Botulismus - torkelnder Tod im Rinderstall

29.12.2014

Rätselhafte Krankheit befällt Rinder, Kälber - und Bauern. Muss das gesamte Agrarsystem hinterfragt werden?

Seit mehr als 20 Jahren wird auf Milchviehbetrieben eine Krankheit beobachtet, die unter dem Namen Botulismus bekannt ist. Rinder und Kälber erlahmen und sterben. Die Bauern leiden häufig unter ähnlichen Symptomen wie ihre Rinder. Nicht nur unter Landwirten und Veterinären herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Auch die Erklärungen der zuständigen Behörden sind dürftig. Unterdessen breitet sich die rätselhafte Krankheit immer weiter aus.

Die Tiere erkranken vor allem auf gut geführten Milchviehbetrieben im Nordwesten Deutschlands - Schätzungen zufolge liegt ihre Anzahl inzwischen bei tausend. Weil die Krankheit nicht als Seuche anerkannt ist, muss sie auch nicht gemeldet werden. Die Dunkelziffer ist demnach vermutlich höher. 1

Tatsächlich ähneln sich auf allen betroffenen Betrieben die Symptome: Die Rinder lassen in ihrer Milchleistung extrem nach. Sie magern ab und fangen an zu torkeln. Hinzu kommen Pansenlähmungen und Labmagenverlagerungen. Die Reflexe sind eingeschränkt, das Saufverhalten ist gestört. Speichel fließt aus dem Maul, Hautwunden wollen nicht heilen. Die meisten Rinder sterben nach einem qualvollem Krankheitsverlauf.

Gesundes Rind. Foto: Red.

Viele Bauern mussten inzwischen ihre Betriebe aufgeben. Sie stehen vor dem totalen Ruin, denn sie bekommen keinerlei Entschädigung - weder für finanzielle Einbußen noch für Arbeitsausfälle. Hilflos müssen sie, die täglich mit den Tieren zu tun haben, mit ansehen, wie nicht nur ihre Rinder, sondern auch sie selber erkranken: Muskelschwäche, Schweregefühl der Augenlider, Augenflimmern, Lähmungserscheinungen. Die Feinmotorik in den Händen erlahmt, die Atemmuskulatur versagt. Es kommt zu Darmverstopfungen, Kreislaufstörungen, Blutdruckabfall. Auch Kinder sind betroffen.

Jahrelange Forschungen brachten kaum Ergebnisse

Bekannt ist Botulismus - in akuter Form - bereits seit 200 Jahren. Oft ging der Erkrankung der Verzehr verdorbener Wurst- oder Fleischwaren voraus, mit meist tödlichem Ausgang. Verantwortlich dafür ist Clostridium Botulinum (BoNT). Es produziert ein Nervengift, das je nach Giftgrad in sieben verschiedene Typen (A - G) und neuerdings auch zusätzlich 20 Subtypen unterteilt wird. Indem das Gift vom Darmtrakt in den Körper gelangt, verhindert es die Ausschüttung des Neurotransmitters Acetylcholin an den Synapsen zwischen Nerv und Muskeln.

Das lähmt nicht nur die Muskulatur, sondern auch das vegetative Nervensystem kann Schaden nehmen. Das Robert-Koch-Institut stuft die Giftigkeit des BoNT als extrem hoch ein. Es wird angeblich sogar als biologisches Kampfmittel in der Kriegswaffenliste geführt. 2 Bei Säuglingen kann die Krankheit zum plötzlichen Kindstod führen.

Die Forschungen zu Rinderbotulismus dauern mittlerweile seit 15 Jahren an. Und immer noch ist kein brauchbares Ergebnis in Sicht. Die Datenlage sei zu undurchsichtig. Es bestehe noch Forschungsbedarf. Man könne nichts tun, solange man nicht wisse, worauf genau die Krankheit zurückzuführen ist - so und ähnlich lauten die Antworten auf entsprechende Anfragen bei den Behörden. Offenbar gestaltet sich die Suche nach den Krankheitserregern auf seltsame Weise schwierig.

