Macht Agro-Chemie autistisch?

05.01.2015

MIT-Wissenschaftlerin stellt Zusammenhang zwischen Glyphosat und Autismusrisiko her

Im Jahr 2025 könnte jedes zweite amerikanische Kind autistisch sein, wenn Glyphosat weiterhin massiv auf die Äcker gebracht wird, behauptet Stefanie Seneff, Senior Resaercher am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sie untersuchte den Anstieg von Autismus-Diagnosen in den letzten Jahrzehnten und stellte eine Verbindung mit dem vermehrten Einsatz von Glyphosat her.

Die Chemikalie wird speziell bei gentechnisch veränderten Pflanzen eingesetzt. Seneffs Ansatz ist umstritten und wurde als unwissenschaftlich kritisiert. Nachdem Glyphosatrückstände in Muttermilch gefunden wurden, steigt allerdings auch in der amerikanischen Öffentlichkeit der Widerstand gegen die Glyphosat. Dass bestimmte Agro-Chemikalien das Autismus-Risiko signifikant erhöhen können, zeigte indes eine anerkannte Studie der US-Epidemiologin Irva Hertz-Picciotto. Sie machte aber andere Pestizide als besonders gefährlich aus.

Dass gentechnisch veränderte Lebensmittel eine Gefahr für die Gesundheit darstellen können, ist eine weit verbreitete Sorge in der Bevölkerung. Doch die Einschätzung von Gesundheitsgefahren gestaltet sich als ein schwieriges Unterfangen. Der wissenschaftliche Nachweis einer einzelnen Ursache für spezifische Erkrankungen lässt sich nicht so einfach erbringen. Selbst gentech-kritische Organisationen haben sich bei diesem Thema in den letzten Jahren zurückhaltend gezeigt und sich stärker auf die ökologischen Auswirkungen konzentriert.

Bedenken gegenüber Glyphosat tauchen in letzter Zeit aber wieder häufiger auf. Glyphosat ist ein wesentlicher Bestandteil von Roundup, einer Agro-Chemikalie aus dem Hause Monsanto, die bei herbizidtoleranten Gentech-Pflanzen gesprüht wird. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Total-Herbizid, das jede andere Pflanze am Acker außer der ausgebrachten Gensaat vernichten soll.

Das in den 1970er-Jahren zugelassene Mittel wurde zunächst als "Revolution" gefeiert, da es als weitaus weniger schädlich für die Umwelt propagiert wurde als andere damals gängige Herbizide. Mit der Ausbreitung von Gentech-Pflanzen und dem vermehrten Einsatz glyphosathaltiger Spritzmittel häufen sich aber die Probleme. In Argentinien rief der Gentech-Soja-Boom Ärzte auf den Plan. Miss- und Fehlgeburten ebenso wie der Anstieg bei Krebserkrankungen wurden mit dem massiven Ausbringen von Glyphosat in Verbindung gebracht (Gier, Gift und kranke Kinder. Monsanto rechtfertigt sich damit, dass die Chemikalie nicht ordnungsgemäß angewendet worden wäre.

Rapider Anstieg des Glyphosatverbrauchs

Doch selbst in den USA, im Mutterland der Gentech-Pflanzen, mehren sich kritische Stimmen. Die Elektroingenieurin und Biophysikerin Dr. Stefanie Seneff vom MIT erforscht seit einigen Jahren den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit. In einem im Oktober 2014 gehaltenen Vortrag stellte sie Hypothesen und Diagramme zu ihren statistischen Autismus-Auswertungen vor. Unter anderem verwies sie auf eine statistische Auswertung, wonach mit dem Anstieg von Glyphosat-Ausbringung auch Autismus-Erkrankungen massiv anstiegen. Der Faktor lag danach 1975 bei 1:5000 während wir heute bereits bei 1:68 in den USA liegen würden, so Seneff.

Anstieg der Glyphosat-Ausbringung in den USA. Grafik: Nancy Swanson

Bei dieser Rate, müsse man davon ausgehen, dass 2025 jedes zweite Kind in den USA autistisch wäre, warnte die Wissenschaftlerin bei ihrem Vortrag provokant. Diese Prognose ist sicherlich gewagt. Denn die Aussagekraft derartiger Korrelationen wird unter Experten kontrovers diskutiert. Viele Wissenschaftler halten das schlicht für Humbug. Was aber mit der Grafik sicher gelungen ist, ist die Visualisierung des enormen Anstiegs der Verwendung von Glyphosat in den vergangenen Jahrzehnten. 1996 wurden erstmals in den USA transgene Sojabohnen für den Anbau zugelassen und dann ging es mit dem Glyphosatverbrauch rapide bergauf.

Beeinträchtigung der Darmflora?

Stefanie Seneff und Anthony Samsel veröffentlichten einen Artikel unter dem Titel "Glyphosate's Suppression of Cytochrome P450 Enzymes and Amino Acid Biosynthesis by the Gut Microbiome: Pathways to Modern Diseases" April 2013 in dem interdisziplinären Wissenschaftsmagazin Entropy. Das Breitbandherbizid wird darin mit einer Reihe von Krankheiten in Verbindung gebracht.

Seneff geht offenbar davon aus, dass mit der Aufnahme von Glyphosat über Nahrungsmittel die Darmflora und letztlich das Immunsystem beeinträchtigt werden könnten. Ähnliche Vermutungen gab es bereits früher.

