Autismus-Epidemie führt zu schlechten Studien

08.01.2015

Nach Impfungen sollen nun Pestizide als Ursache für Autismus herhalten

In einem Beitrag (Macht Agro-Chemie autistisch?) für Telepolis berichtete Brigitte Zarzer über eine Studie und eine Präsentation, die angeblich einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Pestiziden und steigenden Autismus-Diagnosen herstellen. Doch einer kritischen Analyse halten die Quellen nicht stand. Der Hintergrund ist die Suche nach einer Ursache für eine angebliche Autismus-Epidemie. Doch es gibt Zweifel daran, ob diese Autismus-Epidemie überhaupt existiert.

Kein Zweifel besteht daran, dass die Zahl der Autismus-Diagnosen enorm gestiegen ist. Doch von steigenden Diagnosezahlen darauf zu schließen, dass es auch zu mehr Autismus-Fällen kam, ist ein Fehlschluss. Viele Fachleute halten den Anstieg der Diagnosen lediglich für eine Folge von veränderten Diagnosekriterien und einer stärkeren öffentlichen Wahrnehmung von Autismus.

Diagnosekriterien im Wandel

Die Diagnosekriterien für Autismus wurden in den vergangenen Jahren mehrfach überarbeitet. Das Verständnis davon, was Autismus ist, wurde dabei immer wieder modifiziert. So wurde in den frühen 1990er Jahren die Idee etabliert, dass es sich bei Autismus um ein komplexes Spektrum handelt und dass es sehr unterschiedliche Formen von Autismus gibt. Insbesondere das so genannte Asperger-Syndrom wurde fortan als Teil des Autismus-Spektrums angesehen. Inzwischen ist man noch einen Schritt weiter gegangen und betrachtet das Asperger-Syndrom überhaupt nicht mehr separat. In den DSM-Kriterien der American Psychiatric Association (APA) taucht das Asperger-System nicht mehr auf und es ist nur noch von verschiedenen Ausprägungen des Autismus-Spektrums die Rede.

Dass veränderte Diagnosekriterien zu mehr oder weniger Diagnosen führen können, ist banal. Wenn die Definition dessen, was Autismus ist, sich verändert, verändert sich auch die Zahl der Personen, die betroffen sind. Doch neben veränderten Diagnosekriterien gibt es noch einen weiteren sehr naheliegenden Grund für steigende Diagnosezahlen: Die gesteigerte Aufmerksamkeit für das Thema führt dazu, dass mehr Menschen überhaupt einen entsprechend geschulten Psychologen aufsuchen, um einen Autismus-Verdachtsfall zu untersuchen.

Doch trotz dieser naheliegenden Erklärungen ist die Vorstellung einer Autismus-Epidemie insbesondere in den USA weit verbreitet. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern hat sich auf die Suche nach der Ursache für die Autismus-Epidemie gemacht. Daneben gibt es eine ganze Industrie, die sich der Vermarktung von fragwürdigen Behandlungs- oder gar Heilmethoden für Autismus verschrieben hat. Teilweise sind diese Therapien nicht nur nutzlos, sondern hochgradig gefährlich. In Deutschland hat in den letzten Jahren etwa ein Heilmittel namens Miracle Mineral Supplement (MMS) immer mehr Anhänger gefunden. MMS ist eine verdünnte Chlorverbindung und hochgradig giftig, doch das hält manche Eltern von autistischen Kindern nicht davon ab, diese damit zu behandeln.

Impfungen als angebliche Autismus-Ursache

1998 veröffentlichte der britische Arzt Andrew Wakefield eine Studie in der medizinischen Fachzeitschrift Lancet, die einen Zusammenhang zwischen Autismus bei Kindern und der Kombinationsimpfung für Masern, Mumps und Röteln (MMR) nahelegte. Wakefields Studie bezog sich nur auf zwölf Einzelfälle. Das alleine wäre schon Grund genug, dieser Studie keine weitere Beachtung zu schenken. Doch eine Reihe weiterer Ungereimtheiten wurden später bekannt. Recherchen des Journalisten Brian Deer deckten auf, dass Wakefield Geldzahlungen von Anwälten erhalten hatte, die eine Klage gegen Hersteller von Impfstoffen vorbereitet hatten. Wakefield selbst hielt ein Patent auf Einzelimpfstoffe, die er als Alternative zur MMR-Impfung empfahl. Mehrere von Wakefields Co-Autoren haben sich später von der Studie distanziert und das Lancet hat sie 2010 zurückgezogen. Wakefield wurde im Vereinigten Königreich die Lizenz als Arzt zu praktizieren entzogen.

Doch die Wakefield-Studie hatte trotz ihrer mangelhaften Qualität und der offensichtlichen Interessenskonflikte große Auswirkungen. Impfgegner berufen sich bis heute gerne auf einen angeblichen Zusammenhang von Impfungen und Autismus, obwohl groß angelegte epidemiologische Studien keinen derartigen Zusammenhang finden konnten.

