Die "verschollene" Präsidenten-Biographie

30.12.2014

Die Geheimnisse des Heinrich Lübke, Teil 2: Warum kam das von einem Schelmenbuch-Autor verfasste Lebensbild nie zur Auslieferung?

Der angehende Bundespräsident Heinrich Lübke war vor 55 Jahren sehr erbost über eine Biographie aus der Feder des Schriftstellers Josef Küper (1891-1972), obwohl diese noch gar nicht erschienen war (vgl. Teil 1). Einen Vorabdruck des Werkes, der freilich schon nach sieben Folgen eingestellt wurde, konnten 1959 die Abonnenten der katholischen "Tagespost" lesen. Der Nürnberger Verleger Glock, ein wohlgesonnener "Glaubens- und Parteifreund Lübkes", bekam wegen des Buches sehr viel Ärger.

Schutzumschlag der 1959 auf Staatskosten aufgekauften Lübke-Biographie von Josef Küper; Bild: Stadtarchiv Rietberg

Lübke schrieb nämlich dem Essener Bischof Franz Hengsbach, einem sauerländischen Landsmann, über seine "schwere Bedrückung" in der Sache, und dieser bat dann den Buchverleger um Abhilfe. Prälat Wilhelm Wissing wurde als Leiter des Katholischen Büros in Bonn ebenfalls eingeschaltet und bewirkte, dass Glock auch vom Erzbischöflichen Ordinariat in Bamberg unter Druck gesetzt wurde. Es gab offenbar Pläne, die gesamte Auflage an die Landvolkjugend oder den katholischen Borromäus-Verein zu vermitteln.

In Wirklichkeit ließ man jedoch alle Buchpaletten aufkaufen und zwar durch den CSU-Abgeordneten Emil Kemmer, in dessen Keller sie restlos verschimmelt sein sollen. Staatssekretär von Eckardt, Chef des Bundespresseamts, rechtfertigte intern am 9.10.1959 diesen Einsatz von Steuergeldern ganz lapidar: Man habe sich entschlossen, Küpers stümperhaften Versuch einer Biographie nach zufälliger Kenntnisnahme eines Vorabdrucks nicht "auf dem freien Büchermarkt jedem Interessenten zugänglich" werden zu lassen.

Seither wird das Werk immer wieder als verschollen dargestellt:

  • Hans Schulz-Fielbrandt teilt 1987 in seiner "Literarischen Heimatkunde" mit: "Als dann das Buch erschien, kaufte Heinrich Lübke verärgert die gesamte Auflage auf und ließ sie vernichten. [...] Josef Küper hat zwar sein Honorar pünktlich vom Verlag bekommen; das Buch aber ist nirgends aufzutreiben, auch nicht antiquarisch!"
  • Im "Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh 1993" bestätigt Manfred Beine nach Auswertung des Küper-Nachlasses den Sachverhalt: "Tatsächlich verschwindet [1959] die gesamte Auflage vom Markt, nur der Autor in Rietberg erhält einige Belegexemplare."
  • Rudolf Morsey stellt sein Kapitel über diesen Vorgang 1996 unter die Überschrift: "Das erste Lebensbild - gedruckt, aber nie erschienen."
  • Im Westfälischen Autorenlexikon liest man 1997 zu Küpers Lübke-Biographie: "Die gesamte Auflage verschwand spurlos."
  • Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek wird der Titel gegenwärtig zwar vermerkt, aber mit dem Zusatz: "Ohne Bestand in der Deutschen Nationalbibliothek" (Leipzig).

Man muss an dieser Stelle allerdings die Akten nicht schließen. Wer genauer nachhakt, kann fündig werden. In einer kleingedruckten Fußnote teilt Lübke-Biograph Rudolf Morsey mit, dass er von der Redaktion des "Spiegels" eine Kopie des Küper-Buches erhalten hat. (Bei einigen unverfänglichen Details nennt er das Werk in den Anmerkungen auch als Quelle.)

Im Zeitalter der elektronischen Bibliotheken-Vernetzung gibt es am Ende noch eine überraschende Entdeckung: Einige Exemplare des "verschollenen Lebensbildes" kann heute jeder über eine Fernleihe einsehen. So zählen z.B. die Erzbischöfliche Diözesanbibliothek Köln, die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, das Stadtarchiv Rietberg und die Universitätsbibliothek Eichstätt das Buch zu ihren Beständen.

Was war denn eigentlich so brisant?

