Im geteilten Deutschland: Die Russen als "Freunde", als Gegner im Kalten Krieg, als Koexistierende

05.01.2015

Russlandbilder in Deutschland, russische Realitäten und deutsche Russlandpolitik - Teil 4

Die politische Gewalt im deutschen Territorium lag nach dem Untergang des "Dritten Reiches" bei den vier Besatzungsmächten. Soweit es zwischen ihnen deutschlandpolitische Übereinstimmungen gab, lösten sich diese schon bald nach Kriegsende auf, der Kalte Krieg brach an, als Konflikt vor allem zwischen den USA und der Sowjetunion.

Stalin auf einer Briefmarke der DDR, 1954. Bild: hochgeladen von Nightflyer/gemeinfrei

Das hatte zwangsläufig einschneidende Wirkungen auch für Deutschland. 1948 wurde mit der separaten Währungsreform in den drei westlichen Besatzungszonen der Zwischenschritt hin zur staatlichen Aufteilung getan, 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet, die Konstituierung der DDR folgte.

Ab 1952/53 wurde deutlich, dass vorerst mit einer gesamtdeutschen Lösung nicht mehr zu rechnen war. Russlandbilder und russlandpolitische Handlungen deutscherseits entwickelten sich infolgedessen getrennt, unter Bedingungen, die durch den Ost-West-Konflikt vorgegeben waren, und unter Aufsicht der jeweiligen externen Vormacht.

Deutschland-Ost: Das Verhältnis zu den sowjetischen "Freunden" - offiziell und im Alltagsbewusstsein

Die sowjetische Regierungspolitik sah in ihrer Besatzungszone zunächst ein gesellschaftsgeschichtliches Provisorium, sie zielte einen gesamtdeutschen Staat an, aus eigenen ökonomischen und außenpolitischen Interessen. Dieses Deutschland sollte zur Neutralität zwischen den Blöcken verpflichtet sein, keine militärische Gefahr darstellen, Reparationen an die Sowjetunion leisten und nicht das Risiko einer Rückkehr zu antikommunistischer Politik enthalten. Die sozialstrukturellen Veränderungen in der SBZ (Enteignung des industriellen Großbesitzes, Bodenreform) schienen sich in die Perspektive einer "antifaschistisch-demokratischen Neuordnung" mit gesamtdeutschem Zuschnitt einzufügen; in dieser Hinsicht gab es in der frühen Nachkriegszeit auch durchaus programmatische Schnittmengen zwischen der SED und Christdemokraten.

Die Zulassung eines Mehrparteiensystems in der SBZ entsprach dieser sowjetischen Linie in der Deutschlandpolitik. Allerdings hatte die ostdeutsche "Neuordnung" unter Führung der SED und in sowjetischer Regie eine problematische Eigendynamik: Sie enthielt eben doch Elemente einer "Bolschewisierung" und bot eben damit auch Anlass und Gelegenheit, sich gegen den "Zonenkommunismus" zu wenden.

Der Entschluss der Sowjetunion zur Gründung der DDR war sicherlich einem Teil der SED-Führung willkommen, aber er entsprang dem Scheitern sowjetischer gesamtdeutscher Pläne; der separate ostdeutsche Staat war "Stalins ungeliebtes Kind" (Wilfried Loth). Kurzzeitige Versuche der sowjetischen Regierung, die deutsche Trennung wieder rückgängig zu machen (etwa die Stalin-Note 1952), blieben ohne Ergebnis. Ab Herbst 1953 hatte die Bevölkerung der DDR sich auf langfristige Eigenstaatlichkeit einzustellen.

Über die politische Abhängigkeit der ostdeutschen Republik von Anweisungen der sowjetischen Regierung konnte kein Zweifel sein; die offizielle Lesart der eigenen Geschichte in der DDR verhüllte aber diesen Sachverhalt, der "Weg in den Sozialismus" sollte als selbständige historische Entscheidung beschrieben werden. Und so bildete sich die staatstragende Rede von den sowjetischen "Freunden" heraus, mit einem ironischen Unterton auch bei manchen SED-Funktionären.