Informatikerin übt sich in Epidemiologie

Stephanie Seneff arbeitet am MIT, am Institut für Informatik und Künstliche Intelligenz. Eine Qualifikation in Sachen Epidemiologie oder gar zum Thema Autismus ist bei ihr nicht festzustellen. Seit einiger Zeit hat Seneff offenbar Interesse am Thema Autismus gewonnen. Es spricht natürlich nichts dagegen, wenn auch fachfremde Wissenschaftler sich mit Autismus beschäftigen, aber dann sollte zumindest ein grundlegendes Verständnis für die statistischen Hintergründe vorhanden sein.

Bereits 2012 veröffentlichte Seneff eine Studie, in der sie anhand von Daten des sogenannten VAERS-Programms in den USA neben Impfungen auch Quecksilber, Aluminium und Paracetamol als mögliche Ursache für Autismus ausmachte. VAERS steht für Vaccine Adverse Effects Reporting System und ist ein Projekt der US-Behörde CDC. US-Bürger können hier Verdachtsfälle von Impfnebenwirkungen melden.

Der Arzt David Gorski weist in einem Blogbeitrag auf ein sehr grundsätzliches Problem mit den Daten aus dem VAERS-Programm hin. Die Daten sind lediglich dafür gedacht, als Frühwarnsystem zu dienen, um mögliche Nebenwirkungen zu identifizieren, sie sind aber alles andere als zuverlässig. Jeder US-Bürger kann dort Daten eintragen und sie werden nicht geprüft. Als Grundlage für eine epidemiologische Studie sind derartige Daten absolut ungeeignet. So gelang es einem Spaßvogel bereits, einen Eintrag in der VAERS-Datenbank anzulegen, in dem er behauptete, seine Tochter habe sich nach einer Impfung in die Comicfigur Wonderwoman verwandelt.

Dass eine solche Datenbank keine zuverlässigen Daten liefert, sollte klar sein. Sie kann lediglich Hinweise geben auf mögliche Zusammenhänge, die anschließend näher untersucht werden können. Auch die weiteren Schlussfolgerungen von Seneff sind kaum nachvollziehbar.

Jüngst hat Seneff mit ähnlich fragwürdigen Methoden eine weitere Ursache von Autismus identifiziert: das Pflanzenpestizid Glyphosat. Bekannt ist das vor allem unter dem Markennamen Roundup, unter dem es von der US-Firma Monsanto vermarktet wird. Als Beleg führt Seneff dabei eine Korrelation der Autismusdiagnosen mit dem Gebrauch des Pflanzenschutzmittels im Zeitraum von 1990 bis 2010 an. Diese Ergebnisse wurden zumindest bislang nicht in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht, es handelt sich lediglich um Thesen, die Seneff im Rahmen eines Vortrags präsentiert hat.

Korrelationen alleine sind generell nicht geeignet, Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge herzustellen. Doch bei den beiden Kurven, die Seneff präsentiert, handelt es sich um ein relativ simples exponentielles Wachstum. Praktisch aus allen Faktoren, die innerhalb der letzten Jahrzehnte deutlich gewachsen sind, ließe sich eine ähnliche Kurve konstruieren. Skeptiker verweisen dabei gerne auf eine Grafik, die einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Kauf von Biolebensmitteln und Autismusdiagnosen herstellt. Das ist natürlich ebenso Unsinn, es macht aber deutlich, dass derartige Zusammenhänge wenig Aussagekraft haben.

Neben dem Zusammenhang von Autismusdiagnosen und dem Glyphosateinsatz hat Seneff eine weitere kontroverse These parat. Demnach würde im Jahr 2025 jedes zweite Kind autistisch sein. Seneff nutzt dabei lediglich Zahlen aus der Vergangenheit und extrapoliert ein exponentielles Wachstum. Wenige Jahre später wäre nach dieser Logik die gesamte Bevölkerung autistisch.

Neben den wenig plausiblen Daten von Stephanie Seneff zitiert Brigitte Zarzer eine Studie von Irva Hertz-Picciotto. Die Forscherin der University of California in Davis hatte 2009 bereits in einer Studie mit Fallzahlen aus Kalifornien argumentiert, dass Veränderungen bei den Diagnosekriterien und einige andere Faktoren die steigenden Autismusdiagnosen nicht erklären könnten. Andere mögliche Faktoren ließ Hertz-Picciotto aber außen vor, was sie in der Schlussfolgerung der Studie sogar explizit erwähnt. Das hielt die Forscherin jedoch nicht davon ab, später in einer Pressemitteilung zu behaupten, dass man nun nach Ursachen in der Umwelt für die steigenden Autismusfälle suchen müsste.

