Ist Putin wirklich so stark wie immer behauptet?

23.11.2014

Die liberale Elite in Russland zwingt Putin in der Ost-Ukraine zum Nachgeben, meinen zwei russischen Autoren. Der Kreml-Chef ähnele immer mehr Gorbatschow, der bereit war, mit dem Westen einen Kompromiss zu schließen

Die Dämonisierung von Wladimir Putin durch die deutschen Medien treibt die tollsten Blüten. Die Berichte über Russland sind auffällig einförmig, oft fehlen Belege und Fakten. Alles dreht sich nur noch um den angeblich allmächtigen Putin. Was die Menschen in Russland selber sagen und fühlen, kommt in den Medienberichten kaum noch vor. Warum? Mit der einförmigen und angsteinflößenden Berichterstattung und dem Gerede vom "russischen Expansionismus", der Europa bedroht, will man den russischen Präsidenten offenbar unter Druck setzen. Denn dem Westen schwebt offenbar ein ganz anderes Russland vor, als das, welches zurzeit existiert.

Wer bringt Putins Kopf? Bild: rabkor.ru

Auffällig ist, dass bei fast allen Russland-Analysen die soziale Realität in Russland ausgeklammert wird. Deshalb ist es interessant, einmal zu schauen, wie Vertreter der russischen "neuen Linken" die derzeitige Situation in ihrem Land analysieren. Die Autoren Boris Kagarlitsky und Vasily Koltaschow vom Moskauer Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen schreiben in ihrer am 23. Oktober in der Internetzeitung rabkor.ru veröffentlichten Analyse von einem "liberalen Putsch" in Moskau. Die Thesen der beiden Autoren erstaunen und sind teilweise nicht belegt. Und doch fällt es nicht leicht, überzeugende Gegenargumente zu finden.

Die Autoren meinen, dass die liberale russische Elite, die durch den Rohstoffexport zu Macht und Einfluss gekommen ist, durch den Fall des Rubels und die ökonomische Krise die nackte Angst bekommt und Putin zum Nachgeben gegenüber dem Westen zwingt. Erstes Anzeichen vom Zurückweichen des Kreml-Chefs sei die nachlassende Unterstützung der Aufständischen in der Ost-Ukraine. Bereits im Sommer waren durch Druck aus Moskau die Hardliner im Donbass durch gemäßigte Politiker ersetzt worden (Was geht vor unter den Aufständischen in der Ost-Ukraine?).

Nach Meinung der beiden Autoren hat der Westen Angst vor einem erstarkenden Russland, der begonnenen Re-Industrialisierung des Landes, und fordere deshalb mit Nachdruck "Putins Kopf". Koltaschow und Kagarlitsky meinen, dass sich der amtierende Kreml-Chef immer mehr "zu einem Gorbatschow" entwickelt, der bereit ist, mit dem Westen einen Kompromiss zu schließen. Russland, so schreiben sie, könne nur gesunden, wenn es gelingt, die Re-Industrialisierung und die Entwicklung des inneren Marktes fortzuführen. Sie prophezeien, dass ein Sieg der Liberalen in Russland beim Volk auf entschiedenen Widerstand stoßen wird - "wie im Donbass". Diese These ist gewagt, aber diskussionswürdig.

Liberale betreiben die rituelle Opferung der Verlierer. Sie opfern den Wechselkurs des Rubels und die Sozialpolitik. Sie opfern Neurussland. Sie opfern die Würde des Landes. Sie opfern die Möglichkeiten für die Entwicklung der russischen Gesellschaft. Sie sind sogar zu einem Opfer bereit, das das System lange Jahre geschützt hat. Aber all das wird keine Früchte tragen, weil nur ein anderer Kurs Russland vor einer wirtschaftlichen Katastrophe retten kann.

Und dass sich niemand täuscht: Wenn die liberale Revolution Wirklichkeit wird, werden die Autoren schnell lernen, wie korrekt die These "Die Ukraine ist nicht Russland" tatsächlich ist. Anders als die benachbarte Ukraine wird Russland mit der Ausnahme seiner Hauptstadt in ein einziges Donbass verwandelt werden.

Vasily Koltaschow ganz links und Boris Kagarlitsky ganz rechts bei einer Redaktionssitzung von rabkor.ru im vergangenen Jahr. Bild: U. Heyden

Um Missverständnisse zu vermeiden: Unter "liberaler Politik" verstehen die beiden Autoren eine marktradikale Politik, welche die letzten den Russen noch verbliebenen sozialen und kulturellen Rechte abschafft (siehe: Kürzungen im Forschungsbereich, Kürzungen bei Schulen und Krankenhäusern).

Selbst wer die Argumente der Autoren nicht teilt, kann aus dem vorgelegten Text nützliche Informationen ziehen und sein Bild über Russland vervollständigen.

Der Text auf Englisch und auf Russisch.

Boris Kagarlitsky wurde 1958 in Moskau geboren. Er leitet das 2006 gegründete Moskauer Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen (IGSO) und die Internetzeitung Rabkor.ru, welche wegen eines Hacker-Angriffs schon seit mehreren Wochen lahmgelegt ist. 1977 gründete er eine linkssozialistische Gruppe. 1982 saß er wegen seiner politischen Tätigkeit im Gefängnis. 1990 wurde Kagarlitsky in den Moskauer Stadtrat gewählt. 1993 wurde er wegen Unterstützung des Obersten Sowjets verhaftet. Kagarlitsky ist Autor zahlreicher Bücher (zuletzt: Die Revolte der Mittelklasse, Laika-Verlag). Vasily Koltaschow wurde 1979 in Nowosibirsk geboren. Seit 2007 leitet er im Moskauer Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen die Abteilung für ökonomische Forschungen. Als Student trat er in die KPRF ein. 2005 wurde er Mitglied des Rates der Moskauer Linken Front. 2006 wurde er wegen Kritik an der Führung der KPRF aus der Partei ausgeschlossen. Koltaschow kommentiert für russische Medien aktuelle Wirtschaftsfragen.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (161 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Oma wird nicht überfahren

Können Roboterautos ethische Entscheidungen treffen?

Cover

Der halbe Hegemon

Rückkehr der "deutschen Frage" und die Lage der EU

Datenschatten SETI 9/11 - Der Kampf um die Wahrheit
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.