Die in der DDR stationierten sowjetischen Soldaten hielten sich einem Kontakt mit der Bevölkerung fern, aber "Deutsch-Sowjetische Freundschaft" war Staatsdoktrin. Im Alltag der DDR setzte sie sich um in eine Fülle von Übersetzungen russischer Literatur, in wissenschaftliche Kontakten mit Kollegen aus der Sowjetunion, in Studienaufenthalte dort und Reisen dort hin (auch die junge Angela Merkel machte von dieser Möglichkeit Gebrauch), in die Übernahme russischer Begrifflichkeiten. Und Soljanka war Standard in der DDR-Gastronomie, durchaus geschätzt von den Konsumenten.

Aber es wäre weitaus übertrieben, von einer Russifizierung des ostdeutschen Lebens zu sprechen; die sowjetische Vormacht ließ kulturell deutschen Überlieferungen viel Raum, auch solchen, die monarchischen oder bürgerlichen Zeiten entstammten. Die Nationaldemokratische Partei diente in der Politikszene dieser Traditionspflege, Offiziere aus dem "Nationalkomitee Freies Deutschland" wirkten mit beim Aufbau der Nationalen Volksarmee, das Friderizianische kam immer mehr zu Ehren - einem Ideal deutsch-russischer Bundesgenossenschaft widersprach es nicht.

Andererseits existierten auf der deutschen Seite emotional belastend die Erinnerungen an das Elend bei Vertreibung und Flucht oder in der Gefangenschaft, auch an willkürliche Vorgehensweisen der sowjetischen Militäradministration zu Zonenzeiten. Die Demontagen von ostdeutschen Industrieanlagen zum Zwecke der Wiedergutmachung an die Sowjetunion wurden beklagt und Enteignungen von gewerblichem Besitz der Besatzungsmacht angekreidet.

"Der Russe" galt manchen als der Schuldige an persönlichem Unheil oder privaten Nachteilen, und häufig lag hier auch ein Motiv für die Abwanderung nach Westdeutschland. Dennoch - Russenhass wurde nicht zum Gefühlsmuster der Bevölkerungsmehrheit in der DDR. Dagegen standen bei ihr Wahrnehmungenvon Realität : Nicht verdrängt war, dass hitlerdeutsche Politik in der Sowjetunion unermessliche Zerstörungen angerichtet hatte. Gesehen wurde, dass die meisten Menschen im östlichen Siegerland keineswegs im Reichtum schwelgten. Nicht selten begriffen Einwohner der DDR, dass die Bundesrepublik sich der gesamtdeutschen Verantwortung für die materiellen Folgen des nationalsozialistischen Feldzuges gen Osten entzogen hatte, die "Wessis" waren gut davongekommen. Diese Einschätzung hatte ihre historische Richtigkeit...

Zusammenfassend: Völkische oder nationalistische Ressentiments gegen Russland waren keineswegs typisch für die Bürger der DDR, auch wenn die "Freundschaft" mit der Sowjetunion überwiegend als staatliche Pflichtveranstaltung empfunden wurde, inoffiziell. Mehrheitlich wünschte man im ostdeutschen Staat keineswegs einen "Befreiungsschlag" des Westens gegen den Kommunismus herbei; der Zweite Weltkrieg war noch nicht vergessen. Und mit stiller Sympathie nahmen hier die meisten Menschen jene Veränderungen zur Kenntnis, die sich mit Chruschtschows Rede über Stalin im sowjetischen Selbstverständnis anbahnten; ein ziviles Verhältnis zwischen West und Ost hatte damit mehr Chancen.

Deutschland West: Erst Frontstaat gegen "den Osten", dann "Wandel durch Annäherung"

Der westdeutsche Teilstaat wurde gegründet in der Absicht, ihn fest in westliche politische und wirtschaftliche Strukturen einzubinden, bei den gesellschaftlichen Eliten mit dem Kalkül: "Besser ein halbes Deutschland ganz als ein ganzes Deutschland halb." Diese Ausrichtung ermöglichte auch den baldigen Zugang westdeutscher Industrie zum Weltmarkt und damit das "Wirtschaftswunder".