In einem Brief an den Verleger Glock vom 1.9.1959 erläutert Autor Josef Küper aus seiner Sicht, welche Art von Fehlern im Buch dem gewählten Bundespräsidenten missfallen:

Unrichtig ist für ihn [Heinrich Lübke], wenn ich schreibe, er wurde um 4 Uhr geboren, in Wirklichkeit war es halb vier. Falsch ist, wenn einer sagt, die Lübkes hätten neun Morgen Ackerland gehabt, und in Wirklichkeit waren es elf. Aus der Luft gegriffen ist für ihn, wenn einer schreibt, Lehrer Abel habe ihm acht Stockhiebe gegeben, und in Wirklichkeit war es Herr Schmalohr.

In der Lübke-Biographie von Rudolf Morsey entsteht ebenfalls eher der Eindruck, Lübke habe sich lediglich wegen unangemessener Lausbuben-Geschichten und Anekdoten über Küpers Werk geärgert. Nun ja, die Enkhauser sind arm und die Hebamme am Ort trinkt auf Taufen gerne mal einen Schnaps.

Das ältere Brüderchen betet darum, dass der kleine Heinrich nach Familiensitte rothaarig geboren wird. Vor dem Erhalt der ersten eigenen Hose gilt der Knirps dann noch als "Mädchen" ... Aber nichts von alledem ist anstößig oder gar so brisant, dass man gleich eine ganze Buchauflage auf Staatskosten verschwinden lassen müsste.

Das SED-Organ "Neues Deutschland" hat in seiner Ausgabe vom 1.6.1966 eine "szenische Dokumentation" des DDR-Fernsehfunks "über die Kriegsverbrechen des derzeitigen Bonner Präsidenten Heinrich Lübke" angezeigt.

Als Vorlage der abendfüllenden Sendung nennt das Blatt eine "Biographie Lübkes von Josef Küper, die in Westdeutschland auf Weisung Lübkes verboten wurde". Hierbei kann es sich freilich nur um propagandistischen Unfug handeln. Der konservativ-christliche und sozial eingestellte Schriftsteller Küper unterstreicht in seinen z.T. recht detaillierten Ausführungen zur Haftzeit Lübkes (1934-35) dessen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus.

Über den sich anschließenden Zeitabschnitt, der mit dem Thema des DDR-Filmbeitrages zusammenhängt, gibt es bei ihm lediglich die folgenden zwei Sätze zu lesen:

Als er [Lübke] wieder arbeitsfähig wurde, war lange Zeit keine Stellung zu finden, die seinem Können entsprach. 1937 [richtig: 1939!] tauchte er bei einer Baugesellschaft unter, die kriegswichtige Anlagen zu verrichten hatte.

Für eine seriöse Dokumentation gibt diese knappe und obendrein fehlerhafte Notiz rein gar nichts her. An wirklich wunde Punkte des Buches rührt hingegen ein früher Artikel im "Spiegel" vom 16.9.1959, dessen Hintergrund bekannt ist: Schriftsteller Josef Küper fühlte sich aufgrund der Attacken aus Bonn gedemütigt und war entnervt. Schließlich schrieb er am 2.9.1959 den Spiegel-Redakteur Bernt J. Engelmann an.

Widmung im Kölner Exemplar des aus dem Verkehr gezogenen Lübke-Lebensbildes: "Nur zwei Exemplare dieses von mir verlegten Buches blieben am Leben. Das eine Expl. steht in unserem Verlagsarchiv. Das zweite Exemplar widme ich Eminenz Dr. Joseph Cardinal Höffner, Köln - Ergebenst Karl Borromäus Glock." (Bild: P. Bürger)

Der berichtete dann in seinem Magazin zwei Wochen später vom "Wunsch Heinrich Lübkes [...], seine Person und seine Familie so weit wie möglich im Hintergrund zu lassen". Biograph Josef Küper habe bei seinen Nachforschungen in Enkhausen "die sauerländische Verwandtschaft des neuen Bundespräsidenten abweisend und verschlossen" vorgefunden. Die Standesämter dürften nicht einmal die Geburtsurkunden der Eheleute vorzeigen. Der Schustersohn Heinrich Lübke habe dem Arbeitersohn Josef Küper sogar gedroht: "Wenn in Ihrer Biographie etwas Falsches oder Abseitiges steht, lasse ich sie beschlagnahmen!" Küper selbst habe über seinen Termin bei Lübke berichtet: "Ich wurde abgekanzelt wie nicht mehr seit meiner Rekrutenzeit."

