Kurden: Die Opfer wurden zu Tätern gemacht

28.12.2014

Hintergründe zur Forderung nach Aufhebung des PKK-Verbots

Kurden gehören zu den großen Völkern, die nicht über einen eigenen Staat verfügen und in den Ländern Türkei, Irak, Syrien und Iran seit Jahrzehnten auf ihrem historischen Siedlungsgebiet diskriminiert und verfolgt werden. Der Kampf um den Erhalt ihrer Kultur und gegen die Zwangsassimilierungspolitik brachte in der Türkei die Widerstandsorganisation PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) hervor. In der aktuellen Debatte um die Aufhebung des PKK-Verbotes verweisen die Gegner auf die Praktiken und ideologischen Inhalte der PKK in den ersten Jahren im Kampf gegen den türkischen Staatsterror. Durch den entschiedenen Einsatz der PKK im Shengalgebirge im August 2014 konnten zehntausende Eziden und Ezidinnen vor der Ermordung durch den IS gerettet werden. Dies, und auch die Erfolge der kurdischen Kämpferinnen in den Fraueneinheiten der PKK und der Frauen der YPJ in Rojava, lässt die PKK wie auch die Verbotsdebatte hierzulande in einem neuen Licht erscheinen.

Historische Hintergründe

Auf dem Territorium Anatoliens verbreitete sich vor fast 2000 Jahren das Christentum. Im11. Jahrhundert wanderten Turkvölker aus Persien und Zentralasien in das Gebiet ein und besiedelten große Teile des Ostens und Südostens der heutigen Türkei und trafen auf verschiedene kurdische Stämme. Der Osten und Südosten der Türkei ist bis heute neben dem Iran, Irak und Syrien eines der historischen und größten Siedlungsgebiete der Kurden, ca. 20 Mio. Kurden und Kurdinnen leben hier.

Im Osmanischen Reich (1461 bis 1923) lebten verschiedene Ethnien und religiöse Gruppen. Es war ein Vielvölkerstaat von Turkmenen, Armeniern, Kurden, Griechen, Juden. Dieser Staat umfasste auch vielerlei religiöse Gruppen: Unter der Herrschaft sunnitischer Moslems lebten Christen, Aramäer/Assyrer und Eziden, heterodoxe islamische Gruppen wie Aleviten, Nusairer, Drusen usw.

Waren im Osmanischen Reich die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen anfangs mehr oder weniger in das System integriert, begannen ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Vertreibungen und Massaker von und an Minderheiten. In dieser Zeit wurde das Osmanische Reich an allen seinen Grenzen, im Balkan, auf dem Kaukasus, in Nordafrika von den europäischen Großmächten immer mehr zurückgedrängt und viele muslimische Flüchtlinge aus diesen aufgegebenen Territorien strömten ins Reich. Beides verstärkte den inneren Druck und hatte innenpolitische Konsequenzen: Es entstanden verschiedene nationalistische Bewegungen wie z.B. die Jungtürkenbewegung und der Zerfall des Osmanischen Reiches nahm seinen Lauf. Damit einher ging eine bis heute andauernde Diskriminierungs- und Vertreibungspolitik von nicht-muslimischen Gruppen.

So groß sehen manche Kurden "Großkurdiastan". Bild: Ekurd.net

So wurden 1909 bei pan-islamischen, antiarmenischen Pogromen in Adana und der Provinz Kilikien 30.000 armenische Christen ermordet. 1915 -1917 wurden nach unterschiedlichen Schätzungen 300.000 bis 1.500.000 armenische Christen im Osmanischen Reich getötet, ebenso betroffen waren im Jahr 1915 Aramäer und Pontosgriechen. 1922-1923 wurden ca. 1.250.000 griechisch-orthodoxe Christen in Folge eines Bevölkerungsaustausches nach Griechenland vertrieben.

Ethnische und religiöse Minderheiten waren auch unter dem Republikgründer Kemal Atatürk massiven Repressionen ausgesetzt, wie die systematische Verfolgung der Kurden seit 1925 bis heute zeigt. Betrachtete Kemal Atatürk die kurdischen Stammesführer anfangs als Verbündete gegen die alliierte Besetzung Anatoliens, wurde dieses Bündnis später von ihm gebrochen. Kurdische Aufstände dagegen wurden von den Kemalisten blutig niedergeschlagen. Das Ankara-Abkommen 1921 zwischen Frankreich und der Türkei wie auch das vorangegangene Sykes-Picot-Abkommen 1916 stellte die kurdische Bevölkerung plötzlich vor die Tatsache, dass sie sich nicht mehr in 2 Staaten (Osmanisches Reich und Iran), sondern in 4 unterschiedlichen Staaten wiederfanden: im britischen Mandatsgebiet Irak, im französischen Mandatsgebiet Syrien, in der türkischen Republik und im Iran. Mehr als die Hälfte der kurdischen Bevölkerung lebte in der Türkei, über die Verteilung in den restlichen 3 Ländern gibt es keine genauen Angaben aus dieser Zeit.

