Das muss man sogar zeichnen dürfen!

11.01.2015

Kritik am Satireverständnis durch die deutsche Brille? Eine Erwiderung zur Debatte über "Je suis Charlie"

In seinem Meinungsbeitrag Das wird man doch wohl noch zeichnen dürfen! greift der Autor Harald Neuber meiner Auffassung nach zu kurz. Er fährt Argumente der "political correctness" auf und gerät damit sogar in ziemlich gefährliches Fahrwasser: "Denn gerade die Islam-Karikaturen waren in mehr als einem Fall nichts weiter als rassistischer Schund."

Das legt aus meiner Sicht die Vermutung nahe, dass er die Zeitschrift nicht wirklich kennt. Was zum Fehler führt, sie mit einem verkürzten Blick aus seinem deutschen Kulturkreis heraus zu verurteilen; auch wird das Wesen von Satire falsch eingeschätzt. Das Schema wiederholt sich zum Teil auch im Artikel von Selma Mahlknecht Ich bin nicht Charlie!, wo sie bemerkt, dass sie noch nie eine Ausgabe von Charlie Hebdo in der Hand gehalten hat, wofür ihr "Französisch zu schlecht" sei. Doch auch sie zielt auf eine Qualitätsdebatte, sie hält die "Witze und Vignetten" für zu plump.

Doch in Frankreich ist Satire (und Charlie Hebdo legt sich heftig mit allen Religionen an) deutlich bissiger, als es in Deutschland üblich ist (und das ist meiner Meinung nach auch gut so). Das müsste bei der Betrachtung einbezogen werden, was aber nicht geschieht. Damit haben es vor allem mit Betrachtungen durch die deutsche Brille zu tun, leider.

Andere Kritiken im Text von Neuber sind allerdings zutreffend. Es ist natürlich unerträglich, wie sich viele nun plötzlich als die vehementen Verteidiger der Pressefreiheit aufschwingen.

Wie steht es mit der Meinungsfreiheit? Ein kleiner Exkurs

Es sind die, die fast alle dazu geschwiegen haben, als mitten in Europa in Spanien immer wieder baskische Zeitungen, Zeitschriften und Radios reihenweise geschlossen wurden, weil sie angeblich zur baskischen ETA gehören oder dies mehr oder weniger sogar gerechtfertigt haben. Und die Zensur in Spanien geht sogar so weit, dass sogar die spanische Satirezeitschrift "Jueves" wegen "Ehrverletzung des Königshauses" beschlagnahmt wurde.

Im Fall der baskischen Medien ließ sich später aber sogar vor spanischen Gerichten nichts von den Anschuldigungen beweisen, obwohl die in solchen Fällen meist nicht besonders genau hinschauen. Nur wenige Medien haben wie Telepolis oder die Zeitschrift M (Journalistenzeitschrift von Verdi) darauf hingewiesen und auch klar kritisiert, dass sogar nach spanischem Recht Kommunikationsmedien illegal geschlossen werden.

Und niemand wurde im demokratischen Europa je dafür zur Rechenschaft gezogen, kein Richter geschasst, Spanien ein Verfahren von der EU angedroht, weil es gegen die Grundrechtecharta verstößt. Die Medien oder die inhaftieren Journalisten wurden bisher nicht einmal entschädigt. Auf einen Aufschrei wartet man bis heute.

Besonders dramatisch war das Schweigen aber, weil Journalisten mitten im demokratischen Europa sogar von der Guardia Civil gefoltert wurden. Dafür wurde Spanien auch vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angegriffen, wie hier bei TP nachgelesen werden kann. Darüber herrschte ebenfalls fast völliges Schweigen im Blätterwald (Ausnahmen erneut M und Telepolis).Und schon der Richter am Nationalen Gerichtshof hatte die Geständnisse der Journalisten verworfen, weil sie unter Folter gemacht worden waren (aber darauf verzichtet, Ermittlungen gegen die Folterer einzuleiten).

Und das sagt natürlich viel über die aus, die nun angeblich die Meinungsfreiheit so vehement gegen mutmaßliche islamistische Attentäter verteidigen, die dieses demokratische Grundrecht aber nicht verteidigen, wenn die Angriffe von anderer Seite kommen: vor allem von staatlicher, im Rahmen angeblicher Terrorismusbekämpfung. Und damit hat Harald Neuber völlig recht, dass das mehr als ein Geschmäckle hat, wie er auch an Beispielen in Deutschland aufzeigt.

Die Qualitätsdiskussion zur Charlie Hebdo Satire

Der Autor liegt aber meiner Auffassung nach trotzdem falsch und am Ende seines Artikels wird es dann "schräg", wenn er die Berechtigung der Vignetten scheinbar an "Qualität" bindet, die er dann so definiert.

Gute Satire hinterfragt Probleme, spitzt sie zu und polarisiert. Schlechte Satire urteilt ab und spielt mit rassistischen Stereotypen. In diese Schiene ist Charlie Hebdo verfallen, wie nun auch die bedächtigeren Kollegen der Mordopfer anmerken.

