Der Krieg soll immer weitergehen

17.01.2015

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen Muslime und islamistischer Terror haben auch eine unterhaltungsindustrielle Vorgeschichte

Wer von islamistischem Terror und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gegen Araber oder Muslime spricht, darf vom Krieg nicht schweigen. Das islamfeindliche Kulturkampf-Paradigma der "westlichen Welt" reicht weit in das letzte Jahrhundert zurück und beruht in hohem Maße - nicht ausschließlich - auf Militärdoktrinen zur Durchsetzung geostrategischer und ökonomischer Interessen. Weitsichtige Initiativen zugunsten eines globalen Dialogs der Kulturen und Religionen sind auch deshalb stets im Sande verlaufen, weil sie der - massenkulturell gestützten - Apparatur des Krieges im Wege standen.

Demonstrant 2007 in Washington. Bild: Raphael1/gemeinfrei

Denn der Krieg soll immer weitergehen. Somit dürfen jene Ursachen der Gewaltexplosionen in unserer Gegenwart, die die westliche Politik betreffen, nicht ansichtig werden. Emanzipatorische, demokratische und solidarische Entwicklungen in der arabischen Welt wurden nicht nur nicht gefördert, sondern geradezu nach Plan sabotiert. Das Bündnis mit autoritären und z.T. explizit fundamentalistischen Regimen leistete und leistet hierbei große Dienste.

Man kann nicht sagen, dass der gewichtige Anteil des Westens etwa an der Herausbildung eines fundamentalistischen "modernen Gotteskriegertums" in unseren Medien nie zur Sprache gekommen wäre. Das Mainstreaming sorgte jedoch in der Breite für solche Wahrnehmungen der Politik, Religion und Kultur in ausgewählten Ländern mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung, die einer großen Gleichgültigkeit gegenüber "westlichen" Kriegsverbrechen in eben jenen Ländern den Boden bereitet haben.

In diesem Zusammenhang ist dringend zu wünschen, dass die Ergebnisse der seit langem betriebenen kritischen Forschungen zur Darstellung "des" Islam in Informationsmedien ("Der Islam wird gar nicht mehr als Religion angesehen") endlich auch ins öffentliche Bewusstsein dringen.

Islamophobie und Rassismus aus "Hollywood"

Fast noch mehr müssten uns allerdings die menschenverachtenden Befunde im Bereich der unterhaltungsindustriellen Sortimente erschrecken. Hierbei geht es nämlich um die seit Jahrzehnten waltende Gleichgültigkeit gegenüber einer - kommerziell äußerst erfolgreichen - "Islamfeindlichkeit", die im Westen gleichsam zum massenkulturellen Standard gehört.

Dr. Jack Shaheen hat in zwanzig Jahren die Darstellung von Arabern im US-Film untersucht und in mehr als 900 Spielfilmen eine Dominanz äußerst negativer Stereotype vorgefunden. Noch vor "Nine Eleven" ist 2001 Shaheens erstes Buch "Reel Bad Arabs - How Hollywood Vilifies a People" mit Ergebnissen dieser Studien erschienen. Im gleichnamigen Dokumentarfilm "Reel Bad Arab" (USA 2006) kann man - auch anhand zahlreicher Filmbeispiele - gut nachvollziehen, warum die Befunde nicht mehr nur als islamophobe Überzeichnungen gelten können, sondern explizit als Rassismus klassifiziert werden müssen!

Ausgehend von einem friedensbewegten Kinoprojekt Anfang 2002 habe ich selbst mehr als fünf Jahre lang hunderte US-Filmproduktionen mit vornehmlich militärischer Thematik gesichtet, wobei mir durch die Ausrangierung von VHS-Kassetten in Videotheken reichhaltiges wie kostengünstiges Forschungsmaterial zur Verfügung stand, das bis in die frühen 1980er Jahre zurückreicht. Die Ergebnisse meiner Studien findet man in den Büchern "Kino der Angst - Terror, Krieg und Staatskunst aus Hollywood" (Schmetterling-Verlag 2005/2006) und "Bildermaschine für den Krieg - Das Kino und die Militarisierung der Weltgesellschaft" (Heise 2007). Auszüge aus diesen Arbeiten, die den Kanon der islamophoben Produktionen betreffen, sind nunmehr in einem kostenlosen Internetdossier zugänglich, auf das dieser Telepolis-Beitrag aufmerksam machen soll.

Bei den eigenen Kriegsfilmstudien habe ich die vorausgehenden Forschungen Shaheens nur ganz am Rande - über eine Bielefelder Magisterarbeit (2003) von Romy Wöhlert - zur Kenntnis genommen. Die Ergebnisse waren indessen die gleichen, denn die von Jack Shaheen gesichteten unterhaltungsindustriellen US-Filmproduktionen sind ja schon vor Durchbruch des Internets weltweit bis in die kleinsten Dorfvideotheken gelangt und standen natürlich auch in den Ausleihregalen an meinem Wohnort Düsseldorf.