2012 publizierte das deutsche Bundesinstitut für Risiko-Bewertung ein entsprechendes Mitteilung, wonach das Risiko als vernachlässigbar aufgrund der aktuellen Datenlage eingestuft wurde. Eine ablehnende Stellungnahme zu der Seneff-Darstellung gibt es zudem von Seiten der Chemieindustrie. Auf der industriefinanzierten Website Glyphosat.de , welche sich für die Wiederzulassung von Glyphosat in der EU einsetzt (2015 würde die Zulassung auslaufen, das Mittel wird derzeit einer erneuten Prüfung unterzogen), wird die fachliche Kompetenz der MIT-Forscher in Frage gestellt, zumal diese weder Biologie noch Medizin studiert hätten.

Es gibt aber auch Forscher mit einschlägiger fachlicher Ausbildung, die inzwischen vermuten, dass Glyphosat wichtige Darmbakterien in Mitleidenschaft zieht. In Zusammenhang mit der Rinderkrankheit Botulimus könnte die Wirkungsweise der Chemikalie eine Rolle spielen. Problematische Auswirkungen fanden etwa Veterinärmediziner von der Uni Leipzig. In dem Telepolis-Artikel Botulismus: Botulismus - torkelnder Tod im Rinderstall verweist die Autorin Susanne Aigner auf eine ganze Reihe von durchaus relevanten Studien.

In den USA gilt der emeritierte Professor für Pflanzenpathologie, Don M. Huber, als scharfer Kritiker des "überbordenden" Einsatzes von Glyphosat. Es ist vor allem die Masse mit der das Breitbandherbizid heute ausgebracht wird, die kritischen Forschern Sorge bereitet. Die Diskussion flammte vergangenes Jahr wieder auf, als die Anti-GMO-Aktivistengruppe Moms Across America und Sustainable Pulse Muttermilch testen ließen und in einigen Samples enorm hohe Glyphosatkonzentrationen fanden.

Ein Jahr zuvor hatte bereits die Umwelt-NGO Friends of the Earth Glyphosat in Urin gefunden. Und ÖKO-Test fand Spuren in Haferflocken, Mehl und anderen Backwaren.

Moms Across America holte für die Präsentation ihrer Ergebnisse verschiedene wissenschaftliche Statements ein. Angelika Hilbeck, Wissenschaftlerin am Institut für Integrative Biologie in Zürich, schrieb, dass man nun Indizien hätte, dass sich Glyphosat doch im Körper ansammle. Das wurde bisher von Herstellern und Firmenwissenschaftlern dementiert. Aktivisten und verschiedene Wissenschaftler wünschen sich von den Zulassungsbehörden in der EU und den USA eine Neubewertung des Breitbandherbizids. Insbesondere die Grenzwerte sollten überdacht werden. Dazu berichtet Global 2000 (Friends of the Earth):

2002 wurde im Rahmen der Zulassung für Glyphosat ein ADI (acceptable daily intake) von 0,3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt. Der ADI bezeichnet die Menge an Glyphosat, die ein Mensch nach Meinung der Behörden täglich ohne Bedenken zu sich nehmen kann. Der Wert von 0,3 mg/kg liegt deutlich höher als die Werte von 0,05 bis 0,15mg/kg, für die sich einige Hersteller ausgesprochen hatten. Eine unabhängige Studie aus dem Jahre 2012 schlägt sogar einen Wert von 0,025 mg/kg vor.

Glyphosat wird sicher weiter umstritten bleiben. Dass tatsächlich ein Zusammenhang mit dem Anstieg verschiedener Krankheiten - speziell mit Autismus – in absehbarer Zeit nachgewiesen werden kann, ist eher unwahrscheinlich.

Bestimmte Pestizide erhöhen das Autismus-Risiko

Allerdings gibt es eine andere US-Studie, die ebenfalls Agro-Chemikalien (allerdings bestimmte Pestizide, nicht das Herbizid Glyphosat) in Verbindung mit Autismus bringt. Sie ist von der Methodik her wesentlich schlüssiger als die Darstellung von Seneff. Durchgeführt wurde die Untersuchung von Irva Hertz-Picciotto, Epidemiologin an der Davis-University, California. Sie stellte fest, dass Föten offensichtlich besonders empfindlich auf Agro-Chemikalien reagieren.

Die international renommierte Wissenschaftlerin beschäftigt sich seit 2002 intensiv mit Autismus. Für die Untersuchung wurden die Daten von 970 Frauen aus dem kalifornischen Autismus-Forschungsprogramm CHARGE analysiert. Das Forscherteam verglich die Wohnorte mit den Daten über die dort ausgebrachten Pestizide und den gemeldeten Autismus-Fällen sowie neurologischen Entwicklungsverzögerungen bei Kindern.

Dabei stellte sich heraus, dass Frauen, welche während der Schwangerschaft in der Nähe von landwirtschaftlichen Betrieben lebten, die Pestizide eingesetzt hatten, ein signifikant höheres Risiko aufwiesen, ein autistisches Kind zu gebären. Ein Drittel der betroffenen Frauen lebte während der Schwangerschaft in einem Umkreis von ca. 1,5 Kilometer zu diesen Betrieben.

Im Kontext der Seneff-Darstellung, bleibt nochmals hervorzuheben, dass die Wissenschaftler um Hertz-Picciotto Pestizidausbringungen ins Visier genommen hatten. Speziell sogenannte Organophosphate, Pyrethroide und Carbamate wirken sich offensichtlich besonders problematisch aus. Die Forscher räumen ein, dass weitere Studien zur genauen Abklärung nötig sind. Sie gehen aber davon aus, dass man mit dieser Untersuchung einen weiteren Umwelt-Faktor für neurologische Entwicklungsstörungen aufzeigen konnte.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Oma wird nicht überfahren

Können Roboterautos ethische Entscheidungen treffen?

Cover

Der halbe Hegemon

Rückkehr der "deutschen Frage" und die Lage der EU

Datenschatten SETI 9/11 - Der Kampf um die Wahrheit
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.