Das wird man doch wohl noch zeichnen dürfen!

10.01.2015

Das Satireblatt Charlie Hebdo ist kein Vorbild für Meinungsfreiheit. Und die demonstrativ zur Schau gestellte Solidarität mit den toten Journalisten ist heuchlerisch

Die blutige Attacke auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo könnte für Europa ein Fanal im Antiterrorkampf werden wie dies der 11. September 2001 für die USA ist. Darauf deuten sowohl die Brutalität des Überfalls hin, bei dem die Angreifer zehn Journalisten und zwei Polizisten ermordeten, als auch die Reaktionen in Frankreich und anderen EU-Mitgliedsstaaten. Frankreichs Präsident François Hollande sprach umgehend von einem Terrorangriff, europäische Amtskollegen verteidigten in ihren Kondolenzbotschaften "westliche Werte". Es ist müßig, festzustellen, dass keine Zeichnung und kein journalistischer Beitrag Mord rechtfertigt. Allerdings hilft der phrasenartige Sermon, der jetzt von Politik und Medien kommt, nicht weiter, um das Geschehen in allen Dimensionen zu erfassen.

Es ist derzeit kaum möglich, eine notwendige Trennlinie zwischen der Solidarität mit den Opfern und ihren Familien auf der einen Seite sowie einer gebotenen kritischen Auseinandersetzung mit ihrer redaktionellen Arbeit andererseits zu ziehen. Hier ein Versuch.

"Die Republik wurde angegriffen"

Die Reaktionen nach dem Anschlag kamen reflexartig. Obwohl erst vage Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund vorlagen, waren die Eckpunkte schnell abgesteckt. Noch vor einer Kabinettssitzung am frühen Nachmittag ordnete Hollande das Geschehen als "barbarischen" Terroranschlag ein, um bei einer Rede an die Nation am Abend nachzulegen:

Die gesamte Republik wurde angegriffen.

Die Vorlage des Sozialisten wurde in anderen EU-Hauptstädten dankbar aufgegriffen. Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einem "Angriff auf (...) ein Kernelement unserer freiheitlich-demokratischen Kultur". Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) sah die "Meinungsfreiheit in unserer offenen Gesellschaft" beschädigt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich erschüttert über "frontalen Angriff auf unsere europäischen Werte und die Freiheit unserer Gesellschaften". Die Täter, heißt das, waren nicht Teil unserer Gesellschaft.

Vorschnelle Reflexe, falsche Solidarität

Der Rahmen, soweit die erste Feststellung, war damit vorgegeben: Sie, die Minderheit, gegen uns, die Mehrheit. Dieser aus den USA bekannte Terror- und Antiterrordiskurs beruht im Kern auf einem Konzept der Abgrenzung, das in der Doktrin "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" auch im Inneren wirkt.

"Wenn die Mörder tatsächlich fanatische Islamisten gewesen sind, wieso geht dann fast niemand der kommentierenden Politiker und Medienvertreter davon aus, dass die Muslime ebenso empört über die Tat sind, wie alle anderen auch?", merkte das deutsche Institut für Medienverantwortung (IMV) am Tag nach der Tat an, um auf vorschnelle Urteile zu verweisen.

So hieß es in einer Unterüberschrift der Berliner Zeitung, das Massaker von Paris sei "Rache für satirische Zeichnungen, in denen die Täter eine Verunglimpfung ihres Propheten sehen". Offenbar merke kaum einer der Journalisten, dass man Muslime "durch die Interpretationen und Forderungen, die jetzt ebenso vorschnell in den Raum geworfen werden", aus der Gesellschaft ausgliedere, so das IMV.

Zweitens: Es wurde sofort ein massiver Druck aufgebaut, in Folge des Massakers in der Charlie-Hebdo-Redaktion auch die Publikation an sich und ihre Blattlinie zu verteidigen. Die mehrsprachig online gestellten Druckvorlagen der Losung "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) wurden weltweit von der Homepage der Zeitschrift heruntergeladen.

"Nous sommes Charlie (Wir sind Charlie) war auf dem großflächigen Studiomonitor der Tagesthemen zu lesen, die Angestellten des Spiegel-Verlags stellten ein Gruppenfoto online, auf das sie Ausdrucke der Losung in die Kamera halten. Kai Gniffke, erster Chefredakteur von ARD-aktuell, kündigte unter diesem Eindruck gleich das in seinem Fall ohnehin angeschlagene journalistische Neutralitätsprinzip auf.

