Gibt es eine amerikanische Ideologie?

04.01.2015

Folter im Film und in der Realität

Wenn man weiß, dass ein Film von "den Nazis" gemacht wurde, ist es relativ einfach, zu der Schlussfolgerung zu gelangen, das es sich um einen "Nazi-Film" handeln muss, den man sich da gerade anschaut -höchstwahrscheinlich vollgesogen mit der Ideologie der Nazis, auch oder gerade wenn sich unter einem Titel wie Der Gasmann vorgeblich nur eine seichte Komödie mit Heinz Rühmann verbirgt. (Aber, man beachte: der einzige Film, in dem Rühmann den Hitler-Gruß verwendet, wie Wikipedia anmerkt.)

Okay, und bei einem amerikanischen Film, könnte man sagen, findet man normalerweise viel amerikanische Ideologie. Wobei angesichts des Überangebots an amerikanischen Filmen die meisten Menschen rund um den Globus mittlerweile beide Elemente - das amerikanische und das ideologische - als vollkommen "natürlich", als Abbildung der Realität "so wie sie ist" empfinden dürften. Sie werden sich auf alle Fälle gegen das Wort "Ideologie" sträuben. Und ganz bestimmt würden sie dieses Aneinanderrücken von Nazi-Film und amerikanischem Film als ausgesprochen degoutant zurückweisen.

Dieser Abscheu vor dem Wort "Ideologie" kommt, wie mir scheint, daher, dass viele Menschen darunter ein "schiefes Weltbild" verstehen. "Bei den Nazis", oder "im Kommunismus", meinen sie, gab es eine Ideologie. "Wir" dagegen sind frei davon, denn wir leben in einer Demokratie.

Es ist eine Sicht der Dinge, die ich selber auch einmal vertreten habe. Heute denke ich eher, dass diese Vorstellung - dass die jeweilige Demokratie, in der wir leben, ideologiefrei sei - erstens selber eine ideologische Vorstellung ist, und zweitens eine naive.

Meine eigene Naivität beispielsweise steht mir vor Augen, wenn ich an den Titel eines 1963 aktuellen Büchleins aus dem Penguin Verlag denke - ein rotes Cover, mit einem Motiv aus Picassos "Guernica". Das Buch selber findet man gelegentlich noch antiquarisch. Es hieß Torture: The Cancer of Democracy - "Folter: Das Krebsgeschwür der Demokratie". Der Autor, Pierre Vidal-Naquet, behandelte darin das französische Vorgehen und die französischen Vergehen im Algerien-Krieg 1954-62.

Seit diesem Buch, so schien es mir, sei die Folter endgültig als mittelalterliche Barbarei entlarvt und als einer Demokratie für unwürdig befunden worden. Gut, es war blauäugig, so etwas anzunehmen, aber ich schien irgendwie in den Kinderglauben zurückgefallen zu sein, dass zwar alle möglichen Gräuel in zahlreichen Kriegssituationen verübt würden, aber dass die Methode des Folterns bei den sich selber als Demokratien bezeichnenden Ländern seitdem aus der Mode gekommen sei.

Das Foltern hat Hochsaison

Weit gefehlt. Und die Liste der Bücher, die sich in irgendeiner Form in den letzten Jahren mit dem Thema "Folter" beschäftigt haben, ist schier endlos. Dramatisch sind auch die Bilder, die sie projizieren. Der nackte Oberkörper eines gepeitschten und gefesselten Mannes findet sich auf dem Cover eines Buches von Darius Rejali, dessen Titel die Worte "Torture" und "Democracy" durch das verdrehte "e" in beiden Wörtern schmerzhaft aneinander schraubt. John T. Parry’s Understanding Torture begnügt sich mit einem umgestoßenen Stuhl vor einer nackten Betonwand. Vor dem Hintergrund einer von Einschlägen zerkratzten Mauer liest man den Titel eines anderen Buches mit den "Aussagen der Gefolterten" - aus dem Algerienkrieg.

Mit einem Wortspiel geht es weiter auf dem Titel eines anderen Buches: Screening Torture. Der Titel oszilliert zwischen den Bedeutungen, einerseits, von "die Folter hinter irgendeiner Abschirmung ausblenden", und andererseits, "die Folter auf den Bildschirm projizieren."

