Ich bin nicht Charlie!

10.01.2015

Was vom Abendland übrig blieb

Ich bin nicht Charlie. Während sich in sozialen Netzwerken die Profile mit Bekenntnissen füllen, die genau das behaupten, muss ich klar bekennen: Nein, ich nicht. Weder bin ich so unerschrocken und entschlossen wie die Macher des Satiremagazins, noch habe ich jemals eine Ausgabe der Zeitung in der Hand gehalten. Einerseits ist mein Französisch dafür zu schlecht. Und andererseits sind mir manche Witze und Vignetten, die jetzt ja vermehrt im Internet zirkulieren, zu plump.

Ich weiß, das mag pietätlos klingen, zumal im derzeitigen Kontext. Und doch darf man es offen sagen: Nicht alles, was in diesem Magazin veröffentlicht wurde, war höchste Kunst und intellektuell verfeinert. Das ist ja auch überhaupt nicht der Punkt. Ganz unabhängig von inhaltlichen oder formal-stilistischen Vorbehalten muss man festhalten: Satire ist wichtig. Sich über Zustände und Ideologien lustig machen zu können, gehört zu den überlebensnotwendigen menschlichen Kulturtechniken.

"Charlie Hebdo" kannte keine Tabus und nahm keine Rücksicht auf etwaige Empfindlichkeiten. Die Macher ließen sich von Einschüchterungen nicht beeindrucken, und auch jetzt, nach den tödlichen Anschlägen, wird das Magazin weiter erscheinen. Ich bewundere das. Aber ich bin nicht Charlie. Ich bin feige. Ich ziehe den Kopf ein. Vor die Wahl gestellt, mich zu meinen Überzeugungen zu bekennen und eventuell dafür zu sterben, oder die Klappe zu halten und mit dem Leben davonzukommen, entscheide ich mich fürs Überleben. Ich bin keine Märtyrerin. Im Zweifelsfall lass ich mich lieber mundtot als ganz tot machen. Ein Leben auf den Knien erscheint mir immer noch attraktiver als ein Sterben im Stehen.

Sie dürfen das gerne erbärmlich finden. Ich bin selbst nicht stolz darauf. Und dennoch will und muss ich ehrlich sein. Heldentum ist für die meisten nichts. Und ich gehöre zu den meisten. Dabei bin ich durchaus bereit, für meine Meinungsfreiheit gewisse Risiken auf mich zu nehmen. Ätzende Kommentare in Internetforen, die mich mit Verachtung, Hohn oder sogar blankem Hass überziehen, stecke ich gleichmütig weg. Dass nicht alle so denken wie ich - geschenkt. Emotionale Diskussionen haben in einer pluralistischen Gesellschaft ihren berechtigten Platz. Aber eine Bedrohung an Leib und Leben - das ist eine andere Qualität des Angriffs.

Es gab eine Zeit, in der man die Vorstellung, dass man das, was man nicht ertragen kann, vernichten muss, mit breitem Konsens abgelehnt hat. Diese Zeit scheint abgelaufen zu sein. Heute bewegt sich der Konsens bei vielen wieder dahin, dass man durchaus draufhauen darf, wenn man mit einer Meinung, einer Verhaltensweise, einem Auftreten nicht zurechtkommt. Natürlich ist der Satz zutreffend, dass Gewalt das Instrument der Unbeholfenen ist. Wer sich mit Worten nicht wehren kann, muss eben zu anderen Mitteln greifen. Die Opfer des 7. Januar waren ihren Mördern intellektuell fraglos überlegen. Der moralische Sieger gewesen zu sein, ist allerdings nur ein schwacher Trost.

Wenn Konflikte zunehmend wieder gewalttätig ausgetragen werden, müssen wir uns fragen, was schief läuft, oder genauer, schon länger schief gelaufen ist. Die Verantwortung an Ideologien oder Religionen allein festmachen zu wollen, greift zu kurz. Wir müssen die Hintergründe aufdecken, müssen das Übel in seiner Wurzel zu begreifen versuchen. Wer sind diese Menschen, die mit sinnentleerten Parolen auf den Lippen blindwütig um sich schießen? Was geht in ihnen vor, dass sie ihr Leben dem Krieg verschreiben und damit dem ultimativen Zerschneiden jeden Dialogs, jeder Annäherung und Versöhnung? Was waren die kleinen und großen Schritte, die sie zu einem erbarmungslosen Vernichtungswahn hingeführt haben? Wann und warum haben sie eingewilligt, sich zu Instrumenten des Grauens zu machen?

Es sind dieselben Fragen, die wir uns schon im vergangenen Jahrhundert immer wieder mit Abscheu und Unverständnis gestellt haben. Immer, wenn wir auf die Verbrechen totalitärer Regime geblickt haben, standen wir vor denselben Phänomenen. Dass wir auf die ideologische Verblendung und Radikalisierung von Menschen bis heute keine Antwort gefunden haben, ist die eigentliche Tragödie des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Als Lehrerin muss ich mich natürlich auch fragen, was mein eigener Anteil an unserem kollektiven gesellschaftlichen Versagen ist. Mit Schülern über den Nationalsozialismus zu reden, ist nicht einfach. Viele rollen mit den Augen, wenn man mit diesen ollen Kamellen kommt. Es ist ihnen kaum begreiflich zu machen, dass der Geist des Faschismus keineswegs bloß durch ein paar Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts spukte. Er ist heute lebendig wie eh, er ist die Erbsünde, die in uns allen latent angelegt ist. Zu glauben, dass man gegen Totalitarismus gefeit sei, ist bereits der erste Schritt dorthin.