Küpers biographischer Versuch wird vom "Spiegel"-Redakteur keineswegs günstig beurteilt:

Tatsächlich schwelgt der Schriftsteller [...] in familiären Nichtigkeiten und Affären, während Lübkes politisches Leben kaum gestreift wird.

Zu den Passagen mit Konfliktstoff heißt es u.a.: Als "unpassend für eine Präsidialbiographie fand Heinrich Lübke, dass Schriftsteller Küper den später zum meerumschlungenen Ministerpräsidenten aufgestiegenen Bruder Friedrich-Wilhelm Lübke als Fritz bezeichnet, der gewildert habe, bevor er zur See ausgebüxt< war". Indessen fällt diese Nachricht über den umtriebigen Friedrich-Wilhelm im Original ganz harmlos aus:

... hin und wieder fing er einen Hasen. Nach Hause durfte er ihn nicht bringen. - Wilderer sind nach dem Ehrenkodex der meisten Enkhauser anständige Leute. Der liebe Gott hatte die Hasen und Rehe nicht nur für die Herren von Wrede und von Fürstenberg erschaffen.

Übrigens stößt man in einem Familienforschungsband von 1977 tatsächlich auf einen entfernten Verwandten, der das Jagen als allgemeines Bürgerrecht betrachtet hat. Es ist dies der gewesene Wilddieb und nachmalige Balver Flurschützer Heinrich Lübke (1861-1922) aus Affeln.

Ermittlungen gegen den ältesten Bruder: Vorwurf der versuchten Brandstiftung

Ungleich ernster als die Wilddieb-Anekdote ist ein anderer Punkt, den die Spiegel-Redaktion 1959 so zur Sprache bringt:

Das längste Kapitel des Küper-Buches trägt den Titel "Brandstiftung" und beschäftigt sich mit einer Episode, der Westdeutschlands neues Staatsoberhaupt verständlicherweise keinen besonderen Geschmack abzugewinnen vermag: Ein altes, vermietetes Haus der Lübkes, das außerhalb des Dorfes lag (und höher versichert war als der im Dorf von ihnen bewohnte Neubau), ging in Flammen auf. Heinrichs Bruder Franz (der 1916 fiel) wurde wegen Verdachts der Brandstiftung verhaftet, nach einer Gerichtsverhandlung aber freigesprochen.

Befremdlich ist, dass Küper in seinem Buch schon ganz am Anfang auf sechs Seiten einen noch früheren Brand des "Flüggen Haus" in Enkhausen abhandelt, welchen die seherisch begabte Bewohnerin Maria Künder vorausgeschaut hat und der mit Angelegenheiten der Familie Lübke eigentlich gar nicht zusammenhängt. Das übernächste Buchkapitel "Die Brandstiftung" liefert dann auf 15 Textseiten folgende "Informationen" über Ereignisse des Jahres 1915:

  • Ein junger "Landstreicher" wird in der Schuhmacherwerkstatt des (Präsidentenbruders) Franz abgewiesen und droht danach, aus Rache das ältere Haus der Lübken an der Berglehne in Brand zu setzen. Man ist auf der Hut.
  • Bald darauf holt Schuhmachermeister Franz mit seinen Gehilfen beim zweiten Lübke-Haus die Apfelernte ein.
  • Die Mieterin dieses Hauses sieht abends beim Holzhauen zwischen den Bretterfugen des Giebels einen Lichtschein. Auf dem Balken entdeckt sie dann eine Kerze, befestigt auf einer quadratischen Brettkonstruktion mit "Schwarzpulver, Wachs und ölgetränktem Lappen".
  • Weinend bringt sie diesen Fund zum Gemeindevorsteher, der später den Polizisten aus Hachen benachrichtigen will.
  • Franz hört von der Geschichte, geht zum Haus des Gemeindevorstehers und findet dort auf dem Tisch in der guten Stube nicht mehr die "Kerzenkonstruktion" vor, die er gerne in Augenschein nehmen möchte.
  • Franz muss sich am nächsten Tag vom Wachtmeister abführen lassen, der Richter erlässt einen Haftbefehl, und vor Gericht wird eine Anklage wegen "versuchter schwerer Brandstiftung" verhandelt. Man vermutet, Franz habe das Beweisstück ("Kerzenkonstruktion") im Vorsteherhaus entwendet. Ein Bauer in direkter Nachbarschaft zum zweiten Lübke-Haus behauptet zudem, er habe Franz während der Apfelernte auf einer Leiter zum Heuboden hochklettern gesehen.
  • Franz streitet alle Vorwürfe ab, erklärt den vergleichsweise hohen Versicherungsabschluss für das zweite Haus der Lübken (höhere Brandgefahr) und verweist auf die Missgunst des belastenden Zeugen. Mit diesem liege er in Grenzstreitigkeiten, denn sein Land im Loh stehe dem Bauern im Wege. Neben einem "Landstreicher" (s.o.) habe gerade auch dieser Zeuge ein mögliches Tatmotiv.
  • Franz muss am Ende nicht ins Gefängnis. Der Richter verkündet "mit klarer Stimme" im Namen des Königs: "Der Angeklagte wird freigesprochen!"