Entsprechend sieht man auf dem Cover eine herabgelassene Jalousie, hinter der man das verborgene (Folter-) Geschehen vermuten darf. Der Untertitel des Buches verweist auf "die Darstellung von staatlichem Terror und politischer Unterdrückung in den Medien." Tatsächlich ist die Anzahl der hier aufgeführten (Spiel-) Filme, in denen routinemäßig gefoltert wird, verblüffend hoch.

Ausgeblendet, Die Folter, 2012

Wären dies (beispielsweise) Filme aus der Nazi-Zeit, die das Foltern, Einsperren oder Quälen von Juden in einem positiven, ja sogar vergnüglichen (!) Licht zeigen würden - sie wären allesamt längst in einem Giftschrank weggeschlossen worden.

Interessant, also, dass DAS nicht geschieht oder geschehen ist. Die besagten Filme gibt es weiterhin in fast jeder Videothek auszuleihen. Und es ist darüber hinaus verblüffend, dass ein solches doch recht kritisches Buch überhaupt in den USA selbst erscheint, statt beispielsweise als heimliches Samisdat in irgendeinem Zweit- oder Drittland verlegt zu werden. Aber, natürlich: Die Infos der Autoren Flynn und Salek werden bestenfalls ein schmales Filmkunstpublikum erreichen. Wäre dies eine populäre Film-Doku von Michael Moore - nun ja, es ist eben keine solche, die Doku gibt es nicht, und das sicher aus gutem (d. h., "bösem") Grund.

Außerdem gibts in dem Buch neben der Kritik an amerikanischen Filmen auch das Folter Thema in Filmen anderer Länder nachzulesen, was dem Ganzen ein wenig die Schärfe nimmt. Denn in den USA kann man somit nun darauf verweisen, dass alle anderen es ebenso halten: Sie alle foltern mit. Im Film. Bezeichnenderweise fehlt in diesem Buch aus dem Jahr 2012 dann aber doch jeder Hinweis auf den Arte-Film aus dem Jahr 2011: Torture made in USA.

Torture made in USA, Arte 2011

Denn dort geht es eben nicht um das Foltern im Film, sondern in der Realität. Dennoch werde ich an dieser Stelle versuchen, den Inhalt des Buches anhand von zwei Zitaten verkürzt wiederzugeben. Als erstes die offizielle politische Doktrin, derzufolge Folter als Mittel der Politik eingesetzt wird. Und als Zweites die Umsetzung dieser Doktrin im amerikanischen Film.

Kurze Zeit nach den Angriffen auf das World Trade Centre und das Pentagon machten einige Mitglieder der Bush-Regierung sich ans Werk, politische Richtlinien auszuarbeiten, denenzufolge die Folter zu ihrer "Geheimwaffe im Krieg gegen den Terror" werden würde. Sie unternahmen diesen Schritt, obwohl sie sehr wohl wussten, dass das Verbot jedweder Folter einen Grundpfeiler der internationalen Gerichtsbarkeit bildete, und in kompletter Missachtung der Tatsache stand, dass die Vereinigten Staaten einer der Unterzeichner aller Verträge waren, die das Foltern ausdrücklich untersagten. Sie handelten so, obwohl sie ebenfalls wussten, dass Geständnisse, die unter Folter erzwungen wurden, üblicherweise falsche Informationen enthielten. Sie übertrugen die Aufgabe, das Foltern neu zu definieren, an eine Gruppe junger Rechtsanwälte, die sich ideologisch einer extremen Form des Neokonservatismus verpflichtet fuhlten. Diese Anwälte waren uberzeugt, dass der Sieg in diesem Krieg nur durch einen Kampf auf der "dunklen Seite" erzielt werden könne. Daher versuchten sie Methoden wie illegale Festnahmen, illegale Verschleppungen in andere Länder, Folterung und politischen Mord als legale Mittel zu definieren. Sie waren eine paranoide Gruppe, die glaubte, dass die bestehenden Prinzipien, die die Regeln der Kriegsführung und die Behandlung von Kriegsgefangenen bestimmten, "altmodisch" wären. Sie bevorzugten einen "Krieg ohne Einschränkungen."1