Mir wurde während der Filmstudien bewusst, dass nicht nur die türkischen Jugendlichen im Nachbarhaus, sondern zahllose Kinder von Migranten die Herkunftskultur ihrer Eltern im kommerziell maßgeblichen Unterhaltungssortiment fast durchgehend unter der Überschrift "Das Hässliche" dargestellt finden. Leider führen Demütigungen in den seltensten Fällen zu einem Heldentum der Gewaltfreiheit.

Gemessen an der islamfeindlichen, rassistischen Hetze eines riesigen Film-Angebotes fallen die offiziellen PEGIDA-Parolen auf rechtspopulistischen Events vergleichsweise noch "harmlos" aus. Umso nötiger wäre schon vor vielen Jahren die Einsicht gewesen, dass eine offene Gesellschaft sich eine so destruktive und menschenfeindliche Massenkultur als dominantes Angebot zur Alltagsbespaßung auf Dauer nicht leisten kann.

Filmplakat zu Black Hawk Down

Unterhaltsame Akzeptanzwerbung für Kriegsverbrechen und Folter

Das sich ab 1979 etablierende Drehbuchkonzept zum Thema "arabischer Terror" war Mitte der 1980er Jahre im US-Kino schon voll entfaltet, so dass eigentlich nur noch Variationen folgten. Die sich hierbei überbietenden Schreckensszenarien - vor "9/11" noch weitgehend ohne realistischen Bezug zu äußeren Ereignissen - müssen auch als eine Art Kommunikationsangebot gesehen werden: "Das ist die Bildsprache, die wir verstehen."

In meinen eigenen Studien habe ich ein besonderes Augenmerk auf die in nicht wenigen Fällen nachweisbare militärische Unterstützung von US-Filmproduktionen gelegt. Auch bei drei äußerst erfolgreichen Terrorfilmen der 1990er Jahre findet man im "kleingedruckten Abspann" eine Kooperation mit dem Pentagon dokumentiert: "True Lies" (1993/94), "Executive Decision" (1995) und "Airforce One" (1996). Gleiches gilt für eine ganze Reihe von Militainment-Projekten, die in enger Abfolge ab Ende 2001 in Kinos und Videotheken gelangten (mit Produktionsdaten vor dem 11.9.2001).

Wer die massenkulturellen Kontexte der Kriegsapparatur verstehen möchte, kommt nicht umhin, sich vor allem den Kinotitel "Rules Of Engagement" (USA 2000) anzuschauen, der seinerzeit im Vorfeld der Wahl von G.W. Bush Junior angelaufen und von Rezensenten auch als Wahlwerbung für die Republikaner bewertet worden ist: Vor der US-Botschaft im Jemen liegen 83 tote arabische Zivilisten jeden Alters, von US-Soldaten mit Maschinengewehren erschossen. Das Drehbuch möchte den Zuschauern bis hin zum Finale schrittweise vermitteln, dass dieses augenscheinliche Kriegsverbrechen in Wirklichkeit notwendig war. Selbst kleine arabische Mädchen, so erweist es sich in Rückblenden, sind Terroristen und todeswürdig.

Wenn vom Militär - mit staatlichen Mitteln - unterstützte Unterhaltungsproduktionen auf solche Weise vorauseilend für Akzeptanz werben, bezogen auf War Crimes oder Folter, werden völkerrechtliche Belange berührt. Niemand kümmert sich darum. Aber das kodifizierte Recht spielt ja auch im wirklichen Kriegsgeschehen keine Rolle, sofern die Täter nur zur "richtigen Seite" zählen.

Tatsächlich sind Akzeptanz und Amnesie in den westlichen Gesellschaften sehr ausgeprägt, wenn die Opfer von hundertausendfachen (!) Kriegsmorden an Zivilisten, von Folter und von systematischer Verächtlichmachung dem "islamischen Kulturkreis" angehören. Das Abknallen erfolgt wie im Computerspiel. Manchmal gelangen per Zufall auch Aufzeichnungen davon ins Internet, so etwa bei einer Menschenjagd des Jahres 2004 oder bei einem 2007 von einer US-Hubschrauberbesatzung ausgeführten Massaker. Angesichts der US-amerikanischen Kriegsgräuel im Irak und in anderen "islamischen Ländern" ist noch niemand im Westen auf die Idee gekommen, "dem Christentum" liege vielleicht eine blasphemische Missachtung des Lebens in den "Genen".

