Verschwörungstheoretiker sind skeptisch gegenüber Autoritäten

31.12.2014

Nach einer Studie von britischen Psychologen erklären Anhänger der "offiziellen" Version ihre Sicht weniger und sind aggressiver

Verschwörungstheorien sind mehr oder weniger begründete Vermutungen, dass hinter bestimmten Ereignissen eine Gruppe von Menschen steckt, die ihre Interessen durch Täuschung der Öffentlichkeit manipulativ und im Geheimen durchsetzen wollen - ein gutes Beispiel wäre die Vorbereitung des Irak-Kriegs seitens der amerikanischen und britischen Regierung. Aber gerne werden auch von Regierenden Verschwörungen gesehen, selbst Medienvertreter haben zuletzt in der aufgetretenen Kritik Verschwörungen oder Kampagnen ausgemacht. Verschwörungen oder Komplotte gab es immer, sie sind auch jetzt gang und gebe in Politik, Wirtschaft oder Organisationen. Nicht umsonst sind Serien wie "House of Cards" nicht nur beliebt, sie treffen in der Überzeichnung auch wirkliche Strukturen in Politik und Wirtschaft bis hin zum sozialen Alltagsleben.

Mittlerweile hat sich allerdings, vor allem nach 9/11, die Meinung herausgebildet, dass Verschwörungstheorie prinzipiell negativ besetzt ist und Verschwörungstheoretiker Wirrköpfe sind. Der Begriff ist zum inflationär verwendeten Kampfbegriff geworden, um andere Meinungen zu diskriminieren. Tatsächlich haben, nicht zuletzt durch das Internet, Verschwörungstheorien über alles Mögliche große Verbreitung gefunden, die früher nur in kleinen Gruppen oder an Stammtischen ausgebrütet werden konnten. Ähnlich können sich natürlich auch andere minoritäre Ideen oder Meme schneller ausbreiten und Köpfe infizieren, die dafür bereit sind, während sich auf der anderen Seite kollektive Trends ebenfalls verstärken. Verschwörungstheorien können sowohl minoritäre als auch Massenmeinungen sein, wie beispielsweise jetzt, dass Putin alle Stricke zieht und böse Pläne ausheckt, auf die alle nur reagieren können.

Wie auch in öffentlich-rechtlichen Medien Verschwörungstheorien verbreitet werden, demonstrierte kürzlich auf dem tagesschau-Blog der Zweiter Chefredakteur Christian Nitsche:

"Oft sind die Angriffe auf Qualitätsmedien aber auch so geschickt gemacht, dass sie auf den ersten Blick plausibel klingen. Der Nachweis, dass Sachverhalte von oftmals anonymen, gut organisierten Kritikern verdreht und verkürzt werden, entfaltet kaum Wirkung. Eine offenbar angstgesteuerte Wahrnehmung blendet aus, dass eine Kampagne gegen "die Medien" läuft. Das Ziel der Kampagne ist nicht die Stärkung der Demokratie, sie soll vielmehr zu einer Abkehr von Sendern und Zeitungen führen. Im Ergebnis schwächt dies die Demokratie."

Schwierig ist freilich, Verschwörungstheorien von begründeten und wahrscheinlich richtigen Ansichten zu unterscheiden, ohne einem Weltbild anzugehören und bereits vorauszusetzen, was richtig oder falsch ist. Relativ problemlos ließen sich wohl die meisten Religionen als Verschwörungen darstellen. Der (Neo)Liberalismus wäre auch ein gutes Beispiel, der lehrt, sensibel mit den Märkten umzugehen, die jede ungebührliche Einschränkung strafen, als ob es nicht um konkrete Interessen geht. Wie auch immer, Psychologen haben sogar versucht, die Neigung zu Verschwörungstheorien aus einer Weltsicht der Verschwörung abzuleiten, also möglichweise mit einem Hang zur Paranoia. Das beruht darauf, dass Anhänger von Verschwörungstheorien gerne überall Komplotte wittern und auch Anhänger von widersprechenden Theorien sein können. Oft ist es so, dass die aus der Sicht der Normalität als abweichende Verschwörungstheoretiker Gebrandmarkten grundsätzlich den verbreiteten Erzählungen und Argumentationen skeptisch gegenüberstehen. Gut möglich, dass im Fehlen eines großen religiösen oder ideologischen Narrativs, wie es beispielsweise der Kommunismus, der Faschismus oder der Nationalismus bieten, diffuse und partikuläre Verschwörungstheorien sich ausbreiten, um die Welt zu verstehen, deren Dynamik andere als alternativenlos beschreiben, um sich ihr zu fügen.

