Russland baut Interessen im "Hinterhof" der USA aus

31.12.2014

Vor allem die großen russischen Energieunternehmen steigen verstärkt in Kooperationen ein, wie kürzlich das staatliche Rosneft in Ecuador

Es ist kein Zufall, dass gerade jetzt Kooperationen zwischen Russland und Ländern Lateinamerikas forciert werden. Die von den USA vorangetriebenen Russland-Sanktionen, die sich auch verstärkt gegen Venezuela richten, treiben bestehende Kooperationsbestrebungen an. Ecuador und das staatliche russische Erdölunternehmen Rosneft haben gerade eine Zusammenarbeit vereinbart, der Staatskonzern hat auch die Anteile von Lukoil am venezolanischen Ölkonsortium NNK aufgekauft. Mit dem "Pleite-Land" Argentinien laufen Verhandlung über die Erschließung von Gasfeldern mit der halbstaatlichen Gazprom.

Schon vor etwa einem Jahr wurde gemeldet, dass die beiden großen russischen Öl- und Gaskonzerne Rosneft und Gazprom in den ecuadorianischen Energiemarkt einsteigen wollen. Weitgehend unbeachtet blieb in europäischen Medien, dass unter dem Eindruck der Russland-Sanktionen nun Nägel mit Köpfen gemacht werden. Die Regierung in Ecuador hat mit Rosneft nämlich ein entsprechendes "Memorandum of Understanding" (MoU) unterzeichnet. Demnach soll Rosneft schon bald in dem Andenland nach Öl bohren.

Die Absichtserklärung wurde Ecuadors Minister für strategische Ressourcen, Rafael Poveda, und dem Lateinamerika-Repräsentanten von Rosneft, Michail Grafinin, unterzeichnet. Da es sich bei Rosneft um ein Staatsunternehmen handelt, erklärte Poveda: "Dies ist eine strategische und sich ergänzende Allianz zwischen Russland und Ecuador." Der russische Botschafter in Ecuador Yan Burliay meinte, das "größte erdölfördernde Unternehmen weltweit" käme zum "Erfahrungsaustausch" nach Ecuador. Bisher werden in Ecuador etwa 25 Millionen Tonnen Erdöl jährlich gefördert.

Doch dabei handelt es sich nicht um die einzige Kooperation zwischen diesen beiden Ländern. Denn schon im vergangenen April wurde eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Russland und Ecuador vereinbart. Dabei handelte es sich vor allem um eine Kooperation im Bereich Technik und Militär und die Abwehr vor Angriffen aus dem Internet. Dieses Abkommen sah aber keine Waffenlieferungen vor. Und es war sicher auch dabei kein Zufall, dass die Ausweitung der Zusammenarbeit ausgerechnet im Rahmen der Krim-Krise vereinbart wurde.

Dass Ecuador durch die Kooperation mit Russland auch seine technologische Abhängigkeit gegenüber den USA und dem Westen verringern will, ist offensichtlich. Auch dieses Land fühlt sich gegängelt, wie nicht zuletzt im Streit mit Deutschland gerade deutlich wurde. Deshalb hat der Andenstaat einseitig die Entwicklungszusammenarbeit für Umweltprojekte aufgekündigt. Die sieben Millionen Euro, die für diese Projekte gewährt worden sind, sollen zurück an die Bundesrepublik überwiesen werden (Ecuador beendet Umweltprojekte mit Deutschland). Man wolle Freunde, aber keine "Aufseher" hatte die Regierung ihren Schritt begründet. Auch Ecuador gehört der Bolivarischen Allianz für die Völker unseres Amerikas (Alba) an, die eine Alternative zu der von den USA dominierten westlichen Handelspolitik schaffen soll.

Kooperation mit Venezuela

Russland reagiert hingegen mit verstärkten Aktivitäten in Lateinamerika auf die im Rahmen der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen. Russland mischt sich immer stärker in der Region ein, die von den USA gerne als ihr "Hinterhof" bezeichnet wird. So hat Rosneft auch in Venezuela seine Aktivitäten ausgeweitet, das ebenfalls von den USA mit neuen Sanktionen belegt wurde und wie Russland ökonomisch stark wegen des niedrigen Ölpreises unter Druck steht (Venezuela unter Druck).

Rosneft hat gerade weitere 20 Prozent der Anteile vom größten privaten russischen Ölkonzern Lukoil am Ölkonsortium NNK übernommen. Rosneft hält nun 80 Prozent der Anteile an NNK, die restlichen 20 Prozent hält der halbstaatliche Gazprom-Konzern. Damit ist der russische Staat noch stärker an der Erschließung von Ölfeldern in Venezuela beteiligt. Gemeinsam erschließen NNK und der staatliche venezolanische Energieversorger PdVSA das Ölfeld Junin-6. Venezuela ist am venezolanisch-russischen Gemeinschaftsunternehmen PetroMiranda mit 60 Prozent beteiligt und Russland über Rosneft und Gazprom nun mit 40 Prozent.