Fast jeder Mensch, der sich den Akt einer physischen Folterung betrachtet, dürfte davon unmittelbar abgestoßen und von den Folterern angewidert sein. Und doch wird in vielen amerikanischen Spielfilmen und Fernsehshows der Folterer als eine messianische Gestalt dargestellt, oder zumindest als ein ernsthafter Mensch, dessen Verabreichung eines "weltzerstörenden" Schmerzes von rechtschaffener Art und sogar notwendig erscheint. (Siehe:Inglorious Basterds,Man on Fire,Taken,Unthinkable,V for Vendetta.) Der körperliche Schmerz des Folteropfers wird dabei dargestellt als eine essentielle und segensreiche Eigenschaft, die einen wesentlichen Beitrag zur Wiederherstellung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung leistet, indem sie dazu beiträgt "unschuldige" Menschenleben zu retten. In vielen dieser Filme ist die Folterung ein Schauspiel, bei dem der Kinobesucher mit dem Folterer, nicht etwa mit dem Opfer, Mitgefühl zeigt. Der Folterer wird dabei verwandelt vom Kriegsverbrecher zum wohlwollenden "Rechtsbrecher", als jemand, der bereit ist, sich über das Gesetz hinwegzusetzen um die Zivilisation vor dem Untergang zu retten.2

Es fällt mir schwer, mich an dieser Stelle des Eindrucks zu erwehren, dass man einen ursächlichen Zusammenhang zwischen diesen beiden Zitaten sehen könnte. Vor allem, wo ja bereits eine wohldokumentierte Verbindung zwischen Hollywood und dem Pentagon bestanden hat.

An diesem Punkt wäre man vermutlich der totalen Verblendung nahe, wenn man annähme, dass der jetzt veröffentlichte offizielle Bericht über die Foltermethoden des CIA eine Wahrheit enthüllt habe, die bis eben noch vollkommen unbekannt gewesen sei oder im Verborgenen stattgefunden habe. Nein, das alles wusste man schon lange.

Immerhin: Man erfährt nun doch ständig Neues. So las ich in der New York Times, dass der CIA zugab, 26 Gefangene "irrtümlicherweise" festgehalten zu haben. Darunter Mohamed Bashmila, heute 46, der 19 Monate zu unrecht in Haft saß.

Mr Bashmila hatte [seinen amerikanischen Rechtsanwälten] erzählt, dass er in Jordanien gefoltert worden sei bevor er an den CIA ausgeliefert wurde, von dem er zeitweilig allein in eiskalten Zellen in Afghanistan mit Fußketten gefesselt wurde, und dabei 24 Stunden pro Tag lauter Musik ausgesetzt war. Er beging mindestens drei Selbstmordversuche, einmal, indem er seine Pillen aufhob und sie dann alle auf einmal schluckte; ein andermal, indem er seine Pulsadern aufschnitt; und ein weiteres Mal, indem er sich selbst zu erhängen versuchte. Bei einer anderen Gelegenheit brachte er sich Schnittwunden bei und schrieb mit seinem eigenen Blut an die Wand seiner Zelle: "Dies ist ungerecht."3

Am 15. Dezember las man die Kommentare des früheren Vize-Präsidenten unter Bush, Dick Cheney. "Ich würde es sofort wieder tun," ließ Cheney verlauten. ("I would do it again in a minute.")

Das "Water Boarding" und ähnliche Foltermethoden seien keine Folter gewesen.

Folter war das, was die al-Qaida Terroristen den 3000 Amerikanern am elften September antaten," sagte er. "Es gibt gar keinen Vergleich zwischen dem und was wir taten, wenn es um verschärfte Verhörmethoden ging.4

Cheney beweist hier deutlich ein vermindertes Unrechtsbewusstsein, aber der Senats-Bericht bestätigt nun einmal offiziell, dass es diese historische Realität tatsächlich gegeben hat, und dass es nun gilt, sie "zu bewältigen".

Ideologien sind, köpfeübergreifende Gedankensysteme, die (ähnlich wie die Sprache selbst) von den Menschen, die sie verwenden, unhinterfragt, als ganz "natürliche" Verkehrsregelung ihrer Gedanken, Ansichten und Wertvorstellungen akzeptiert werden. Wikipedia nennt als Beispiele für Ideologien unter anderem: Kapitalismus, Ökologismus, Eurozentrismus, Radikalfeminismus, Nationalsozialismus und Stalinismus.

Dennoch glaube ich nicht, dass der Griff in den Giftschrank, also die Verwendung von Folter, die amerikanische Gesellschaft bereits mit den Ideen der Nazis oder mit einem stalinistischen "Virus" infiziert hat.

Ideologie in Amerika hat immer zugleich mehrere Wurzeln, Rassismus, Eugenik, religiösen Wahn, Baseball oder Rock'n'Roll. Und puren Demokratismus, oder puren Dogmatismus.

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