Britische Psychologen von der University of Kent haben einmal versucht herauszufinden, inwiefern sich Verschwörungstheoretiker und konventionelle Verschwörungsablehner unterscheiden. Dazu untersuchten sie Kommentare von vier großen New-Websites (ABC, CNN, Independent, Daily Mail) zu Artikeln über 9/11 vom 1. Juli bis 31. Dezember 2011, also zehn Jahre nach den Terroranschlägen, als das Thema noch einmal medial aufgekocht wurde. 9/11-Verschwörungstheorien gab es nicht nur zahlreich, es hatte sich auch eine breite und aktive Gemeinschaft der 9/11-Verschwörungskultur herausgebildet, das Truth Movement. Herausgepickt wurden Kommentare, die andere von der eigenen Sicht überzeugen sollten. Ausgeschlossen wurden Metadiskussionen, Beleidigungen oder Drohungen, bloße Verlinkungen als "Argument" und Cut&Paste-Kommentare. Herausgefiltert wurden allerdings nur 2174 Kommentare von 1156 Autoren, was nicht sehr repräsentativ sein dürfte. 1459 wurden als verschwörungsaffin eingestuft.

Schwieriger war denn auch schon die Unterscheidung zwischen Verschwörungstheorien und der Antihaltung. Die Psychologen gingen davon aus, dass die Verschwörungstheoretiker die "offizielle Version" in Frage stellen, dass die Anschläge von einer Verschwörung der Terrorgruppe al-Qaida ausging, sondern dahinter auch das Werk von Regierungen, Geheimdiensten, Unternehmen oder irgendwelcher Organisationen vermuteten.

Das Ergebnis: Verschwörungsaffine Kommentare erwähnten öfter auch andere Verschwörungen und zeigten mehr Misstrauen als die Anhänger der offiziellen Version, die aber eher auf Informationen verwiesen, die ihre Meinung unterstützen. Verschwörungstheoretiker machten hingegen signifikant häufiger auf Informationen aufmerksam, die die offizielle Version in Frage stellen. Nur 19 Prozent der Anhänger der offiziellen Version boten eine Erklärung der 9/11-Anschläge, dafür aber 52 Prozent der Verschwörungstheoretiker. Wer die Norm vertritt, muss sie nicht erklären, gibt aber offenbar eher feindselige Kommentare ab. Wenig verwunderlich, dass beide Parteien sich selbst nicht gerne als Verschwörungstheoretiker bezeichneten, sondern jeweils die andere Seite.

