Roboselfies

01.02.2015

Wie Roboter von Selfies profitieren

Erst klassische Selfies, dann aufwendige Dronies. Arme werden gestreckt, Hände gehoben. Quadrocopter kreisen über Köpfen. Die Ergebnisse wandern in die partizipativen und die traditionellen Medien. Dann Selfiestangen, die vor der Mona Lisa im Louvre in Paris in die Luft ragen, vor dem Parthenon auf der Akropolis über Athen. Manche sprechen von einer Verschandelung der realen und virtuellen Räume oder einem Wandel der Moral. Andere sehen das künstlerische Potenzial. Dass Roboter Selfies schießen, wird kaum gewusst. Ob sie noch mehr schießen sollten, wäre zu diskutieren.

Allein im Weltraum

Von Weltraumrobotern im weitesten Sinne, von Sonden, Landern und Rovern, kennt man Selfies bereits seit geraumer Zeit. Sie sind in der Ferne unterwegs, sie sind allein, geradezu einsam, und was liegt näher, als ein Foto von sich selbst zu knipsen und es an die Daheimgebliebenen zu schicken, an die Kohlenstoffeinheiten der Erde. Begriffe wie "space robot selfies" und "rover selfies" verdeutlichen das Spektrum der "space selfies". Auch selbstreferenzielle Schnappschüsse von Metall-Plastik-Kombinationen sind im WWW zu finden sowie das "robot selfie video".

Auf news.discovery.com wurden die Top 10 der interplanetarischen Roboterselbstbildnisse zusammengestellt. Curiosity beeindruckt im Jahre 2012 mit großer Schärfe und komplexer Schönheit. Hinter dem Roboter erhebt sich ein Marsberg. Am staubigen Boden fallen die Abdrücke der Breitreifen auf. Das Foto auf der Website wurde, so der Autor des englischsprachigen Beitrags, mit einem der Arme aufgenommen. Ein Selfie par excellence. Ein früheres Marserkundungsfahrzeug muss ein bisschen tricksen. Die Kamera von Viking 2 ist fest verbaut, kann aber vom Höhenunterschied profitieren. Offenbart werden geradezu intime Bereiche. Kein Wunder im Jahre 1976, als Roboporn noch nicht verpönt war.

Die Weltallreisenden haben sich nicht nur auf dem Mars von ihrer besten Seite gezeigt. Auch auf der Venus haben sie sich abgelichtet, wie Venera 13 im Jahre 1982. Im Hintergrund der Planet, der Luzifer hieß, Lichtbringer, bis die Kirche den Namen in den Schmutz gezogen hat, und den man heute noch, je nach Tageszeit, als Morgen- oder Abendstern begrüßt. Der zwischen der Kamera und der steinigen Oberfläche sichtbare Teil der Maschine wirkt wie ein Strahlen- oder Zahnradkranz. Es handelt sich um die gezackte Landeapparatur, die wie zufällig in das Sichtfeld geraten ist. Eine einprägsame Variante hat Hayabusa im Jahre 2005 gewählt. Als das wenig bekannte Flugobjekt den kartoffelförmigen Asteroiden Itokawa erreicht, hat es die Sonne in seinem Rücken. Es fackelt nicht lange und fängt seinen Schatten ein, der je nach Geschmack an die japanische Flagge oder einen römischen Katamaran aus dem Punischen Krieg erinnert.

Curiosity. Bild: Nasa

Das jüngste Motiv der astronomischen Sammelbilder ist Philae. Bevor der Lander, der sich Ende 2014 im Weltall von der Sonde Rosetta - die in den TOP 10 bereits erwähnt wird - getrennt und sich auf mehr oder weniger festen Grund begeben hat, in den Dornröschenschlaf gesunken ist, hat er ein Selfie an die Erde geschickt. Genau genommen ein Bild von seinem Bein, mitsamt Eisschraube und Seismometer. Im Hintergrund ist Komet Tschuri zu sehen mit seinen Ecken und Kanten. Erst wenn die Sonne den kleinen Roboter wachgeküsst hat, kann er wieder an Selfies denken. Oder an andere Fotografien, die seine terrestrischen Anhänger entzücken.

Selfie von Philae. Bild: ESA

Ich, der Robot

Können die Roboselfies, wie sie hier genannt werden sollen, einem bestimmten Zweck dienen und zur Weiterentwicklung und zum Selbstlernen beitragen? Die Weltraumbilder sind für die Ingenieure da, die den Zustand der Außenhaut, der Vorrichtungen und Instrumente überprüfen möchten. Man verlässt sich nicht allein auf Rückmeldungen, sondern nimmt etwas in Augenschein. Womöglich hätte Philae mehr Beweglichkeit beim Posen geholfen. Der Boden, die Berge, die Aliens geraten mit aufs Bild, sehr zur Freude des Weltraumforschers, der auf das Vordrängen des Roboters gerne verzichten würde. Wobei ihm dieses die Einschätzung der Größenverhältnisse erleichtert. Zudem können die Reflexionen auf der Metallhaut etwas über die Lichtverhältnisse und die Atmosphäre aussagen, die Abdrücke auf dem Boden etwas über dessen Beschaffenheit, wie damals bei Armstrong und Aldrin, als Tiefe und Schärfe der Fußspuren verblüfften.