"Der hässliche Araber", oder: Das westliche Militainment ist ein Bumerang

Wir sollten nicht nur vor dem alltäglichen "Kult der Waffe" als Spiegel der neoliberalistischen Religion erschrecken, sondern speziell auch vor der Menschenverachtung im ganz gewöhnlichen Militainment. Das vorzugsweise über unterhaltungsindustrielle Produktionen und in kriegspropagandistischen Zusammenhängen zur Vorherrschaft gelangte Bild vom "hässlichen Islam" und von "den hässlichen Muslimen" hat jenen Boden mit bereitet, auf dem viele religiöse Analphabeten - bar jeder theologischen und existentiellen Kenntnis des Islams - sich fundamentalistische "Identitäten" konstruiert haben. Leichter fällt es jugendlichen Militainment-Konsumenten, sich mit Modellen des Hasses zu identifizieren als sich einer permanenten Beschämung der eigenen "Herkunftskultur" zu ergeben.

Naiv war es auch, anzunehmen, man könne den hochgerüsteten massenkulturellen Kriegskomplex des Westens und dessen Medienformate für die eigene Seite reservieren, ohne Nachahmung auf der Gegenseite zu finden ("Islamisten benutzen US-Computerspiele"). Sehr zu Recht hat Florian Rötzer unlängst die Frage aufgeworfen, ob nicht der sogenannte "Islamische Staat" auch als Produkt der "digitalen Moderne" und "Ausgeburt der westlichen Kulturindustrie" betrachtet werden muss. Wer eine gewalttätige Kultur sät, erntet desgleichen. Die Resultate einer einträglichen Hass-Produktion fallen, zumal in einer vernetzten Welt, als Schrecken auf die gesamte Weltgesellschaft.

Mit gutem Recht können eineinhalb Milliarden muslimischer Frauen und Männer auf dem Globus aus unterschiedlichsten Traditionen einer kleinen Minderheit von fundamentalistischen Mördern und Kriegsanbetern vorhalten, dass sie über männliche Selbstvergottung, Sklaverei, sexualisierte Gewaltorgien, Frauenverachtung, Blutmassaker an Muslimen oder Christen ... und mannigfache irdische Profitverheißungen einen Kosmos der Hässlichkeit vorführen, der geradewegs Formatvorgaben aus der westlichen Unterhaltungsindustrie folgt (und in einem unversöhnlichen Gegensatz zu der im Koran vermittelten Gottergebenheit steht).

Im Kontext des gegenwärtigen Weltgeschehens können Muslime und Muslimas auf dem Feld der theologischen Rechtfertigungen der eigenen Religion jedoch keinen Boden gewinnen. Die gelehrten Gutachten, die eine Unvereinbarkeit zwischen Koran und IS-Praxis (oder sonstigem Mordterror) aufzeigen, ließen sich gewiss um viele tausend Seiten erweitern, doch man würde sie im Rahmen des von Fundamentalisten und Islamophobikern gesteuerten Rechtfertigungszwangs immer noch nicht zur Kenntnis nehmen. Selbst ökumenische Manifeste von Vertretern der drei abrahamitischen Religionen können nur eine begrenzte Wirkung entfalten.

Unter den Voraussetzungen weithin säkularer Gesellschaften und mit Blick auf die oben aufgezeigten massenkulturellen Befunde kommt dem Bereich des Ästhetischen eine große Bedeutung zu. Die Kategorie der Schönheit, die frommen Muslimen um nichts weniger vertraut ist als ihren jüdischen oder christlichen Geschwistern, muss ins Spiel kommen. Nur sie vermag wohl das Elend eines interessegeleiteten Kulturkampfes zu durchbrechen. Soviel steht fest: Die autokratischen Verbündeten des Westens in der arabischen Herrscherwelt werden weiterhin "unsere Panzer" kaufen, doch sie werden weder eine ästhetische Gegenbewegung - unter den Vorzeichen des Bekenntnis zu einem göttlichen Allerbarmen und der koranischen Ehrfurcht vor dem Leben - in Gang setzen, noch werden sie entsprechende kulturelle Unternehmungen finanziell fördern.

Die Liebhaber und Sachwalterinnen der Schönheit des Islams leben in unserer Mitte. Es wird Zeit, dass sie jenseits der üblichen peinlichen Befragungen zu Wort kommen. Darüber hinaus bleibt uns nur übrig, gemeinsam nach jener "überlegenen Kultur" Ausschau zu halten, die in der Lage ist, dem Programm Krieg ein Ende zu bereiten.

Internet-Dossier mit Auszügen aus den Kriegsfilmstudien des Verfassers:

Peter Bürger: Islamophobie und Terror im Kriegskino (PDF). Auszüge aus den Filmstudien "Kino der Angst" (2005) und "Bildermaschine für den Krieg" (2007).

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