Die Debatte um die Qualität der Zeichnungen gehört hier nicht hin, sie gehört im Rahmen des jeweiligen Werks diskutiert. Und mit Einstufungen wie "rassistisch", macht der Autor es sich nach meiner Meinung nicht nur sehr einfach, sondern damit wird es auch gefährlich.

Er scheint damit fast (obwohl ich nicht glaube, dass er das will) eine Begründung zu liefern, warum die Vignetten nicht erscheinen sollten. Damit gerät er angesichts des mörderischen Angriffs in sehr gefährliches Fahrwasser! Denn wer bitte entscheidet über die Berechtigung zur Veröffentlichung? Darf man - wie in Venezuela zum Beispiel - mit dieser Begründung die Simpsons aus dem Programm drängen?

Aus der gefährlichen Argumentation können Leute - wie die Charlie Hebdo-Angreifer - eine gewisse Legitimation für ihr Vorgehen ableiten. Doch die gibt es nicht! Und es gilt: Im Zweifel immer für die Meinungsfreiheit! Kurt Tucholsky hat das besonders für Satire auf einen Punkt gebracht:

Was darf Satire? Alles!

Was für den Autor Neuber schnell zum "rassistischer Schund" wird oder für die Autorin Mahlknecht "zu plump" ist, liegt auch im Wesen von Satire, wie sie Tucholsky beschreibt und verteidigt.

Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird.

Und in dieser Tradition steht auch Charlie Hebdo. Aus einem laizistischen Standpunkt, wie ihn die Zeitschrift vertritt, sollte es insgesamt bei der Kritik am Islam eben genauso keine Ausnahme geben, wie bei der Kritik an anderen Religionen. Und das gilt insbesondere, wenn die sich fundamentalistisch und totalitär gebärden. Und Charlie Hebdo kritisiert auch das Christen- und das Judentum bisweilen in dieser bissigen Art.

"Abendwahl für die Deppen". Abfotografiertes Titelblatt von Charlie Hebdo

Von der bissigen antiklerikalen Satire wurde niemand verschont.

"Hört auf! Es gibt keinen Gott!". Abfotografiertes Titelblatt von Charlie Hebdo

Es sind eben nicht nur Vertreter des Islam, die sich fundamentalistisch oder totalitär gebärden. So wird katholischer Fundamentalismus zum Beispiel in Spanien auch höchst offiziell von Regierungsseite gefördert, wie sich zuletzt am Vorhaben zeigte, nach Forderungen der Kirche die Abtreibung wieder unter Strafe zu stellen, was sogar der Rechtsradikalen Marine Le Pen in Frankreich zu weit ging.

Pauschale Forderungen und falsche Freunde

Deshalb wäre auch in Deutschland eine differenziertere Betrachtung wünschenswert, wie sie zum Teil in Frankreich in diesen Tagen auch geführt wird. Denn die Zeitung Liberation solidarisiert sich nicht nur vollmundig mit Charlie Hebdo und den angegriffenen Journalisten, sondern bietet ihnen materielle Hilfe, Unterschlupf und Schutz und wird damit selbst erneut zum potentiellen Ziel. Doch die linksliberale Zeitung nimmt auch Moslems vor den vielen undifferenzierten Angriffen in Schutz, als die zum Beispiel pauschal aufgefordert wurden, sich von den Taten der Täter zu distanzieren:

Damit steckt man sie in eine religiöse Schublade. Man fantasiert über eine so genannte "muslimische Gemeinschaft", anstatt die Individualität dieser Bürger zu respektieren. Damit hilft man den Terroristen, gewaltsam durchzusetzen, dass die Geschehnisse als 'Kampf der Kulturen' gedeutet werden. Die Millionen Muslime in Frankreich sind ganz normale Leute. Es gibt keinen Grund, sie zu verdächtigen, sie müssen sich für nichts entschuldigen und sie müssen sich auch nicht rechtfertigen.

Wie absurd solche Forderungen sind, wird vielleicht daran deutlich, wenn man den Spieß umdreht. Hat jemand von christlichen Kirchen oder Christen eine Distanzierung nach dem Massaker des Antiislamisten und Christen Anders Breivik in Norwegen gefordert? Hat man deshalb Christen unter Generalverdacht gestellt?

Und man sollte angesichts der falschen Freunde, die nun angeblich die Meinungsfreiheit vollmundig verteidigen und sich die erste Reihe stellen, eben nicht in den Reflex verfallen, sich in der Abgrenzung von ihnen gleichzeitig von den angegriffenen Journalisten und Charlie Hebdo zu distanzieren. Dass dafür letztlich auch noch deren angeblicher "Rassismus" angeführt wird, ist traurig.

Vielmehr sollte man in der Verteidigung von Charlie Hebdo auch die angreifen, die diesen Angriff nur für ihre Interessen ummünzen wollen. In der Verteidigung demokratischer Grundrechte, kann man sich wie Liberation hinter Charlie Hebdo und die Journalisten stellen und eben auch dem Islam-Bashing entgehen.

In diesem Sinne: Je suis Charlie!

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