphäre bezeichnen kann. Mit technischen Hilfsmitteln soll der Versicherungskunde seine Gewohnheiten hinsichtlich Ernährung, Sport und Reise protokollieren und die erhobenen Daten der Versicherung übermitteln. Bewegen sich die Resultate im gewünschten Rahmen, kann er auf eine Belohnung in Form von Gutscheinen oder Rabatten hoffen.

Datenschützer sind wenig begeistert von dieser Idee, aber andere Versicherer arbeiten bereits an ähnlichen Angeboten. Generali liegt mit Vitality im Trend: Daten sammeln ist unter dem Begriff "Big Data" schwer in Mode, nur die Rechtfertigung dafür fällt je nach Branche unterschiedlich aus. Der Vorstoß von Generali führt nur das Prinzip weiter, der dem Handel im Internet schon lange zugrunde liegt: meine Dienstleistung gegen Deine Daten. Ob Facebook oder Google, die Ökonomie der angeblich kostenlosen Angebote funktioniert nur, wenn die Konzerne mit den Daten ihrer Benutzer Geschäfte machen. Auch im Supermarkt hat jeder Käufer damit längst Bekanntschaft gemacht, wenn er an der Kasse zum hundersten Mal nach der Payback-Karte gefragt wird.

Die Sparkasse bietet seit letztem Jahr im Rahmen des Pilotprojekts S-Drive eine vergünstigte KFZ-Versicherung an, wenn Autofahrer sich durch eine im Fahrzeug platzierte Blackbox kontinuierlich überwachen lassen. Als dieses Projekt öffentlich wurde, fielen die Reaktionen gemischt aus: Auf der einen Seite leise Kritik der Datenschützer, auf der anderen Kundenseite der pragmatische Blick aufs Portemonnaie. Seit der Einführung kürt die Autoversicherung monatlich im Internet auf einer "Ehrentafel" den Fahrer des Monats, ohne allerdings bisher detaillierten Zugriff auf dessen Fahrleistungen zu erlauben.

Der Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit in Nordrhein-Westfalen sieht nach Angaben der Sparkasse in S-Drive kein Problem. Der Datenschutz sei gewährleistet. Wer daran teilnehmen will, sollte nicht zu viel spät nachts unterwegs sein, denn das gibt Abzüge im Score.

Das kleine schwarze Kästchen im Auto dürfte schon bald als rührender Anachronismus erscheinen, wenn Vernetzung und Überwachung so voranschreiten wie geplant. Zum einen gibt es von staatlicher Seite bereits ein dichtes Überwachungsnetz, das für die PKW-Maut noch einmal enger gezogen wird, wenn die Kennzeichen aller Autofahrer automatisch per Kamera erfasst werden. Zum anderen haben sich IT-Konzerne und Automobilhersteller zusammengetan, um unter dem Schlagwort "Smart Mobility" eine Vision zu realisieren, in der auch Autos Teil eines "Internet of Things" werden, in dem alle Fahrzeuge permanent vernetzt sind, untereinander kommunizieren und ihre Daten in einer Zentrale abliefern. KFZ-Versicherer können sich hier einklinken und ihre Kunden für die Datenfreigabe mit Rabatten ködern.

Selbst vor dem "Kernbereich privater Lebensgestaltung", wie es das Verfassungsgericht im Hinblick auf staatliche Eingriffe so schön formuliert hat, macht die Technisierung nicht halt, wie nicht nur das Vitality-Beispiel zeigt. So gehört die Protokollierung von Fitness- und Gesundheitsdaten zu den Schlüsselanwendungen für die neuen Smartwatches wie Apple Watch und Moto 360, die sich ansonsten schwer tun, eine Daseinsberechtigung zu finden. Dass diese Daten auch in die Cloud des Herstellers geladen werden können, versteht sich von selbst. Von dort ist es zur Übermittlung an Versicherer und Interessenten nur noch eine Frage der passenden technischen Schnittstelle. Die Quantified-Self-Bewegung, die möglichst viele Daten der eigenen Lebensführung protokolliert, um das eigene Dasein zu optimieren, gilt hier als Vorreiter.

Das fehlende Mosaikstück zur Kontrolle des Körpers ist dann nur noch die Sensorik, die erst die Erhebung der interessanten Messewerte erlaubt. Daran arbeitet, wie könnte es anders sein, die Mutter aller Datensammler, der Suchmaschinengigant Google. Als Prototyp existiert bereits eine Kontaktlinse, die über eine Analyse der Tränenflüssigkeit den Blutzuckerspiegel misst. Einen Schritt weiter geht die Entwicklung von Nanopartikeln, die im Inneren des Körpers Blutwerte überwachen und somit frühe Anzeichen für Krebs oder Herzinfarkte erkennen sollen.

Modelle wie Vitality setzen auf Egoismus

Natürlich sind nicht alle diese Entwicklungen pauschal zu kritisieren. Körpersensoren können unter Umständen helfen, Krankheiten früh zu erkennen, oder chronisch Kranken die Lebensbewältigung erleichtern. Vernetzte Fahrzeuge können dazu beitragen, Unfälle zu verhindern. Es sind viele Anwendungen denkbar, von denen einzelne Menschen und die Gesellschaft profitieren können. Das Problem beginnt aber spätestens bei der Preisgabe persönlicher Daten und der ungezügelten Sammelwut von Konzernen, die mit diesen Daten Geschäfte machen wollen. Dass dieser Prozess sich schleichend vollzieht, trägt dazu bei, dass ein Bewusstsein für das Problem auf der Strecke bleibt.

Auf der Strecke bleibt auch ein Gefühl der gesellschaftlichen Solidarität, denn Modelle wie Vitality setzen auf Egoismus: Wer will schon mit seinem sauer verdienten Geld den Raucher oder Trinker in der Nachbarwohnung finanzieren, wenn sich die eigene moralische Überlegenheit bequem per App dokumentieren lässt und nun auch noch honoriert wird.

So geht der Weg weiter in Richtung Kontrollgesellschaft, in der sich nur noch wenige weigern, ihre persönlichen Daten an jeden weiterzugeben, der nur höflich danach fragt. Was in scheinbar harmlosen Pilotprojekten wie Vitality noch ein freiwilliges Rabattprogramm ist, wird im nächsten Schritt schon die Norm. Wer, aus welchen Gründen auch immer, sich weigert, daran teilzunehmen, verliert nicht nur seine Bonuspunkte, sondern gilt auch als Borderline-Verrückter, der etwas zu verbergen hat. Verstörend daran ist, wie weit der aktuelle Zustand bereits in vielem mit Gesellschaften in Filmen und Büchern übereinstimmt, die noch bis vor kurzem als dystopisch galten.

Selbst wenn man die Generali-Pläne gut hieße, wäre immer noch eine gesellschaftliche Debatte über die inhaltlichen Vorstellungen zu führen, die hinter einem solchen und ähnlichen Programmen stehen. Darüber, dass sportliche Betätigung gesundheitlich zuträglich ist, mag es noch einen Konsens geben. Doch wie viel ist genug und wann wird zu viel Sport auch der Gesundheit zu viel? Wie sieht überhaupt eine gesunde Ernährung aus? Wieviel Fleisch ist dem Einzelnen erlaubt, bevor er seine Bonuspunkte verliert? Der Gesundheitsminister warnt: Übermäßige Erregung über gesellschaftliche Reizthemen kann die Gesundheit gefährden und Ihre Krankenversicherung verteuern.

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