So untersuchten Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover und des Friedrich-Löffler-Instituts 1.388 Milchkühe auf 139 Milchviehbetrieben im norddeutschen Raum. Blutbilder wurden erstellt, Kotproben genommen, das Futter auf Keime untersucht. Im Ergebnis war der Neurotoxingen-Test nur bei acht Prozent aller untersuchten Einzeltiere positiv. Einen direkten Zusammenhang zwischen dem Auftreten von BoNT und einem chronischen Krankheitsgeschehen wurde nicht festgestellt. 3 Auch das BMELV erkennt keinen eindeutigen Zusammenhang mit dem Bakterium Clostridium.

Kritiker bezweifeln, ob Rinder überhaupt an Botulismus erkranken können. Schließlich kämen sie im Freiland ständig in Kontakt mit BoNT und anderen Clostridium-Arten, die sich in Humus, Gewässer- und Klärschlamm, Gartenerde und Kompost finden. Hier zersetzen sie organische Substanzen und sind - wenn auch in geringen Konzentrationen - an der Verwesung toter Organismen beteiligt.

Doch, sie können erkranken, sagen andere. Die moderne Landwirtschaft sei ein Tummelplatz für Clostridien. Ob in luftdichten Silageballen, in dem tote Kleintiere verwesen, in Hühnermist oder Biogasanlagen - überall würden sich die Keime vermehren. Insbesondere Biogasanlagen stehen unter dem Verdacht, die BoNT-Keime zu verbreiten, denn die hitzebeständigen Botulinum-Sporen überstehen Temperaturen von bis zu 70° C.

Neben verschimmeltem Futter wie Silage gelten auch infizierte Rehkitze, die von Mähdreschern erfasst werden als Überträger, außerdem Geflügelkot, Komposte, Klärschlamm und Gärrückstände.

Fleisch erkrankter Tiere im Handel?

Immer mehr Veterinärmediziner und Wissenschaftlern gehen inzwischen davon aus, dass die Krankheit tatsächlich auf ein Bakterium - Clostridium botulinum - zurückzuführen ist. So ist Helge Böhnel davon überzeugt, dass das Bakterium im Gegensatz zum klassischen Botulismus erst im Darm der Tiere gebildet wird, woran sich das Tier schleichend infiziert. Er spricht vom "viszeralen Botulismus". Der Göttinger Wissenschaftler stellt in einem Vortrag von 2011 fest, dass die Krankheitserreger auch in Biogas-Gärsubstraten vorkommen können. Allerdings hingen Spezifität und Quantität vom Substrat und vom Verfahren ab.

Für die Mikrobiologin Monika Krüger von der Uni Leipzig ist klar, dass es sich hier um ein "seuchenhaftes Geschehen" handelt. Krank aussehende Tiere werden zwar getötet und entsorgt. Doch das Fleisch derjenigen Tiere, die gesund aussehen oder solche, die es noch aus eigener Kraft gerade so auf den Viehtransporter schaffen, kommt nach der Schlachtung zum Verzehr in den Handel. Das wirft die Frage auf, ob infiziertes Fleisch auf diesem Wege auf unseren Tellern landet.

Weil die Erkrankten dauernd Sporen von C. botulinum ausscheiden, erhöhen sie den lokalen Infektionsdruck - das sei typisch für die Ausbreitung von Seuchen, bemerkt Sievert Lorenzen in seinem Beitrag im Kritischen Agrarbericht 2013. Doch warum erkrankten Rinder früher eher selten an BoNT?

Dem Kieler Zoologen zufolge hat dies zwei Gründe: Zum einen handelt es sich um ein Eiweiß, gegen welches ein gesundes Immunsystem Antikörper bilden kann. Zum andern verhindert eine gesunde Darmflora, dass sich die Keime im Darm grenzenlos vermehren können. Auf diese Weise leben Rinder seit Urzeiten mit zahlreichen Clostridium-Arten. Warum aber funktionieren die natürlichen Abwehrmechanismen bei unseren heutigen Rindern nicht mehr? Und warum erkranken Hochleistungskühe besonders häufig?

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