"Die Dschihadisten waren immer auch Spiegel der gewalttätigen Strukturen ihrer Herkunftsländer"

26.12.2014

Der Islamwissenschaftler Behnam Said über den Dschihadismus, den Islamischen Staat und die Ausbreitung der wahhabitischen Lehre

Der 32 Jahre alte Islamwissenschaftler Behnam Said arbeitet als wissenschaftlicher Referent für den Nachrichtendienst der Hansestadt Hamburg. Vor kurzem ist sein Buch "Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden" erschienen, in dem er sich besonders mit den Deutschen beschäftigt, die sich dem Dschihad anschließen.

Herr Said, der 1966 in Ägypten hingerichtete Theoretiker der Muslimbrüder Sayyid Qutb propagierte zu seinen Lebzeiten, dass die islamische Welt in einem unislamischen Zustand der "Unwissenheit" lebe, im Zustand der Dschahiliyya. Qutb propagierte, dass es heute keine islamische Welt mehr gebe. Selbst islamische Staaten seien vom Glauben abgefallen. Die jetzige Welt müsse zerstört und auf deren Trümmern das globale islamische Kalifat errichtet werden. Inwiefern dienen diese Thesen dem Islamischen Staat heute als theoretische Grundlage oder als Rechtfertigung für die bisherige Strategie?

Behnam Said: Sayyid Qutb spielt in den offiziellen Verlautbarungen des IS so gut wie keine Rolle. Allerdings hat Qutb mit seinen Gedanken die gesamte dschihadistische Bewegung beeinflusst, aus welcher der IS hervorgegangen ist. Wesentlich in Qutbs Argumentation war ja, dass alle muslimischen Gesellschaften und insbesondere die muslimischen Herrscher von der "wahren" Religion so weit entfernt seien wie die Menschen vor der Zeit des Islams und dass durch den aktiven Kampf einer Avantgarde die Macht an Gott "zurückgegeben" werden solle, um das "Königtum Gottes auf Erden" zu errichten.

Dies ist der ideologische Rahmen, auf den sich direkt oder indirekt alle Dschihadisten beziehen. Qutb entwickelte seine Gedanken als Mitglied der ägyptischen Muslimbruderschaft (MB). Er repräsentierte den revolutionären Flügel, von dem sich die Organisation ab den 1960er Jahren zunehmend distanzierte. Der IS versucht jedoch größtmögliche Distanz zu Gruppen wie der MB zu wahren, ebenso wie zu dschihadistischen Gruppen die sich in der Tradition des MBler Qutb sehen - wie etwa Jabhat al-Nusra. Es geht dem IS um den Aufbau eigener Traditionen. Dies erkennt man etwa auch daran, dass die Gruppe keine etablierten Kampfgesänge der Dschihadisten verwendet, die ebenfalls ihre Ursprünge im radikalen Umfeld der MB haben, sondern eigene Lieder produziert.

Die italienische Terrorismus-Expertin Loretta Napoleoni weist daraufhin, dass der Islamische Staat-im Unterschied zu anderen dschihadistischen Terrororganisationen über ein Territorium, ein Staatsgebiet verfügt, und plädiert deshalb für einen Dialog mit IS. Wie sehen Sie das?

Behnam Said: Es ist mir bis heute nicht klar, wie Frau Napoleoni sich einen Dialog mit IS vorstellt. Ich wüsste auch nicht, worüber man mit diesen Fanatikern verhandeln sollte. Louise Richardson hat in "Was Terroristen wollen" zwischen begrenzten und grundsätzlichen Zielen terroristischer Gruppen unterschieden. Ein begrenztes Ziel wären konkrete politische Ziele, über die man eventuell verhandeln könnte. Ein grundsätzliches Ziel ist hingegen ein solches, bei dem die Machtbalance in einem Land oder einer Region derart verändert werden sollte, dass die Erlangung des Zieles die Zerstörung eines oder mehrerer Staaten bedeuten würde. Über ein grundsätzliches Ziel, so Richardson, könne man daher aus Sicht eines Staates nicht verhandeln.

Der IS ist eine Gruppe, die grundsätzliche Ziele verfolgt und zu keinen Kompromissen bereit ist. Daher erübrigt sich derzeit die Frage nach Verhandlungen. Eine Ausnahme hiervon könnten jedoch Geiselsituationen darstellen, was aber nicht das Thema betrifft, welches Frau Napoleoni ansprach.

Saudi-Arabien und Katar unterstützen IS zu Beginn. Weshalb hält die westliche Welt an dieser Bündnis- und Aufrüstungspolitik gegenüber Riad fest, welche Kanzlerin Merkel als im Interesse der Sicherheit Deutschlands interpretierte?

Behnam Said: Dass Saudi-Arabien und Katar eine aktive Politik zur Unterstützung des IS verfolgten, halte ich für nicht belegt. Beide Staaten, genauso wie auch Kuwait, aber auch Jordanien und die Türkei, haben ein Interesse daran, Assad, der vom Erzfeind der Golfmonarchien Iran unterstützt wird, zu stürzen und eine pro-sunnitische Regierung zu installieren.