Screenshot Spiegel

Diesem errichteten Popanz zum Trotz müssen für die notwendige Debatte zwei Dinge festgehalten werden. Erstens: Die Mehrheit der Journalisten und Redaktionsleiter, die heute ein Din-A-4-Papier mit dem Aufdruck "Je suis Charlie" in die Kamera halten, hätten gestern noch eine Publikation von Karikaturen dieser Zeitschrift abgelehnt. Und dies, zweitens, zu Recht. Denn gerade die Islam-Karikaturen waren in mehr als einem Fall nichts weiter als rassistischer Schund.

Freie Religionskritik - aber nicht bei Christen

Doch zunächst zu der heuchlerischen Solidarisierung mit Charlie Hebdo. Wer angesichts des Massakers von Paris die Presse- und Meinungsfreiheit verteidigt, der sollte sich zuerst einmal fragen, ob die Publikation eines Großteils der Karikaturen auch in Deutschland möglich gewesen wäre. Tatsächlich gehört es zur Blattlinie von Charlie Hebdo, gerade auch religiöse Gruppen zu attackieren.

Wenn also der WDR mit Blick nach Paris über einen "Anschlag auf die Freiheit" berichtet, vergisst man im katholischen Köln offenbar die eigene Zensur von Carolin Kebekus’ Musikvideo "Dunk dem Herrn" Mitte 2013. Wenn die Berliner Zeitung sich heute in Betroffenheitslyrik überschlägt und journalistisches Erstsemesterwissen über Bord wirft, dann vergessen ihre Macher offenbar, dass die WDR-Zensur der Kölner Kabarettistin von dem Blatt dereinst so kommentiert wurde:

Der Skandal besteht nicht darin, dass der WDR dieses Video bearbeitet hat. Der Skandal besteht darin, dass der WDR Carolin Kebekus überhaupt eine Sendung gegeben hat.

Gerade Deutschland hat eine lange Geschichte von Zensur und Zensurversuchen, wenn es um den satirischen Umgang mit - freilich christlicher - Religion geht. Die "Titanic"-Doppelseite mit einem Kruzifix unter der Überschrift "Ich war eine Dose" (1987) ist eines der bekannteren Beispiele.

Und noch 2007 stellte das Familienministerium einen Verbotsantrag gegen ein religionskritisches Kinderbuch. Angesichts solcher und zahlreicher weiterer Fälle ist wohl klar, dass die "gouaille", die aggressive Spottlust von Charlie Hebdo, hierzulande keine Chance gehabt hätte.

Es geht also offenbar nicht um die bedingungslose Verteidigung von Meinungsfreiheit - vor allem nicht aus dem christdemokratischen Lager -, sondern um den Ausdruck eines modernen Kulturkampfes, dessen diskursive Elemente von linken Karikaturisten und rechten Islamfeinden zugleich befördert werden können.

Kompatibel mit dem Front National und Pegida

Das führt zu der derzeitigen Schwierigkeit, sich kritisch mit dem weißen Mittelschichtsrassismus einer Publikation auseinanderzusetzen, deren Macher soeben Ziel eines Massakers geworden sind. Die Mohammed-Karikaturen, die 2011 schon einmal einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume provoziert hatten, wurden von der Redaktion mit dem unbedingten Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt.

Dieses Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Prinzip aber eint absurderweise die linken Macher von Charlie Hebdo, die aus einer säkularen Religionskritik heraus agierten, und rechte Islamkritiker, die sich von rassistischen Motiven leiten lassen. Konkret: Anders als das geschriebene Wort kann das (satirische) Bild von der Intention losgelöst umgedeutet und mit anderen politischen Inhalten gekoppelt werden - wie dies der Kulturjournalist Jeet Heer anhand politischer Spottzeichnungen der vergangenen Jahrzehnte nachweist.

Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Islamkritik eines seinem Selbstverständnis nach linken Magazins auch rechten Anti-Islamisten in Frankreich (Front National), Deutschland (Pegida) oder Großbritannien Aufschwung verleiht. Gleiches trifft auf die politische Aufarbeitung der Bluttat von Paris zu, von der die genannten Rechtskräfte nun zu profitieren versuchen.

Die Alternative? Empathie für alle Opfer der zunehmend gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen westlichen Staaten und der islamischen Welt - sowohl auf geopolitischer als auch auf nationaler Ebene. Eine Solidaritätskampagne mit den Opfern der US-amerikanischen Terrorjustiz in Guantánamo wäre ja mal ein Anfang.