Diese Version hat Küper 45 Jahre nach dem Ereignis wohl auf der Grundlage mündlicher Überlieferungen im Dorf zusammengereimt. Sein langes Buchkapitel zum Hausbrand kann wohl kaum als historisch zuverlässige Rekonstruktion gelten. Es gibt bislang keine Darstellung der Ereignisse auf der Basis von Archivalien, sondern nur einen literarischen Vergleichstext.

Erinnerungen von Josefa Berens an die Familie Lübke

Die spätere Schriftstellerin und Nazi-Propagandistin Josefa Berens (1891-1969) war seit ihrer Zeit als Lehrerin in Sundern-Stemel (Oktober 1914 - Januar 1915) der Enkhauser Familie Lübke eng verbunden. Gegen Ende der Weimarer Republik, so hat mir ein sauerländischer Heimatforscher mitgeteilt, soll es aufgrund der rechtsradikalen Anschauungen der Künstlerin jedoch zum Bruch seitens der Lübken gekommen sein (Josefa Berens hatte 1931 erfolgreich eine Mitgliedschaft in der NSDAP beantragt). In ihren um 1960 abgeschlossenen Lebenserinnerungen schildert Josefa Berens die Geschichte einer versuchten Brandstiftung etwas anders als Josef Küper in seiner Bundespräsidenten-Biographie:

In meiner Stemeler Zeit hatte ich die Bekanntschaft mit der Familie Lübke in Enkhausen gemacht. Dort lebte eine sehr kluge und herzenswarme Frau und Mutter, die ich liebgewann. Ihr Mann war früh gestorben, und Franz, ihr Ältester hatte die Schusterwerkstatt übernommen und weitergeführt [...]. Von ihm, der mir ein Freund geworden war, möchte ich einiges festhalten, das sein und der Familie Leben verdunkelt hat. Sein [ursprüngliches] Elternhaus lag rechter Hand an einem Berge, wenn man von Hachen talauf wanderte. Es war nur wenig Land um das Haus herum, das von einem größeren Hofe umschlossen war, dessen Herr begierig war und diesen kleinen Besitz gern geschluckt hätte.

Da geschah Folgendes: Eines Abends findet eine Art Brandstiftung statt, doch das kleine Haus brennt nicht nieder. Der Nachbar ruft die Polizei und sagt dann vor Gericht unter Eid aus, dass er den ältesten Sohn Franz mit einer brennenden Kerze von hinten auf den Boden hat steigen sehen. Weiter sagt er, dass Franz dort oben Feuer hat anlegen wollen. Es ist nur wieder erloschen. Dann ist die Polizei hinaufgestiegen und hat nachgesehen. Sie hat Papier gefunden, angekohlt, dazu einen abgebrannten Kerzenstummel und einiges Stroh. Dazu lag dort Asche. Daraufhin hat man Franz am hellen Mittag abgeholt und ihn vor aller Augen weggeführt.

Das war [1915] im ersten Sommer, den ich in Oelinghausen erlebte. [...] In dem kleinen Hause am Berge lebte die Schwester von Franz mit Mann und Kindern. Der Vater hatte an der anderen Seite des Dorfes ein größeres Haus erbaut. [...] Nach einigen Wochen kam dann in Arnsberg die Gerichtsverhandlung. Franz wurde wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Das aber war es, was sein späteres Leben bedrückte.

