Von Resignation und schlechtem Essen - der Alltag in der neuen Armut

01.01.2015

Hartz IV: Ten Years after - Teil V

Zur zehnjährigen Bilanz von Hartz IV gehört auch das Entstehen einer ausdifferenzierten Armutskultur mit teilweisen bizarren Zügen. So ist die Armenspeisung der "Tafeln" mittlerweile zu einem flächendeckenden Phänomen in einer der reichsten Industrienationen der Welt geworden.

Im Bundesverband Deutscher Tafeln e.V. sind mittlerweile 900 dieser ehrenamtlichen Institutionen zusammengeschlossen, die über 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgen, die sonst im Müll landen würden. Die Armenspeisung ist so zu einer beliebten ehrenamtlichen Tätigkeit der Mittelschicht geworden, mit 60.000 Helfern sind die Tafeln eine der größten sozialen Bewegungen in Deutschland. Hartz IV-Bezieher gehören zu den regelmäßigen Besuchern. Das Fazit des Bundesverbandes: Die Zahl der Tafeln und der versorgten Personen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen.

Rund um das Thema Essen für Arme drehte sich auch die Herausgabe von gutgemeinten, aber gleichwohl bizarren Hartz IV-Kochbüchern. Mit ihnen wollten die Mittelstands-Autorinnen ganz wie im 19. Jahrhundert zeigen, dass die Armen mit Sparsamkeit und gutem Willen durchaus über die Runden kommen können, ohne zu verhungern. "Hartz IV in aller Munde" nennt sich zum Beispiel ein Vollwert-Kochbuch, das der Frage nachging: "Kann man sich 31 Tage lang von dem in Hartz IV vorgesehenen Anteil von 132 Euro wirklich vollwertig-biologisch ernähren?" Die Autorin beantwortete dies mit einem "deutlichen Ja", schweigt sich aber darüber aus, wie es am 32. Tag dann weitergeht.

Die Armen-Kultur wurde auch durch so genannte Pfand-Ringe bereichert, bei denen man die Leerflaschen außen am Mülleimer deponieren kann. Der Arme erspart sich so das Wühlen im Dreck und die Stadtwerke erhalten ihm so seine "Würde". Weiter geht es mit Hartz IV-Möbeln zum Selberbauen und ähnlichen mehr - es gibt sogar einen Hartz IV-Roman (Peter Hetzler: Hartz 5) - das alles regelmäßig begleitet von den Schlagzeilen der Bildzeitung.

"Mensch dritter Klasse"

Wie es sich wirklich lebt, in dieser Kultur der Armut und der Existenz-Angst, das schilderten anlässlich des zehnjährigen Jahrestages von Hartz IV die Mitglieder eines kirchlichen Arbeitslosentreffs im Münchner Arbeiterviertel Westend. Im Pfarrsaal gibt es Frühstück, Kaffee, kleine Wurst- und Käseplatten. Die Menschen, die hier in die Gruppe kommen, haben quasi alle mit "Arbeitslosengeld II" zu tun, sind also Langzeitarbeitslose und beziehen Hartz IV. Es sind mehr Frauen als Männer und die meisten, wenn nicht alle, sind älter als 50 Jahre.

Manche sitzen in Gruppen, kennen sich schon länger. Andere sitzen eher für sich alleine. Die Lebensgeschichten sind unterschiedlich. Der 61-jährige Godi M. etwa war beruflich als Einkaufsleiter tätig, wurde arbeitslos. Seit zehn Jahren versucht er, irgendwo in einer unbefristeten Tätigkeit Fuß zu fassen. In dieser Zeit gab es drei Episoden mit Anstellungen, die aber wieder endeten. In diesen zehn Jahren, sagt Godi M., habe er "zweitausend bis dreitausend Bewerbungen" geschrieben. Vergeblich. Seine Bilanz nach zehn Jahren Hartz IV: "Ich bin aufgrund meines Alters und meiner Überqualifikation chancenlos."

Andere in der Gruppe pflichten ihm bei. "Wenn man erst einmal auf der Spirale nach unten ist, kommt man aus dieser Schleife nicht mehr heraus", meint Gerda F. "Altersfaschismus" nennen sie es, wenn man mit über 50 Jahren keine wirklichen Chancen mehr auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat.

Gefühle gibt es viele. "Das gibt mir das Gefühl, ein Mensch dritter Klasse zu sein", sagt eine Teilnehmerin über ihren Gang zur "Tafel", auf die sie wie viele hier angewiesen ist, um über die Runden zu kommen. Und dann ist da noch die Angst vor der Behörde. "Früher hatte ich das nie", sagt Klaus G., "aber heute habe ich Angst vor dem amtlichen Schreiben". Ein anderer Teilnehmer: "Es ist bitter, wenn ein Brief vom Jobcenter kommt. Manchmal lasse ich ihn zwei Tage liegen, bis ich mich stark genug fühle." Auch die Bilanz des Seelsorgers geht in diese Richtung: "Bei jeder Änderung am Hartz IV-Gesetz seit 2005 war eine Verschärfung mit dabei."

Und wie wird hier die Arbeit der Jobcenter gesehen, die neben dem "Fordern" ja auch "Fördern" sollen und in Arbeit vermitteln? "Qualifizierte Jobs gibt es von denen keine", meint Klaus G. "Wenn man anruft, sind die Stellen oft schon besetzt", sagt Gerda F.. "Die normalen Stellen habe ich mir selbst gesucht", sagt Friedrich K., Facharbeiter, der eine zeitlang in Nachtschicht in einer Bäckerei gearbeitet hat. Manche stehen dem Jobcenter nicht so kritisch gegenüber, Sieglinde N. zum Beispiel hat sich mit ihm arrangiert: "Wie man in den Wald hineinruft, schallt es heraus."

Eine Bilanz nach 10 Jahren Hartz IV? Ein Gespräch noch während des Frühstücks über die Millionentantiemen für die Memoiren von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder durch den Geschäftsmann Carsten Maschmeyer nimmt eine grauhaarige Frau vorweg: "Der Schröder hat gegen die Leut' gearbeitet", sagt sie, während sie sich ein Butterbrot schmiert.

Teil 6 : Kochbücher und Bildzeitung - Plädoyer für ein "Deutsches Museum der neuen Armut"

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