In den 1920er Jahren gab es mehrere Aufstände der Kurden gegen den Verlust ihrer Autonomie. Der wichtigste Aufstand, der Kocgiri-Aufstand fand in der Provinz Sivas statt. Mit dem Friedensvertrag von Sèvres 1920 waren Kurden wie Armeniern eigene Nationalstaaten oder zumindest Autonomie zugesichert worden:

Am 8. Dezember forderten die Führer der Koçgiri in einem Telegramm an Mustafa Kemal die Einrichtung eines unabhängigen Kurdistans. Es sollte die Provinzen Diyarbakir, Mamuret ül-Aziz, Van und Bitlis umfassen. Sie beriefen sich dabei auf den Vertrag von Sèvres und drohten mit Waffengewalt…Ankara nahm die Forderungen der Rebellen nicht ernst und spielte auf Zeit. Kurdische Abgeordnete aus Ankara sollten die aufständischen Stämme dazu bewegen, den anti-republikanischen…gelenkten Aufstand zu beenden….

Ankara versuchte zu beschwichtigen, unter anderem sollten die kurdischen Gebiete von kurdischen Beamten regiert und Kurdisch offizielle Sprache werden. Die Forderung nach kurdischen Schulen, Reparationen und einen kurdisch sprechenden Gouverneur akzeptierte Ankara zunächst, widerrief es aber später wieder. In der Folge brannten mehrere Dörfer nieder:

Der Aufstand, der im Interesse der alten osmanischen Regierung ...begann und die Schwächung der neu gegründeten Republik beabsichtigte, wurde am 17. Juni 1921 durch Nureddin Pascha blutig niedergeschlagen, und viele Anführer sollten schließlich hingerichtet werden.

In den folgenden Jahren gab es immer wieder lokale kurdische Aufstände, die vom türkischen Militär niedergeschlagen wurden. Besonders in der Provinz Dersim (türk. Tunceli) entbrannten immer wieder Kämpfe. Deswegen "beschloss der Ministerrat am 4. Mai 1937 in geheimer Sitzung das "Dersim-Problem" zu lösen. In der Folge wurde die (überwiegend alevitische) Bevölkerung ganzer Dörfer vom türkischen Militär ermordet."1 Die ganze kemalistische Elite war neben den Militärs an diesem Genozid beteiligt, zum Beispiel Inönü, der Nachfolger Atatürks, der spätere Außenminister Çağlayangil oder die Adoptivtochter Atatürks, die Bomberpilotin Sabiha Gökcen, die 1938 Giftgas auf kurdische Dörfer abwarf.

Von nun an trieben die türkischen Behörden verstärkt die Assimilierungspolitik voran: Lokale Sprachen wie Kurdisch, Armenisch und Aramäisch wurden verboten. Alle Religionen, außer der sunnitischen Ausrichtung des Islams wurden und werden entweder verboten oder in ihrer Religionsfreiheit beschränkt. Städte- und Dorfnamen wurden "türkisiert", so hieß Dersim nun Tunceli (dt. starke Faust), Amed wurde Diyarbakir.

Die Kurden gerieten in den 70er/80er Jahren über den türkischen Nationalismus immer mehr in den Brennpunkt der "Türkisierung". Die Bezeichnung "Kurde" wurde durch "Bergtürken" ersetzt, da die kurdischen Siedlungsgebiete in der Türkei im überwiegend bergigen Osten und Südosten liegen. Die Bezeichnung "Bergtürke" implizierte eine herablassende Haltung den Kurden gegenüber, die als rückständig und ungebildet galten. Wichtig zu wissen, dass das schlechte Bildungsniveau der mangelnden Ausstattung an sozialen Einrichtungen in der Region durch die türkische Zentralregierung geschuldet ist.

Es folgte eine jahrzehntelange und bis heute andauernde Verfolgung der Kurden auf türkischem Boden. Es herrschte ein immenser Assimilierungszwang, Schätzungen gehen davon aus, dass ca. die Hälfte der 20 Mio. Kurden zwangsassimiliert wurden. Kurdischen Kindern wurde in der Schule die türkische Sprache regelrecht hineingeprügelt, wenn sie sich untereinander auf Kurdisch unterhielten. Lehrer wurden aus der Westtürkei in den Schulen Kurdistans eingesetzt, die ein extrem nationalistisches Denken transportierten: Es gibt nur türkisch, alle sind Türken, die türkische Sprache ist die Mutter aller Sprachen, alles andere sind Dialekte (u.a. kurdisch), was ausgemerzt gehört, wenn man ein moderner Türke ist. Sprachreformen versuchten, arabische, kurdische und persische Wörter durch türkische Kunstwörter zu ersetzen.

Nach diesen traumatischen Erfahrungen von 1937, den vorangegangenen Massakern und der nachfolgenden Repression herrschte in der Türkei erst einmal Friedhofsruhe. Ganz im Gegensatz zum Irak, wo sich nach der Unabhängigkeit des Irak um 1945 der Barsani-Clan gegen die Unterdrückung und Diskriminierung durch die arabische Regierung wehrte.

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