Denn während das deutsch-türkische Folteropfer Murat Kurnaz hierzulande bis heute stigmatisiert wird, hat Uruguays Ex-Präsident José Mujica sechs Männer aus dem US-Lager Guantánamo auf Kuba aufgenommen. Einfach so. Als "Gebot der Menschlichkeit", wie er sagte. Und während Abgeordnete der Linkspartei Anfang 2010 des Bundestags verwiesen wurden, weil sie die Namen der Opfer des Bundeswehr-Bombardements im nordafghanischen Kundus hochhielten, inszenieren sich derzeit Medienvertreter und Politiker mit der Parole "Je suis Charlie". Wie wäre es mit "Je suis aussi un Musulman"? Oder: "Je suis un immigrant?" Und das vielleicht in Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hoyerwerda oder Solingen?

Linke Abgeordnete mit Namensschildern der Opfer des Kundusbombardements. Bild: Bundestag

Charlie Hebdo: Weiß, männlich, gebildet und sozial abgesichert

Das führt zum "Rassismus" von Charlie Hebdo. Natürlich hat die Redaktion alle religiösen Gruppen und politischen Lager ins Visier genommen. Es ist aber nun mal ein Unterschied, ob man sich selber beleidigend, obszön und bar jeder Hemmschwelle karikiert oder die anderen; vor allem, wenn sie einer Minderheit angehören. Und natürlich hat die Beleidigung des Islams in Frankreich mit seiner ebenso großen wie sozial marginalisierten islamischen Migrantengemeinde eine immanent politische Subbotschaft.

Dennoch haben die antiislamischen Zeichnungen ohne jede Zurückhaltung auf Provokation und Beleidigung gezielt und sich damit die mitnichten progressive Grundtendenz westlicher Karikaturisten zueigen gemacht. Wenn aber eine Redaktion aus weißen, männlichen, gut gebildeten und sozial abgesicherten Mitgliedern - sei es auch nur satirisch - auf soziale Minderheiten eindrischt, dann ist das kein Garant für künstlerischen Wert.

Auch die aggressiven Reaktionen auf die bewusste Provokation in der Vergangenheit sind kein Prädikat "Besonders wertvoll". Und es kommt noch härter: Auch der kaltblütige Mord an zehn Redaktionsmitgliedern macht ihre Arbeit in diesem einen Aspekt nicht besser. Ein erheblicher Teil der antiislamischen Karikaturen waren rassistischer, sexistischer und menschenverachtender Schrott, der hierzulande zu Recht skandalisiert worden wäre.

Titel Charlie Hebdo: Boko-Haram-Sexsklavinnen in Aufruhr: "Fasst unser Kindergeld nicht an!"

Die zuletzt erschienene Islamkritik von Charlie Hebdo bestätigte damit, vor allem im politischen Kontext der erstarkenden Rechten in Frankreich und des wieder zunehmenden militärischen Interventionismus des Westens, die 1978 von Edward Said in seinem Werk Orientalismus formulierte Kritik an dem kolonialen Blick Europas auf den Orient und seine Menschen. Die rassistische Bildsprache der Darstellungen diene, so Said, in letzter Konsequenz der Legitimation der eigenen Herrschaft über den nahen Osten. Und, noch einmal: Das gilt geopolitisch ebenso wie gegenüber den als Fremdkörper betrachteten Migranten.

Charlie Hebdo war 1970 aus dem deutlich linkeren Magazin Hara-Kiri hervorgegangen, das massive Kritik an der konservativen Nachkriegsgesellschaft Frankreichs übte und unter den Gaullisten zeitweise verboten war. In dieser Tradition der Kritik an Machverhältnissen im eigenen Land stand auch Charlie Hebdo als Nachfolgeblatt. Satire kann und muss natürlich auch andere Länder und Gesellschaften zum Thema machen.

Gute Satire hinterfragt Probleme, spitzt sie zu und polarisiert. Schlechte Satire urteilt ab und spielt mit rassistischen Stereotypen. In diese Schiene ist Charlie Hebdo verfallen, wie nun auch die bedächtigeren Kollegen der Mordopfer anmerken.

Diese Feststellung ändert nichts an der Trauer um die Opfer des Massakers in der Rue Nicolas Appert und an der Solidarität mit den Hinterbliebenen.

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