Grass fordert in "Notfällen" Zwangseinquartierung von Flüchtlingen

27.11.2014

Der Literaturnobelpreisträger rief angeblich dazu auf, die Festung Europa zu knacken

Der am Mittwoch veröffentlichte Aufruf des PEN-Zentrums zu seinem 90-jährigen Bestehen erregte kein großes Aufsehen. Gefordert wurde von der deutschen Autorenvereinigung, "ein gemeinsames menschenwürdiges Asylrecht" zu schaffen und Menschen, die in Europa Schutz suchen, nicht länger zu behandeln, "als wären sie Feinde, die es abzuwehren gilt". Nicht die Sicherung der Grenzen, sondern die Rettung von Menschenleben sei primär.

Derartige Appelle gibt es viele, bewirkt haben sie nichts. Was auch jetzt wieder der Fall sein dürfte, wenn die EU die Grenzen noch dichter schließt und die italienische Seerettungsoperation Mare Nostrum in eine EU-Grenzschutzmaßnahme der Frontex verwandelt wurde.

Der Schriftsteller Christoph Hein sprach von einer "Mauer aus Geld", sie habe "schon jetzt mehr Tote gefordert als die Berliner Mauer und es werden mehr folgen." Auch das ist noch im Rahmen des Erwarteten und Überhörbaren. Aber nun hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der als Ehrenpräsident des PEN fungiert, einmal wieder während der PEN-Feierstunde für Aufmerksamkeit gesorgt.

Er rief dazu auf, die "Festung Europa" zu knacken, wie Bild berichtet. Der Politik wirft er "krasses" Versagen in der Flüchtlings- und Asylpolitik. Er sagte, bei den Deutschen gebe es eine hohe Hilfsbereitschaft. Wenn es Notfälle bei der Unterbringung von Flüchtlingen gebe, sollten diese auch zwangsweise einquartiert werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei dies auch geschehen. Damals hätten 14 Millionen deutsche Flüchtlinge untergebracht werden müssen. Das deutsche Wirtschaftswunder hätte es ohne diese Zuwanderer und die späteren Gastarbeiter nicht gegeben.

Man wird auf den Aufschrei warten dürfen. In der Bild hielt man sich ein wenig zurück, spricht von einem "krassen Vorschlag", verwies etwa auf Papst Franziskus, der auch eine andere Flüchtlingspolitik von der EU gefordert hatte, und erklärte dann dramatisierend, Europa erlebe einen "regelrechten Flüchtlingsansturm". Das Ziel vieler Flüchtlinge sei Deutschland. Zitiert wird, um doch Stimmung zu machen, Bundesinnenminister Thomas de Maizière: "Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat Europa nicht mehr solche Flüchtlingszahlen erlebt." Aber damals war Deutschland großflächig zerstört, viele Menschen waren arm und konnten doch Millionen Menschen aufnehmen. Das schreibt Bild nicht, sondern dass die Zahl der Asylanträge wohl auf 200.000 ansteigen werde und wohlwollend, dass die EU "Ausreisezentren" in Nordafrika aufbauen will, um gleich hier zu sortieren, wer einreisen darf und wer nicht. In Libyen dürfte das schwierig werden, in Syrien ist es ganz unmöglich, von daher kommen aber die meisten Flüchtlinge.

Für die richtige Stimmung sorgte der Artikel jedenfalls. Die meisten der Bild-Leser gaben als ihre Reaktion "Wut" an. Zur Zustimmung gibt es sowieso keine Möglichkeit. Bei einer Umfrage sagten 91 Prozent "Nein" zu der Frage: "Würden Sie Flüchtlinge privat bei sich aufnehmen?"

Zur Telepolis-Umfrage: Würden Sie Flüchtlinge in Ihre Wohnung oder in Ihr Haus aufnehmen?

Einen besonders dümmlichen Kommentar dazu gibt es in der FAZ:

So erfreulich und humanitär begrüßenswert es für die Betroffenen sein wird, ein Dach über dem Kopf zu haben - beneiden mag man sie darum nicht. Denn will man das: mit einem unentwegt Pfeife schmauchenden Grantler abends vor dem Fernseher sitzen und sich bei jeder politischen Nachricht einreden lassen, ein Rückfall in die NS-Zeit stünde unmittelbar bevor? Im beiderseitigen Interesse und im Interesse der Völkerfreundschaften sollte man im Garten ein Zelt aufschlagen.

Grass soll in einem Nebensatz gesagt haben, dass in Notfällen Zwangseinquartierung eine Option sei, berichtet schon deutlich unaufgeregter der Spiegel. Die Hilfsbereitschaft dürfte er aber überschätzen, was zumindest die Bild-Leser bestätigen.

Der Mob wird etwa bei PI aufgerufen: SS-Mann Grass: Zur Not müssen Flüchtlinge eben bei Deutschen zwangseinquartiert werden. Die Leser werden auch indirekt aufgerufen, den Pen anzumailen, die Kommentare sind, wie hier zu erwarten, extrem ausländerfeindlich, die Islamkritik ist, wie man deutlich merkt, nur aufgesetzt.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.
  • TELEPOLIS
  • >
  • Politik
  • >
  • Grass fordert in "Notfällen" Zwangseinquartierung von Flüchtlingen