Strategische Investition

Junin-6 ist ein riesiges Ölfeld, aus dem seit Herbst 2012 Öl gefördert wird. Allein in diesem Feld finden sich mit gut 52,6 Milliarden Barrel gut ein Viertel der erkundeten Ölreserven in dem südamerikanischen Land. Die Übernahme der Anteile von Lukoil ist angesichts der fallenden Ölpreise eine strategische Investition. Russland bereitet sich mit den Projekten in Ecuador und in Venezuela auch darauf vor, dass durch den Preisverfall vermutlich eine Pleitewelle in den USA bei der teuren Schieferöl-Förderung droht. Die Reserven können, anders als bei konventionellen Ölfeldern, dort nur mit aufwendigen und teuren Methoden wie Fracking gefördert werden. Inzwischen kostet auf dem Weltmarkt ein Barrel Öl aber deutlich weniger als 60 Dollar. Der Preis hat sich in den letzten sechs Monaten praktisch halbiert. Es wird bezweifelt, dass damit noch lukrativ Schieferöl gefördert werden kann.

Spekuliert wird darüber, dass es sich um eine Kampfansage von Saudi-Arabien an das über Fracking geförderte Schieferöl aus den USA ist. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro sieht allerdings im Fracking eine Waffe der USA, die den Energiemarkt für politische Zwecke nutze. Die hätten den Markt mit billigem Schieferöl überschwemmt, um Russland und Venezuela zu zerstören. Er glaubt, es gehe darum, Venezuela "zu rekolonisieren, um unsere Revolution zu zerstören und einen Zusammenbruch der Wirtschaft herbeizuführen". Es dürfte eine Absicht gewesen sein, Venezuela und Russland über das Fracking zu schwächen, doch nun wird der Preisverfall zunehmend gefährlicher für die Schieferöl-Produzenten in den USA. Nicht wenige Experten vermuten, dass hier bald eine Blase platzt, die sich wegen der Geldschwemme in diesem Sektor gebildet hatte.

Tritt das ein, dann folgt eine Verknappung des geförderten Öls und damit geht wieder ein Preisanstieg einher. Die konventionelle Ölförderung wie in Russland und Venezuela würde davon wieder profitieren, wenn sie den Preiskampf übersteht und die Schieferöl-Konkurrenten in den USA ausgeschaltet werden. Russland bereitet sich offensichtlich schon mit strategischen Investitionen auf eine solche Entwicklung vor.

Es darf davon ausgegangen werden, dass die Kooperationen und Investitionen in Ecuador und Venezuela erst die Spitze des Eisbergs sind. Im Rahmen der Sanktionen gegen das Land wurden auf ohnehin auf allen Ebenen die Beziehungen zu den Ländern Lateinamerikas und den übrigen BRICS-Staaten Brasilien, Indien, China und Südafrika ausgebaut, was einigen in Brüssel die Zornesfalten auf die Stirn trieb (Sanktionspolitik: Nun droht die EU sogar Südamerika). Denn die Produkte, die unter anderem nicht mehr aus Europa geliefert werden dürfen, exportieren nun Länder wie Argentinien, Brasilien und China nach Russland.

Erschließung von Gasfeldern in Argentinien

Als Russlands Präsident Wladimir Putin im Sommer auf Tournee in Lateinamerika war, wurden schon etliche Verträge geschlossen. Inzwischen laufen auch Verhandlungen zwischen Gazprom und Argentinien über die Erschließung von Gasfeldern. Das Land will sich ebenfalls in seiner Energieversorgung immer stärker von Europa und den USA abkoppeln. Die USA haben sogar dafür gesorgt, dass das Land in eine "technische Pleite" rutschte, die Argentinien aber ohne allzu große Probleme mit Unterstützung seiner Partner meistert. Zum Jahresanfang ist ohnehin nun eine Lösung möglich (Argentinien gibt sich gegen Hedgefonds nicht geschlagen).

Über die Ausbeutung von Gasfeldern in Argentinien haben kürzlich der GazpromVorstandschef Alexej Miller und Argentiniens Industrieministerin Debora Giorgi am Rand eines internationalen Gasforums in St. Petersburg verhandelt: "Die Gesprächspartner erörterten Perspektiven der Entwicklung der bilateralen Kooperation in der Gasindustrie." Es sei über die Umsetzung gemeinsamer Projekte zur Erkundung und Förderung von Gas in Argentinien gesprochen worden.

Bekannt wurde, dass der ebenfalls staatliche russische Ölkonzern Zarubeshneft und das weißrussische Unternehmen Belorusneft auch gemeinsame Projekte Erdölprojekte in Süd- und Mittelamerika planen und ihr Engagement insgesamt in Lateinamerika ausweiten wollen. Zarubeshneft ist auf die Erkundung und die Erschließung von Öl- und Gasfeldern spezialisiert und bereits in Kuba aktiv, wo gut 300 Kilometer vor der Küste gemeinsam mit dem Staatsunternehmen Cubapetroleo eine Öl-Plattform betrieben wird. Belorusneft ist dagegen schon seit 2006 in Venezuela in der Gasförderung tätig.

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