Kochbücher und Bildzeitung - Plädoyer für ein "Deutsches Museum der neuen Armut"

02.01.2015

Hartz IV: Ten Years after - Teil VI

1972 machte sich der belgische Künstler Marcel Broodthaers über das Museum als Institution der Beurteilung von (Kunst)Werken lustig. Bereits 1968 hatte er in seinem Haus in Brüssel das "Musée d’Art Moderne, Département des Aigles" (Museum moderner Kunst, Abteilung Adler) gegründet. Anschließend realisierte er in mehreren Ausstellungen die unterschiedlichen Abteilungen des Museums als raumgreifende Installationen. 1971 konzipierte er die Sektion Werbung des Museums moderner Kunst, Abteilung Adler für die Kunstmesse in Basel. Tatsächlich aufgebaut und eingerichtet wurde "Section Publicité" aber erst 1972 für die von Harald Szeemann geleitete Documenta 5 in Kassel.

Broodthaers verband mit seiner "Fiktion eines Museums" eine grundsätzliche Kritik an der Institution Museum: Deren Deutungsmacht über den Status von Bildern, über Original, Kopie und Reproduktion stellte er kritisch in Frage. In der "Section Publicité" wird der um 1968 noch unbestrittene Hoheitsanspruch des Museums mit dem vielfach eingesetzten majestätischen Bildzeichen des Adlers auf ironische Weise konterkariert. Reproduktionen von Rembrandts berühmtem Gemälde des vom Adler Zeus geraubten Ganymed stehen gleichwertig neben Logos, die den Adler zur kommerziellen Werbung für Gasthäuser, Molkereiprodukte oder Rasierwasser verwenden", so eine Beschreibung des Adler-Projektes.

Es wird Zeit, den Ansatz von Broodthaers für ein "Deutsches Museum der neuen Armut" zu übernehmen. Hartz IV gehört in das Museum. Das zugrundeliegende Menschenbild dieses terroristischen Gesetzes entstammt dem 19. Jahrhundert. Es ist die Rückkehr zur Drangsalierung, Stigmatisierung und Exklusion der arm Gemachten wie zur Zeit der beginnenden Industrialisierung. Hartz IV gehört in das "Museum der neuen Armut", die in den 1980er Jahren wieder in die Industriestaaten zurückkehrte, nachdem man schon gedacht hatte, sie wäre durch den Sozialstaat wirksam bekämpft. Hartz IV gehört in das Museum, weil alles, was dort hängt, eingemeindet, befriedet, eingehegt und so unschädlich gemacht wurde. Hartz IV gehört in das Museum, und der Zweck ist, beide lächerlich zu machen. Und das ganz konkret.

Was ist in einem "Deutschen Museum der neuen Armut" zu sehen?

Von mir aus gerne die Schuhe von Gerhard Schröder, die er bei der Verkündigung des Gesetzesvorhabens im März 2003 im Bundestag getragen hat. Oder die Unterhosen von Joseph Fischer. Auch eine Armbanduhr von Peter Hartz ist vorstellbar. Und richtig geraten: Es geht dabei um die Verarschung des Auratischen.

Was wäre eine "Abteilung Adler"? Etwa ein Raum, in dem alle Schlagzeilen der Bildzeitung ausgestellt sind: "Sozialamt zahlt sogar die Putzfrau" (2003); "Erwischt! Frechste Sozialabzockerin" (2006); "Deutschlands frechster Arbeitsloser" (2006); "Warum kriegt so einer Stütze" (2006) "Zu viele Arbeitslose drücken sich vor der Arbeit" (2008); "So wird bei Hartz IV abgezockt" (2009); "Deutschlands frechster Arbeitsloser" (2010); "Macht Hartz IV faul?" (2010); "Hartz IV So holen Sie das meiste Geld raus!" (2010).

In einem weiteren Raum könnte man die Hartz IV-Kochbücher ausstellen: "Hartz IV in aller Munde"; "Gut essen und trinken trotz Hartz IV?"; "Wir Krisenköche. Einmal Hartz IV und zurück"; "Das Familiensparkochbuch- Günstig und ausgewogen ernähren nach dem Regelsatz von Hartz IV"; "Glück und satt für 2 Euro am Tag!"; "Das Sparkochbuch". All das ergänzt durch Warenkörbe, in denen Waren nach dem Regelsätzen zusammengestellt sind. Auch Kochkurse sind denkbar.

Ein weiterer Raum könnte sich den Dingen widmen, die für Hartz IV-Bezieher nicht mehr erschwinglich sind. Ein Zeitschriftenabonnement, ein Theater-Besuch, Zahnersatz, neue Brillen, ein Wintermantel, neue Schuhe, mit Freunden zum Essen gehen. Lange Gänge könnten mit all den Zehntausenden erfolglosen Bewerbungsschreiben tapeziert werden, die Millionen von Hartz IV-Beziehern im Laufe der Jahre verfasst haben. An den Wänden könnte man zudem die Hunderttausende von Gerichtsakten aufstapeln, in denen die Arbeitslosen erfolgreich gegen die Kürzung ihrer Bezüge geklagt haben.

Auch die Arbeitslosen selbst wären in dem Museum vertreten. Für den Einwurf eines Ein-Euro-Geldstücks in ein Sparschwein durch den Besucher (wird dann vom Regelsatz abgezogen) könnten diese dann in fünf Minuten ihre Lebensgeschichte erzählen, gearbeitet wird in drei Schichten.

All das kann nur zu einem Schluss führen: Hartz IV muss ins Museum! Lasst uns doch dafür eine Crowdfunding-Kampagne starten und den Grundstein legen.

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