Für die Roboter selbst sind die Selfies ebenso von Bedeutung. Zumindest mag man mit etwas Phantasie und ein paar Grundkenntnissen in Robotik relevante Fragen aufwerfen: Kann der Roboter neues Wissen über seine Umwelt und seinen Standort gewinnen? Kann er dieses zur Optimierung der Fortbewegung einsetzen, wie die Einsicht, dass Gefahren sowohl vor einem als auch hinter einem lauern? Kann er seine Mimik und Gestik interpretieren und sein Verhalten reflektieren und optimieren? Kann er zum Beispiel, im Vergleich mit menschlichen Gesichtern, seinem Lächeln, das er anhand des Selfies studiert, zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen? Kann er nach und nach ein "Selbstbewusstsein" (ein Bewusstsein von sich selbst) erlangen oder sich zumindest im Spiegel erkennen? Ich, der Robot. Ich mache ein Selfie, also bin ich.

Ein Spiegel, wird man einwenden, reicht dem gewöhnlichen Roboter vollkommen. Dieser friert die Reflexion, die er wahrnimmt, ein und wertet sie so lange aus, wie er möchte. Mit Selfies (ob mit dem Arm, dieser angewachsenen Selfiestange, oder über die Bande des Spiegels geschossen) vermag er aber noch mehr: Er kann anderen Maschinen (und Menschen) zeigen, wie er aussieht, er kann auf sich hinweisen, er kann für sich werben. Er kann Eindruck schinden und Feedback erhalten. Wenn Android und Gynoid eines Tages eine Entenschnute ziehen, weiß der Robotiker, dass der Durchbruch geschafft ist.

Neue Transformers

Wir sind, ganz nebenbei, bei humanoiden Robotern angelangt, haben uns weit entfernt von den Weltraumrobotern, die in Form und Funktion eine Mischung aus Industrierobotern und Flug- bzw. Fahrzeugen sind. Wir haben im Ungewissen gelassen, ob wir Pflege- und Therapieroboter meinen, die sich immer mehr verbreiten, auch in tierischen Formen, oder Sexmaschinen, die erst eine Nische besetzen, geradezu ein Séparée.

Wir sollten erneut einen Blick in die Zukunft werfen. Die Selfies, mit denen wir uns heute schmücken, zeigen uns morgen, wie alt und anders wir geworden sind. Wir sind von Natur aus transformierende Wesen. Wir wachsen heran und bilden uns aus, wir zerknittern und verfallen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Transformation für Roboter eine Rolle spielen wird. Softwareroboter, also Bots, haben damit schon heute kein Problem. Der Avatar ist die Hülle, die sich ein Gott übergestreift hat, um die Welt zu erkunden, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Der Computergott kann jede Hülle aussuchen, die ihm gefällt. Hardwareroboter werden die Transformation ebenfalls beherrschen, wie die bekannten Spielzeugfiguren, die über Zeichentrick- und Spielfilme vermarktet werden.

Man müsste nun weit ausholen, um diese These zu erklären und zu erhärten. Man müsste 3D-Drucker erwähnen, die Produktion von Teilen, die in verschiedener Weise kombiniert werden können, eine alte Idee, die eine alte Spielzeugfirma genial umgesetzt hat. Man müsste Roboter betrachten, die sich und andere zusammenbauen, auseinanderbauen, wieder zusammenbauen, man müsste die Zukunft als Umgebung schildern, die sich ständig verändert und an die sich eine moderne Maschine anpasst, ganz alleine oder mit der Hilfe ihrer Artgenossen. Eine nicht immer freundliche Umwelt, wo es ums Überleben geht, ums Weiterexistieren, im Unterschied zu den Menschen, die irgendwann nicht mehr sind. Wo man sich an einem Tag klein machen muss, an einem anderen groß, wo man in einer Stunde schnell sein muss, in einer anderen langsam, in einer Sekunde hässlich, in einer anderen schön.

Damit der Roboter nicht vergisst, wer er ist, wem er mit diesem Aussehen begegnet ist und was er in dieser Hülle getan hat, fertigt er Selfies von sich an. Sie zeigen ihm, wie alt und anders er geworden ist, und sie helfen ihm damit, seine Identität zu bewahren.

Bin ich nicht geil?

Mit Weltraumrobotern hat der Beitrag begonnen. Was ist mit anderen Robotern, etwa mit selbstständig fahrenden Autos? Diese könnten von Selfies profitieren, wenn sie im Ruhemodus sind und der Fahrer bzw. Beifahrer sich entfernt hat. Wie ist der Zustand in diesem Moment? Sind Schäden durch einparkende Autos entstanden?

Ohne Zweifel spielen hier Sensoren aller Art eine Rolle. Aber die Carcam (und mit ihr das Roboselfie) hat eine besondere Bedeutung. Eine Delle könnte akkurat erkundet, der Betrag, der fällig wird, fundiert berechnet werden. Roboterautos werden nach einem Unfall vielleicht in der Lage sein, selbstständig miteinander zu verhandeln und selbst die Kosten zu erstatten. Wobei es wahrscheinlicher wäre, dass eine beteiligte Partei ein Mensch und die Diskussion mit ihm zu führen ist.

Der Disput zwischen uns und den Maschinen wird zum Unerfreulichsten gehören, was die Welt bis dahin erlebt hat. Neben selbstständig fahrenden Autos müssten noch weitere Robotertypen auf ihre Selfietauglichkeit hin untersucht werden, wie (teil-)autonome Drohnen und die erwähnten Pflege- und Therapieroboter. Sexroboter könnten nach vollbrachter Tat, also nach der Autoaufnahme, ausrufen: "Bin ich nicht geil?" Ob wir das wollen, wäre noch zu diskutieren.

Oliver Bendel ist Leiter des Kompetenzschwerpunkts Digital Innovation & Learning (DIL) des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

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Nora S. Stampfl
Die berechnete Welt
Leben unter dem Einfluss von Algorithmen
Als Buch bei Telepolis erschienen

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