Aufklärung ist nichts, was man sich überziehen kann wie einen Mantel. Aufklärung muss in jedem Einzelnen noch einmal stattfinden. Zugleich darf man Menschen in ihrer Suche nach sich selbst nicht allein lassen. Wer in der Mehrheitsgesellschaft weder Zugehörigkeit noch Perspektiven finden kann, wendet sich von ihr ab - wen wollte das verwundern? Wir lassen es zu, dass zahllose Menschen enttäuscht, gedemütigt und ausgegrenzt werden, erwarten aber zugleich, dass sie sich mit den Freuden minderwertiger Ernährung und abstumpfender Fernsehprogramme über ihre soziale Sackgasse hinwegtrösten und stillhalten.

Es fällt schwer, das Nicht-Eintreten von Radikalisierung und Gewalt als Erfolg zu verkaufen

Wenn dann doch etwas passiert, haben wir die Floskeln parat. Mit Härte und Entschiedenheit dem Terror entgegentreten, nicht nachlassen im Kampf für die Werte des unablässig bedrohten Abendlandes! Dass wir genau diese Werte tagtäglich mit Füßen treten, blenden wir freilich aus. Wenn soziale und kulturelle Einrichtungen, Orte der Begegnung, des Austauschs, der Kreativität, kaputtgespart werden, wenn sich Armen- ebenso wie Reichen-Ghettos bilden, wenn die soziale Herkunft die Zukunft eines Menschen zuverlässiger beeinflusst als Talent, dann sind wir selbst zu den Totengräbern unserer Grundwerte geworden.

Die Faschisten, die unter austauschbaren Deckmänteln, sei es der Islamismus, seien es wirre rassistische Ideologien, Angst und Schrecken verbreiten, kommen aus unserer Mitte. Sie als Einzeltäter oder "Spinner" abzutun, ist genauso verfehlt wie eine pauschale Verdammung des Islam oder "der Moslems". Statt unsere Befestigungen auszubauen und immer erst mit Empörung und Engagement zu reagieren, wenn es zu spät ist, müssten wir unser Geld, unsere Energie, unsere Begeisterungsfähigkeit in Friedensarbeit investieren. Diese jedoch krankt an einer entscheidenden Stelle: Wenn sie erfolgreich ist, passiert - nichts. Und es fällt schwer, das Nicht-Eintreten von Radikalisierung und Gewalt als Erfolg zu verkaufen. Deutlich mehr Eindruck macht es, wenn man blutrünstige Täter stellt und einsperrt.

Und so dürfen wir davon ausgehen, dass auch weiterhin zu wenig für die Verlierer unserer Gesellschaft unternommen werden wird. Die Symptombekämpfung, die erst einsetzt, wenn die Milch längst verschüttet ist, wird vielleicht noch den einen oder anderen Helden und Märtyrer generieren, aber die Durchschnittsfeiglinge wie du und ich werden weiterhin in einer zunehmend unsicheren und unfreien Welt leben, die Schritt für Schritt ihre Ideale über Bord wirft. Als austauschbares Menschenmaterial in einer Arbeitswelt, die uns immer härter an die Kandare nimmt, als Langzeitarbeitslose in unendlichen Umschulungsschleifen und Behördengängen gefangen, gehen wir drohender Altersarmut und sozialer Verwahrlosung entgegen.

Kein Zweifel: Was sich mehr und mehr in physischer Gewalt entlädt, hat seinen Ursprung in einer strukturellen Gewalt, der sich kaum jemand entziehen kann. Um mit Lessing zu sprechen: Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.

Diese Probleme betreffen uns alle, überkonfessionell, geschlechterunabhängig, parteiübergreifend. Und doch interpretieren wir Freiheit vermehrt als Freiheit vom Anderen, Unliebsamen, und beschränken unsere Selbstverwirklichung auf das Zelebrieren unserer kleingeistigen Ressentiments. Kein Wunder, dass nur noch Ängsteschürer, Kriegshetzer und Kulturzyniker vom Schlage eines Henryk M. Broder oder Michel Houellebecq als Verweser unserer geistigen Konkursmasse wahrgenommen werden. Dabei gibt es durchaus die Leisen, die Unerschütterlichen, die an ein anderes Europa glauben wollen, die noch immer und jetzt besonders auf den Dialog setzen, der nicht abreißen darf zwischen uns. Und doch besteht die Gefahr, dass die Gräben sich weiter vertiefen werden.

Schon jetzt reagieren viele mit Trotz und Provokation. Nicht nachgeben, das heißt für sie: Jetzt erst recht den Islam verhöhnen, jetzt erst recht gegen die "Islamisierung" aufmarschieren. Doch diese Wege führen in die falsche Richtung. Das Recht, über andere zu spotten, in allen Ehren. Aber ein Europa, dessen Solidargemeinschaften am Ende sind, ist nicht mehr retten. Nicht einmal von Mohammed-Karikaturen.

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