Ein Bürgerblock unter Führung der CDU/CSU bestimmte die Regierungspolitik, die Sozialdemokratie befand sich in der Opposition. Übereinstimmung zwischen beiden Lagern bestand jedoch in der Frontstellung gegen den Kommunismus, was überkommene Antipathien gegen "den Russen" mit einschloss. Konrad Adenauer als Kanzler war jeder Sympathie für nationalsozialistische Weltbilder unverdächtig, er hielt es aber für taktisch klug, die "Entnazifizierung" nicht rigoros zu gestalten, ehemalige Funktionsträger des NS-Systems weiter oder wieder zu verwenden und für seine Politik zu nutzen.

Auch dadurch ergaben sich manche Kontinuitäten zwischen dem Antikommunismus des "Dritten Reiches" und dem in der Frühzeit der Bundesrepublik. Die Propagandaorganisation "Volksbund für Frieden und Freiheit" etwa, von US-Diensten und der Bundesregierung finanziert, wurde gesteuert von einem Experten für antikommunistische Agitation aus dem ehemaligen NS-Personal. Vor der Wahl zum Bundestag im Jahre 1953 setzte die CDU gegen die SPD ein infames Plakat ein, auf dem zu lesen war: "Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau", und abgebildet war darauf eine "Fratze des Bolschewiken" in exakt dem gleichen Stil wie in der NS-Propaganda.

Die Bundesrepublik setzte die Wiederaufrüstung in Gang, der Anschluss an die NATO kam zustande. In der westdeutschen Politik spielte zunächst auch die Spekulation mit, die Sowjetunion könne militärisch niedergerungen werden. Aber der Gedanke an einen neuen Ostfeldzug war realitätsfern. Der Pragmatiker Adenauer ließ sich nun auf Gespräche mit der sowjetischen Regierung ein; diplomatische Beziehungen zu Moskau wurden 1955 angebahnt, wenngleich mit großen Vorbehalten. Dem Kanzler lag auch daran, auf diese Weise ein innenpolitisches Problem zu lösen: Es regten sich zeitweise neutralistische, auf eine gesamtdeutsche Lösung zielende Tendenzen, warnend vor den Gefahren eines neuen Krieges. Sie sollten taktisch ruhig gestellt werden.

Im ideologischen Bestand der regierenden westdeutschen Politik blieb erst einmal Antikommunismus erhalten, 1956 wurde die KPD verboten, die Verfolgung von Kommunisten oder solchen politisch aktiven Menschen, die dazu erklärt wurden, ging weiter. "Russophilie" und "Ostorientierung" galten als verdächtig.

Dann aber setzte sich in der westdeutschen Sozialdemokratie seit Anfang der 1960er Jahre ein neues ostpolitisches Konzept durch; Willy Brandt und Egon Bahr plädierten für einen Weg des "Wandels durch Annäherung". Die CDU/CSU ließ sich allmählich und unter viel Widerständen auf eine solche Politik ein, nachdem die SPD in Wahlen stärker geworden und eine zeitweilige Große Koalition in Bonn nicht vermeidbar war. Auch die FDP plädierte für mehr Normalität im Verhältnis der Bundesrepublik zur Sowjetunion. Der Moskauer Vertrag von 1970 bestätigte diesen Kurs.

Der aggressive Antikommunismus verlor in der Bundesrepublik an Akzeptanz, Russenhass war nicht mehr gesellschaftsfähig. Dazu trug bei die historisch bildende, nun nicht mehr abzudrängende Aufklärung über die Staatsverbrechen des "Dritten Reiches" im "Ostraum".

Systemkonkurrenz in friedenserhaltender Koexistenz war nun für eine Epoche westdeutscher Politik die dominierende Idee, das dauerte an bis in die Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, die nur unter sowjetischer Zustimmung möglich gewesen war. Nach dem Zerfall der Union der Sowjetrepubliken und dem Abschied der dortigen kommunistischen Partei von der Staatsmacht hatte das nicht mehr geteilte Deutschland sein Verhältnis zu Russland neu zu bestimmen und die Suche nach der "russischen Seele" setzte sich fort. Zum gegenwärtigen, beunruhigenden Stand siehe Teil I dieser Serie: Russischer Drang zu weltpolitischer Größe? Oder Russland als Failing State?

Literatur:

Biermann, Werner/ Klönne, Arno: Das Große Spiel. Deutsche Wirtschaft und Weltpolitik vom Kaiserreich bis heute; Köln 2009

Brandt, Peter: Das deutsche Bild von Rußland und den Russen; Jahrbuch Iablis, Berlin 2002

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