"Nur Laien können Experten kontrollieren"

03.12.2014

Der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke über Citizen Science und die Enge des etablierten Wissenschaftsbetriebs

Sie sammeln Daten, forschen über Lokalgeschichte, bieten mit fundiertem Wissen der Atom-Lobby Paroli oder arbeiten emsig an frei zugänglichen Enzyklopädien wie Wikipedia mit: die Laien-WissenschaftlerInnen. Peter Finke, pensionierter Professor für Wissenschaftstheorie und Kulturökologie, hat diese "Forscher-Szene" in dem Buch "Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien" analysiert. Im Telepolis-Email-Interview erklärt Finke, warum er heute nicht mehr studieren möchte und akademische ebenso wie politische Maßstäbe neu justiert werden müssen, um eine echte Wissensgesellschaft zu formen.

Herr Professor Finke, Sie sind Wissenschaftstheoretiker und lehrten ab 1982 an der Universität Bielefeld. Im Jahr 2006 traten Sie aus Protest gegen die Bologna-Reform aus dem regulären Dienst aus. - Was hat Sie damals besonders geärgert, was waren Ihre Befürchtungen?

Peter Finke: Die Selbstverständlichkeit, mit der die Politik von der Wissenshaft verlangt hat, sie solle europaweit die Universitätsstrukturen so umbauen, wie sie es vorschreibt, einheitlich noch dazu: Das fand ich unmöglich, frech, unzumutbar. Das ist erstens Fremdbestimmung, passt nicht zu den Lobreden auf die Freiheit der Wissenschaft, und zweitens ist es dumm, denn niemand kennt die beste Struktur; man muss Vielfalt zulassen und Verschiedenes ausprobieren dürfen. Es war also weniger meine Kritik an der Bachelor-Master-Struktur (die nur in zweiter Linie), sondern die am Übergriff der Politik auf einen Bereich, wo sie nichts zu suchen hat.

Meine Befürchtungen waren: (1) Wenn die Wissenschaftler das hinnehmen, dann machen die Politiker das immer wieder, und (2) dass durch die Reform, die Verwaltung abbauen und alles international vereinfachen sollte, das Gegenteil bewirkt wird. Und so ist es gekommen: Nichts ist dadurch so gewachsen wie die Verwaltungsebenen und Evaluierungskommissionen.

Wenn Sie die Entwicklung an den Universitäten beobachten: Was stört Sie heute am meisten?

Peter Finke: Am meisten stört mich die Lethargie der Wissenschaftler. Wir haben uns früher noch immer gegen das meiste gewehrt, was aus den Ministerien kam. Jetzt nimmt man alles meist schulterzuckend hin. Fremdbestimmung pur. Freiheit der Wissenschaft? Dass ich nicht lache.

In tendenziell links orientierten Kreisen rund um Theodor W. Adorno bemängelte man bereits vor einigen Jahrzehnten, dass sich eine gewisse "Produktionslogik" an den deutschen Universitäten breit machen würde. Sind Freiräume für Studierende und Lehrende verloren gegangen?

Peter Finke: Aber hallo. Ich möchte heute nicht studieren. Zeit ist das erste, was sie den Studierenden gestohlen haben. Ein Hamsterrad der Jagd nach "credit points" bewirkt, dass sie alles, was nach Blick über den Tellerrand aussehen könnte, schon aus Zeitgründen meiden. Ich habe Seminare über Kreativität und Transdisziplinarität angeboten (als Wissenschaftstheoretiker ja wohl erlaubt), wurde aber von Kollegen gemobbt, ich würde nicht sorgfältig die Grenzen der Fakultät beachten. Kreative Wissenschaft muss immer eine gewisse Subversivität zulassen. Aber wir haben ein Aufpassertum unter Wissenschaftlern herangezüchtet, wie lachhaft!

Kollegen sind in erster Linie Konkurrenten

Selbst in den geistes- bzw. sozialwissenschaftlichen Fächern kann heute ein Trend zum "Produzieren von Papieren" beobachtet werden. Inwieweit kann man in solch einem Umfeld überhaupt noch echte innovative, kreative – oder auch subversive, gesellschaftskritische - Gedanken und Konzepte entwickeln?

Peter Finke: Natürlich kaum. Die meisten jungen Wissenschaftler sitzen auf Zeitstellen. Sie müssen an ihre Karriere denken, Quantität geht vor Qualität. Subversivität ist gefährlich, also lässt man das gleich. Kollegen sind nicht nur Kooperationspartner in Teams, sondern in erster Linie Konkurrenten um die immer zu wenigen Stellen.

Dass es in der Wissenschaft nur um die Wahrheit ginge, scheint eine schöne Erinnerung an längst vergangene Zeiten zu sein. Es geht um Macht, darum, ein Zipfelchen davon abzubekommen. Nur Papiere in bestimmten Journalen zählen, anderes ist Zeitverschwendung. Man muss auf Englisch schreiben, Deutsch ist als Wissenschaftssprache out. In der TU München sollen ab spätestes 2020 sogar alle (!) Lehrveranstaltungen in allen Fächern (!) auf Englisch gehalten werden. Das haben dort auch die Sozialwissenschaftler mit beschlossen. Faktisch ist dies schlechtes Englisch. Ob die Wissenschaft dadurch besser wird? Mit Sicherheit nicht.

Sie haben sich nach Ihrem Rückzug aus dem universitären Betrieb den "Bürgerwissenschaften", der "Citizen Science" verschrieben. Wie würden Sie als Wissenschaftstheoretiker dieses Gebiet genau definieren?

Peter Finke: Sie sind im Irrtum. Ich habe mich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr – also weit länger als in meiner Universitätskarriere – in Vereinigungen und Bürgerinitiativen zu geschichtlichen, sozialen und naturwissenschaftlichen Fragen engagiert, weil mich alte Häuser, fremde Kulturen und Vögel und Frösche interessiert haben. Und wen habe ich dort getroffen? Zu meiner eigenen Überraschung? Volksschullehrer, Verwaltungsangestellte, Hausfrauen, Ärzte, Richter, Verkäuferinnen, hervorragende Regionalhistoriker, Brückenbauer zwischen den Kulturen, Kartierer der heimischen Pflanzen- und Tierwelt waren. Sie waren Wissenschaftler, aber nicht von Beruf, sondern aus purer Leidenschaft und mit großen, selbst erworbenen Fähigkeiten. Zwei bekamen später sogar einen Ehrendoktor.

Die Definition ist ganz einfach: Es ist ehrenamtlich betriebene Forschung, nicht Berufswissenschaft auf einer Stelle. Sie findet nicht wie bei jener an einer Institution nach deren Bedingungen statt, sondern frei, allein durch Interessen und Fähigkeiten der Personen bestimmt.

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