Der älteste Präsidentenbruder Franz Lübke (geb. 1881, gest. 23.2.1916) ist dann aus dem ersten Weltkrieg nicht wieder heimgekehrt. Die nachfolgende Passage aus den Erinnerungen von Josefa Berens legt es nahe, dass er nach dem Brandstiftungsverdacht geradezu sehnsüchtig den eigenen Tod erwartet hat:

Als er [im Krieg] seinen letzten Urlaub in der Heimat verbrachte, begleitete er mich bis zur Berghöhe. Dass ich seinen Bruder [Josef] ausbildete, wusste er. Da bekannte er mir: "Wenn du hören solltest, dass ich gefallen bin, so wisse, dass mir damit ein Wunsch erfüllt wird." Das Wort machte mich erschrocken und tief traurig. Ich erkannte, wie tief jener Gerichtsentscheid ihn getroffen haben musste. Im Dorf blieben gewisse Meinungen zurück, die erst eine viel spätere Zeit auslöschen konnte.

Was sonst noch könnte den Namen Lübke verdunkeln?

Warum nun war Heinrich Lübke so voller Abneigung gegen eine genauere Erforschung seines heimatlich-familiären Hintergrundes? Die mit einem ehrenrührigen Verdacht einhergehende und letztlich nicht wirklich aufgeklärte "Brandstiftungs-Sache" ist brisant genug, um die Einstampfung des am Geburtsort recherchierten "Lebensbildes" hinreichend erklären zu können.

Heinrich Lübkes Heimatort Sundern-Enkhausen, Juli 2008. Bild: ber Bodoklecksel/CC BY-SA 3.0

Josef Küper kann bei seinen Nachforschungen in Enkhausen unmöglich entgangen sein, dass er es hier mit einem äußerst delikaten Thema der dörflichen Überlieferung zu tun hatte. Der letzte Satz vor Beginn des "Brandstifter-Kapitels" in seiner Präsidenten-Biographie kündigt die Dramatik der alten Geschichte für Heinrich Lübke unmissverständlich an:

Ein Unheil dröhnte heran, das sein Herz erschütterte. Der Stern, der bislang über seinem Leben stand, wich aus der Bahn und schien abzustürzen.

Zum Schluss von Küpers "Brandstiftungskapitels" klingt aber noch ein anderes Thema an, bei dem es ebenfalls um den sogenannten "guten Ruf" geht:

[Der vom Gericht freigesprochene] Franz kam mit steifem Rückgrat heim. Auch Heinrich trug den Kopf hoch, er ärgerte sich nicht mal mehr, wenn eine Korbflechterfamilie aus Menden ins Enker Tal kam, an deren Wagen der Name Lübke stand. Früher hatte er sich oft mit dem Gedanken herumgeschlagen, sie zu verjagen, damit der gute Name der Enkhauser Lübke keinen Schaden nahm. Nun wusste er, dass niemand ihn verdunkeln konnte, es sei denn, sie selbst.

Diese Stelle enthält - ganz beiläufig - eine Andeutung von Gewicht. Verstehen kann man sie nur nach eingehenden Erkundigungen zum weit verzweigten Familienverband der Lübken, dessen "Verortung" im katholischen Sauerland sich noch heute in der Statistik der Telefonbucheinträge widerspiegelt.

Zu diesem alten sauerländischen Familienverband gehörte nämlich auch ein vagierender Zweig, dessen Mitglieder in der Landschaft lange als regelrechte Parias galten. Der Bundespräsident hatte offenbar Angst, allzu nah mit den früher oftmals verachteten Korbflechter-Lübken verwandt zu sein. Darum wird es im dritten und letzten Teil der "Geheimnisse des Heinrich Lübke" gehen.

Weiterführende Literatur:

Peter Bürger: Fang dir ein Lied an! Selbsterfinder, Lebenskünstler und Minderheiten im Sauerland. Eslohe: Museum 2013, S. 161-312.

Teil 3: Der Präsident und die verachteten "Kötten"

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Der Präsident aus dem Sauerland

Peter Bürger 29.12.2014

Die Geheimnisse des Heinrich Lübke - Teil 1: Unternehmungen zur Erforschung der privaten Biographie erschreckten das zweite Staatsoberhaupt der Bundesrepublik

Heinrich Lübke (1894-1972), der Bundespräsident aus dem Sauerland, war - wie die meisten Politiker - kein Intellektueller. Er wirkte vor Kameras gehemmt und besaß nicht die Gabe des ausgefeilten Wortes, schon gar nicht die der freien Rede. Er drückte sich umständlich aus und machte aus seinen Grenzen keinen Hehl: "Ich bin für das Amt eigentlich wenig geeignet. Es hätte bestimmt bessere Kandidaten als mich gegeben."

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