In einem Interview mit der NZZ sagte der Schriftsteller Salman Rushdie: "Mithilfe des enormen Wohlstands, den unsere Petro-Dollars brachten, haben die Saudis ihre sehr fundamentalistische Version des Islam verbreitet, die zuvor innerhalb der islamischen Welt nur den Status einer Art Sekte besaß. Dadurch - durch die Verbreitung der saudischen Form - hat sich die ganze Natur des Islam zum Nachteil verändert." Teilen Sie diese Einschätzung?"

Behnam Said: Die Ausbreitung der wahhabitischen Lehre weltweit konnte in der Tat nur durch den Ölreichtum auf der arabischen Halbinsel erreicht werden. Insofern hat Salman Rushdie sicherlich recht, wenn er auf diesen Umstand hindeutet, auch wenn dies nicht die ganze Erklärung für die dschihadistische Bewegung ist. Diese bedient sich zwar an Versatzstücken des Wahhabismus und wird zudem von wohlhabenden Spendern aus der Region gefördert, aber der Dschihadismus ist auch ein Produkt der Erfahrung mit autokratischen Systemen der arabischen Welt.

Beispiel Ägypten: Sayyid Qutb hat seine Gedanken unter dem Eindruck des autoritären Regimes von Gamal Abd al-Nasser verfasst. Anwar Sadat hat dann radikalen Islamisten zunächst gefördert, als Gegengewicht zu linken Studentengruppen und Parteien. Die Geister die er rief, wurden ihm jedoch zum Verhängnis. Nach dem Attentat auf Sadat 1981 wurden zahlreiche Islamisten inhaftiert und oft auch gefoltert. Dieses Erlebnis führte dann zur weiteren Radikalisierung der Szene und zum Bürgerkrieg gegen das Regime Mubaraks in den 1980er und 1990er Jahren. Die Dschihadisten waren immer auch Spiegel der gewalttätigen Strukturen ihrer Herkunftsländer.

Um auf die Frage zurückzukommen: Ja, der Wohlstand in der Golfregion wurde auch dazu genutzt, die dort herrschende reaktionäre Auslegung des Islams weltweit zu verbreiten, was zum Erstarken fundamentalistischer Bewegungen geführt hat, aber es waren noch weitere Faktoren, die zum Entstehen der militant-politische Bewegung des Dschihadismus führten.

2003 propagierte der damalige US-Präsident George W. Bush einen "Leuchtturm der Demokratie", welcher im Irak errichtet werden sollte. In Syrien unterstütze der Westen, im Verbund mit seinen Alliierten in der Region den Aufstand gegen das Assad-Regime. Heute beherrscht IS einen Teil des syrischen und irakischen Staatsgebietes. In Ihrem Buch betrachten Sie den Golfkrieg als Ursache des heutigen Übels. Weshalb?

A; Ich habe die US-Invasion nicht als die "Ursache des heutigen Übels" bezeichnet, wohl aber als einen wichtigen Faktor in der Kausalkette, die zur heutigen Situation geführt hat. Die US-Invasion bot den Dschihadisten die willkommene Gelegenheit, amerikanische Soldaten in einem Kernland der arabischen Welt, auf historisch bedeutsamen Boden, zu bekämpfen. Zudem führte die Invasion zum Zusammenbruch staatlicher Strukturen und Chaos ist der Nährboden, den Dschihadisten brauchen, um sich festzusetzen.

Aber allein den Sturz Saddam Husseins für die heutige Situation in Irak und Syrien verantwortlich zu machen, wäre zu kurz gegriffen. In Syrien gab es beispielsweise schon seit den 1960er Jahren einen Konflikt zwischen aufständischen Islamisten und Regierung. Und im Irak hatte Saddam Hussain über Jahre hinweg zur religiösen Aufladung der Politik beigetragen und auch Islamisten im Land toleriert, obwohl er sich nach außen als säkularer Herrscher gab und vermutlich auch privat alles andere als fromm war. Weiterhin hat er eine politische Kultur der Gewalt begründet, die nun im Handeln von IS eine Fortsetzung findet.

Ist eine Bekämpfung des Islamischen Staats von Seiten des Westens überhaupt möglich, ohne die bisherige Bündnispolitik und Strategie vor Ort grundlegend zu ändern?

Behnam Said: Die Bekämpfung des IS erfordert ein global abgestimmtes Handeln und die Einbeziehung aller staatlichen Akteure vor Ort. Allerdings wird es schwierig, die entscheidenden Staaten Saudi-Arabien, Katar, Jordanien, Türkei und Iran an einen Tisch zu bringen. Zu viele grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten und eine zu tiefe Rivalität prägen insbesondere das Verhältnis der Golfstaaten zu Iran und jeder macht den anderen für den Aufstieg von IS verantwortlich. Insofern ist Skepsis darüber angebracht, ob es gelingen wird, die Probleme der Region nachhaltig zu lösen.

: Sie arbeiteten als wissenschaftlicher Referent für den Nachrichtendienst der Hansestadt Hamburg. Ist Ihr Buch also aus der Perspektive eines Nachrichtendienstlers geschrieben oder aus der Sicht eines Islamwissenschaftlers?

Behnam Said: In das Buch sind natürlich beide Perspektiven mit eingeflossen. Das heißt aber nicht, dass nachrichtendienstlichen Erkenntnisse in den Text eingeflossen wären. Stattdessen habe ich auf offene Quellen zurückgegriffen, die jeder anhand des Literaturverzeichnisses nachvollziehen kann.

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