Dass die Verschwörungstheoretiker mehr Zeit investieren, die offizielle Version zu entkräften als umgekehrt, wird als Beleg dafür gewertet, dass ein wesentlicher Bestandteil von Verschwörungstheorien die "Opposition" gegenüber der herrschenden Meinung ist, weniger der Glaube an eine bestimmte Alternative. Man sucht also eher nach Möglichkeiten, um die "offizielle" Version zu unterminieren (Jagd nach Anomalien), als sich für eine bestimmte Erklärung stark zu machen. Die Autoren machen jedoch klar, dass der Begriff Verschwörungstheorie sehr vage ist und es keine Übereinkunft gibt, was genau eine Verschwörungstheorie auszeichnet. Es überwiegt auf beiden Seiten jedenfalls die Neigung, die jeweils andere Seite zu beschuldigen, einer Verschwörungstheorie anzuhängen. Während die einen ihre Skepsis gegenüber der offiziellen Version etwa mit dem Verweis auf das Attentat auf John F. Kennedy aufwerten wollen, weil dies von vielen Amerikanern als Ergebnis einer Verschwörung angesehen wird, vergleichen die "Normalen" die 9/11-Verschwörungstheorien zur Abwertung eher mit abstrusen Vorstellungen, dass Elvis Presley noch lebt oder die Landung auf dem Mond nicht stattgefunden hat.

Die Jagd nach Anomalien oder falschen Daten kennzeichnet für die Autoren die Verschwörungstheorie als Weltsicht. Sie beschreiben sie als eine Art barockes Weltbild oder gar als metaphysisches Unterfangen, was die "Normalen" zu Gläubigen macht, die schlucken, was ihnen vorgesetzt wird: "Allgemein ist der Glaube an Verschwörungen nicht durch bestimmte Theorien begründet, wie Ereignisse geschehen sind …, sondern er geht auf Überzeugungen höherer Ordnung zurück, beispielsweise auf das Misstrauen gegenüber Autoritäten, auf den Glauben, dass nichts so ist, wie es erscheint, oder auf die Überzeugung, dass das Meiste, was uns erzählt wird, eine Lüge ist." Für die Verschwörungstheoretiker gebe es zwei Welten, eine reale, aber meist nicht erkannte, und eine Illusion, die die Wahrheit verdeckt. Danach wären Verschwörungstheoretiker eine Art Platoniker, die das Höhlengleichnis weiterführen, während die Anhänger der offiziellen Version Höhlenbewohner sind, die mit dem Schein zufrieden sind und den nicht hinterfragen wollen.

Interessant ist, wie die Studie von Manchen bewertet wird. Da gibt es eine Website "Forschung und Wissen", die aus ihr die Schlussfolgerung zieht, dass Verschwörungstheoretiker "vernünftiger" seien:

Eine Forschergruppe aus den U.S.A. und Großbritannien, hauptsächlich bestehend aus Psychologen und Gesellschaftswissenschaftlern, haben eine neue Studie vorgestellt, welche darauf schließt, dass Verschwörungstheoretiker entgegen allen Mainstream-Stereotypen vernünftiger sind als Menschen, welche die offizielle Version nicht hinterfragen und umstrittene oder beschrittene Ereignisse einfach akzeptieren.

Die "Mahnwache Hamburg" findet diese Deutung gut und zieht daraus den Schluss: "Wenn man dich einen Verschwörungstheoretiker nennt, sei stolz drauf!" Peinlich tatsächlich auch der Anti-Verschwörungs-Welt-Artikel, auf den die Mahnwache hinweist. Interessant ist freilich auch, dass die Psychologen nicht eruierten, warum die Befürworter der "offiziellen" Version diese vertreten. Da wäre man dann womöglich beim "autoritären Charakter", der mitschwimmt, ohne zu hinterfragen. Allerdings sind womöglich die Vertreter der "offiziellen" Meinung, die in Foren zu 9/11 Kommentare schreiben, selbst nur eine nicht repräsentative Minderheit für ihre Gruppe.

Cover

Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
Als eBook für 4,99 Euro. Mit dem Kauf von Telepolis-eBooks unterstützen Sie das Online-Magazin.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Hochwertiger Kaffee und Espresso aus Costa Rica: Die Telepolis-Edition für unsere Leser

Anzeige
Anzeige

"Es wird wieder einen Crash geben"

Sahra Wagenknecht über Kapitalismus und Marktwirtschaft

Das gekaufte Web Eine kurze Geschichte des Quantencomputers Die berechnete Welt
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.