Das Ergebnis dieser Suche präsentierte Hertz-Picciotto im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift Environmental Health Perspectives. In einer Fall-Kontroll-Studie untersuchte das Team von Hertz-Picciotto 970 Fälle von Kindern in Kalifornien und kam zu dem Schluss, dass die Kinder von Frauen, in deren Nähe Pestizide ausgebracht wurden, häufiger Autisten waren.

Auch diese Studie beruht lediglich auf Korrelationen. Es ist generell sehr problematisch, auf Basis von Korrelationsdaten Rückschlüsse auf mögliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu ziehen. Denn es ist immer möglich, dass ein unbekannter weiterer Faktor die Ursache für beide untersuchten Faktoren darstellt. Solche weiteren Faktoren bezeichnet man in der Wissenschaft als Confounder. In vielen Fällen sind Korrelationszusammenhänge auch schlicht Zufall.

Trotz dieser Problematik können epidemiologische Studien wertvoll sein. Denn in vielen Fällen wären andere Studiendesigns entweder unmöglich oder unethisch. Es wäre beispielsweise theoretisch denkbar, schwangere Frauen absichtlich in einer randomisierten Studie mit Pestiziden in direkten Kontakt zu bringen, aber die wissenschaftliche Ethik verbietet selbstverständlich derartige Studien.

Um auf Basis epidemiologischer Studien Aussagen zu treffen, sollten diese eine große Menge an Fallzahlen, im Idealfall im Bereich von Millionen, einschließen. Hilfreich ist es auch, wenn Daten von Menschen aus unterschiedlichen Regionen oder mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zur Verfügung stehen. Die Studie von Hertz-Picciotto bezieht sich aber nur auf Fälle aus Kalifornien.

Betrachtet man die Daten genauer, fallen Inkonsistenzen auf. So kann man der Studie etwa entnehmen, dass es beim Einsatz von Pestiziden auf Basis von organischen Phosphaten mehr Autismusfälle gibt, je weiter die Mütter vom betroffenen Feld entfernt wohnten. Bei verschiedenen anderen Pestiziden gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen der Entfernung zum Feld und den Autismusdiagnosen. Vermutlich handelt es sich schlicht um statistisches Rauschen.

Auch bei dieser Studie ist auffällig, dass die Schlussfolgerungen relativ vorsichtig formuliert sind, die Studienautorinnen jedoch später gegenüber der Presse deutlich weitergehende Schlüsse ziehen. So steht in der Studie selbst im Schlussabsatz lediglich, dass Mütter, die in der Nähe von landwirtschaftlichen Flächen wohnen, ein höheres Risiko haben könnten, Kinder mit neurologischen Störungen zu gebären. In einer Pressemitteilung spricht Co-Autorin Janie Shelton davon, dass die Studie frühere Ergebnisse bestätige, die einen Zusammenhang zwischen Autismus und dem Einsatz von Pestiziden herstellen. Es gehe jetzt nur noch darum, festzustellen, ob bestimmte Personengruppen besonders gefährdet seien.

Dass Pestizide ein Gesundheitsrisiko darstellen können, ist unstrittig. Welche Pestizide besonders gefährlich sind und wie man möglichen Auswirkungen am besten begegnet, ist ein wichtiges Forschungsfeld. Schwangeren Frauen zu empfehlen, den Kontakt mit Pestiziden zu vermeiden, ist vermutlich eine gute Idee. Die beiden genannten Quellen sind aber nicht geeignet, hier neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Zu Autismus werden viele Studien veröffentlicht, aber nüchtern betrachtet muss man zum heutigen Zeitpunkt festhalten, dass für keine mögliche Ursache eindeutige Belege vorliegen. Es spricht manches dafür, dass Autismus erblich bedingt ist und genetische Ursachen hat, aber eindeutige Beweise oder gar autistische Gensequenzen wurden bisher ebenfalls nicht gefunden.

Neurodiversität

Auffällig ist, dass Autisten selbst in der Debatte um Autismus oft überhaupt nicht zu Wort kommen. Viele Autisten wünschen sich einen veränderten Blickwinkel auf die gesamte Thematik und propagieren das Konzept der Neurodiversität. Demnach ist Autismus keine Krankheit und auch keine Störung, sondern lediglich eine andere Ausprägung des menschlichen Daseins.

Bei einer solchen Betrachtung rückt die Frage nach der Ursache von Autismus in den Hintergrund. Vielmehr wäre dann zu fragen, was eine Gesellschaft dafür tun kann, dass Menschen, die sich andersartig verhalten und mit gesellschaftlichen Konventionen und Kommunikationsformen Schwierigkeiten haben, trotzdem von der Gesellschaft akzeptiert werden. Ein konsequentes Eintreten gegen jede Form von Diskriminierung und mehr Toleranz für Andersartigkeit ist das beste Mittel, um Autisten zu helfen.

Der Autor dieses Artikels wurde vor zwei Jahren als Asperger-Autist diagnostiziert.

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